Herr Ober! Die Rechnung bitte!

Ich träumte, ich wäre tot. Also noch nicht ganz, aber doch schon mittig im Prozeß des Sterbens stehend liegend. Und man flößte mir dabei so ein Zeugs ein, um mich zu plastifizieren, mich also für die Nachwelt zu konservieren, aus Gründen, die ich leider nicht mit träumte. Und ich spürte im Sterben, wie die Flüssigkeit in mich eindrang, in meine Beine sackte, von den Füßen an erst gallertartig war, dann fest und starr und immer fester wurde, und wie dieses Gefühl von Beton langsam aber stetig in mir hoch kroch. Kurz bevor es am Sack war, wachte ich auf. Nicht schweißgebadet, aber doch froh, denn Träume, in denen einem die Eier versteinern, lassen einen über viele Stunden mental wenig belastbar zurück. Und ich komme frühs sowieso kaum zu Potte, da die Ausschüttung von Grinshormonen – namentlich Serotonin und Dopamin – bei mir irgendwie gehemmt ist, was dazu führt, dass ich bis zum Frühstück allein mit den verschiedensten Möglichkeiten von Suizid kopfseitig voll ausgelastet bin. Und wenn ich dann schon im Geiste in der Garage hänge, sind Hoden aus Beton, die nun unterhalb der knapp überm Boden baumelnden Füße mit ihren Haaren den Garagenboden kehren, nicht unbedingt stimmungsaufhellend. In Würde sterben sieht nämlich anders anders. Aber wie gesagt: umbringen will ich mich immer nur bis zum Frühstück. Danach geht’s emotional bergab.

Nun ist der Tod als Gesprächsthema nicht unbedingt ein gern gesehener Gast. Denn wenn wir doch auch alle ins Gras beißen müssen, so sieht man im Allgemeinen doch zu, dieses Gras kommunikativ stets recht kurz zu halten. Verdrängung pur, dabei ist es mit dem Sterben wie mit dem Morgenschiss: wir kommen allesamt nicht drumrum. Rein rechnerisch gesehen ist man ja weitaus länger tot als lebendig, so dass man sagen muß, die übermäßige Konzentration aufs kaum bemerkenswerte Diesseits lässt uns die Vorbereitung aufs wahnsinnig große Jenseits leider sträflich vernachlässigen. Nur die Alten wissen noch, stets mit sauberer Unterhose auf die Straße zu gehen, denn der Tod, der lauert an jeder Kreuzung, jedem Zebrastreifen, jeder übersehenen Ampel. Mit Tigerslip in die Ewigkeit einzugehen ist zwar prinzipiell möglich, doch liegen zwischen Ableben und Walhalla etliche Stationen, bestückt mit Rettungssanitäter, Notarzt und Bestatter, denen Angehörige, trotz aller Krokodilstränen, noch mit festem Blick in die Augen schauen wollen. Ob es sich allerdings in frischer Unterwäsche besser stirbt, darüber schweigen sich die meisten Meinungsforschungsinstitute ungefragt aus. Ich selbst denke, auf mein weltliches Ausscheiden gut vorbereitet zu sein. Kind gebaut. Haus gepflanzt. Baum gemacht. Meine To-do-Liste ist leer. Sogar auf einem Poetry Slam bin ich aufgetreten. Und zwar mit folgendem Text.

Letzte Nacht erwachte ich bereits kurz nach Zwei Uhr und konnte nicht wieder einschlafen. Ich versuchte es mit Atemübungen und Schafe zählen. Zwecklos. Schon nach kurzer Zeit brachte ich das dreimal tief Einatmen und das dreimal noch tiefer Ausatmen durcheinander und die Schafe begannen unkontrolliert herumzubumsen. Ich schlug die Augen auf. Mondlicht stolperte über eine auf dem Boden liegende, mir völlig unbekannte Herrenunterhose. Wahrscheinlich stand der Wind wieder ungünstig. Und seitdem wir diesen Altkleidercontainer in der Nähe haben… . Na ja. Eine lange Geschichte. Ich stand auf und schloss das Fenster. Doch was tun um die nächtliche Zeit? Ich könnte ein Buch lesen. Oder auf dem Sportkanal Schlampen  gucken. Oder auch einen Ring schmieden, um sie alle zu knechten. Von Letzterem sah ich dann aber doch ab, weil die Gattin erst kürzlich meinte, sie bekäme im Schlafzimmer bei offenem Feuer kein Auge zu. Seitdem gibt es bei mir nach Mitternacht keinen Stockkuchen mehr. Gegen halb Drei beschloss ich, in der Küche etwas nachzudenken. Zum Beispiel darüber, warum man überhaupt schlafen muss. Selbst wenn man es verfickt nochmal nicht kann. Laut Eierköpfen ist Schlaf ein Relikt aus der Zeit, in welcher unsere Vorfahren noch wechselwarm waren. Da war nachts der Ofen aus. Man lag schockgefrostet in seiner Höhle, träumte von elektrischen Heizdecken und Feuerzangenbowle, bis die Sonne missgelaunt wieder zur Frühschicht antrat. Irgendwann bekam die Natur dann aber den Bogen heraus. Und erfand eine Wärmeregulierung, die es zwielichtigen Säugetieren ermöglichte, auch nachts um die Ecken zu ziehen. Aber irgendwie hat die dafür zuständige Hirnregion gepennt und dies nicht mitbekommen. Also blieb es beim über Millionen von Jahren verfestigten Ritual:  Tagesschau. Wichsen. Schlafen gehen. Tagesschau bekam ich gestern hin. Danach begannen die Probleme. Man ist halt keine Fünfzig mehr. Die Konzentration lässt nach, wie die Vergesslichkeit zunimmt. Und dann guckt man verdutzt an sich herunter und weiß gar nicht mehr, warum man seinen Schwanz überhaupt in der Hand hält. Dann glitten die sexuellen Fantasien vollends ab in die Welt von Schlagerparaden, Stützstrümpfen und Kukident. Und die Erektion fiel zusammen, wie eine von Wohlstandswänstern an Maltes 5.Geburtstag ramponierte Hüpfburg. Das war das Signal, die Feinripp wieder hochzuziehen und in Richtung Sofa zu schlurfen. Mit Fünfzig sollte man eh keine Kinder mehr machen. Da kommt doch nur noch Grobzeug bei raus. Ich habe eine Bekannte, die bekam ihren Sohn erst mit Vierundvierzig. Der ist so Scheiße, dass ich mich oft frage, ob sie den bei seiner Geburt überhaupt durchs richtige Loch gepresst hat. An Verkaufsoffenen Sonntagen sieht man ja auch, einen Mangel an Menschen haben wir nicht. Und jetzt auch noch die Asylanten. Ich denke, es war ein großer Fehler, all die Farbigen ins Land zu holen, bevor man verblüfft feststellte, dass wir in Deutschland gar keine Baumwollfelder haben. Inzwischen war auch unser Kater erwacht und tatzte mir interessiert zwischen die Beine. Verdammter Jagdtrieb, dachte ich, ging zurück ins Schlafzimmer, hob die Unterhose auf und zog sie über meine Feinripp. Dann begann ich der Postbotin aufzulauern, um des Nachbarn Zeitung gegen eine von letzter Woche auszutauschen. Das mache ich seit Monaten. Und ich wusste, wie sehr der Mann unter dieser medialen Zeitverschiebung litt. Der hatte richtigen Jetlag. Doch ich fühlte mich noch nie berufen, diese Welt zu retten. 04.45 Uhr. Todmüde stieg ich vorm Haus ins Auto ein. Todmüde stieg ich vor der Firma aus. Sekundenschlaf wird eindeutig überbewertet.

Damit ist der Drops für mich gelutscht. Wer mag, darf mir mein Leichenhemd aufbügeln. Ich habe fertig.

02/2017 ©kolumnistenschwein.de

Am Anfang war das Wort

Ich denke, also bin ich. Ich bin also und werde sterben. Irgendwann. Bis dahin ist es mir oft langweilig. Deshalb gehe ich manchmal in Geschäfte und frage da nach so Sachen, die selbst Verkäufer mit Fachabitur nach dem Abteilungsleiter rufen lassen. Letztens war ich bei SATURN und habe zwischen den Regalen mit dem  ganzen Multimediazeugs einen möglichst nervös wirkenden Berater gesucht. Den habe ich dann gefragt, was sie momentan an Chinesischem Battle Rap haben. Da hat er mit Schwitzen angefangen und nach seinem Vorgesetzten verlangt. Wir haben dann als Trio kurz über die mangelnde Verfügbarkeit von Ostasiatischem Kampfsprechgesang diskutiert und uns in Folge dessen abwechselnd in den Haufen mit im Preis gesenkten Andrea-Berg-CDs geschubst. Worauf ich das Geschäft verließ, ins Erdgeschoß wechselte, um am Obst- und Gemüsestand einen Smoothie zu trinken. Smoothies trinke ich an sich gar nicht. Nur wenn mir langweilig ist. Ich habe mir dann also einen Smoothie bestellt. Ich habe gesagt: Ich hä-hä-hä-hätte gern einen Smoo-Smoo-Smoothie mit Ra-Ra-Ra-Ra-Ra… . Worauf die hinterm Tresen und angesichts des Kundenandrangs wohl auch unter Druck stehenden Verkäuferin genervt vollendete: Mit Radicchio! Und sie drehte sich um, warf Radicchio, Birne, Trauben, Dattel und Zimt in einen Mixer, gab Limettensaft und Wasser dazu, schaltete den Mixer ein, goß die graugrüne Brühe in ein hohes Glas, steckte einen Strohhalm hinein, dazu eine Kiwischeibe auf den Rand und stellte das Glas vor mich hin. Bitteschön, sagte sie. Ich schaute auf den Smoothie. Dann schaute ich zwischen die Augen der überreifem Obst ähnelnden Fachfrau: Nicht Ra-Ra-Ra-Radicchio! Ra-Ra-Radieschen! Wie gesagt. An sich trinke ich ja gar keinen Smoothie. Nur wenn mir langweilig ist. Und mir ist oft langweilig. Eigentlich immer. Meine Ärztin riet mir deswegen, ich solle mir unbedingt ein Hobby suchen. Nun sammle ich Hausverbote. Doch ich weiß schon jetzt, bald wird mich auch dieser an sich sehr abwechslungsreiche Zeitvertreib zu Tode langweilen.

Als Heranwachsender hatte ich als Hobby noch das Lesen. Ständig war ich in der Bibliothek und lieh aus, was die Regale hergaben. Während die Klassenkameraden dem Ball hinterher rannten, oder sich auf Meiers Dachboden gegenseitig an ihren ersten Erektionen herum spielten, lag ich bei meinen Großeltern auf dem Teppich und las. Mich luden sie übrigens nie zum Fußball spielen ein. Auch nie auf Dachböden. Was ich aber bis heute nicht bereue. Denn so habe ich auf Klassentreffen die qualitativ hochwertige Gelegenheit, quer durch den Saal zu fragen: Hey, Martin, weißt Du noch, wie der Joachim Dir auf Eurem Wäscheboden einen runter geholt hat? Da hörst du die nächsten drei Minuten die Schaumblasen auf den Bieren platzen. Plöpp. Plöpp. Plöpp. Ich las alles. Lem. Scholochow. Wolkow. Marx. Drei von den Wichsern sind schon tot. Also nicht von den Autoren. Klar, die sind auch schon tot, doch meine ich drei jener Klassenkameraden, die sich auf dem Dachboden einander weitgehend Unbekanntes aus dem Handgelenk schüttelten. Einer verunfallte, einer fiel aus dem Fenster und der Dritte soll wohl auch irgendwie alkoholbedingt vorfristig eingeäschert worden sein. Was aus dem Dachboden geworden ist, weiß ich nicht. Vielleicht wachsen da ja jetzt pickelige 12jährige mit unnatürlich nach innen gebogenen Händen aus den grob behauenen fleckigen Bohlen. Und vielleicht kann man die ja ernten, wie Champignons, einfach mit dem Pilzmesser ganz weit unten abschneiden. Ich las alles. Auch nach der Wende. Satré. Steinbeck. Einstein. Bis sie mich langweilten. Nicht, weil ich alles schon gelesen, alles davon begriffen, alles verstanden hätte. Einen gekrümmten Raum kann man sich nicht vorstellen, nicht mal mit den Händen von Martin oder Joachim vor Augen. Und ja: Lesen bildet. Und dann hat man ein Riesenproblem. Denn dann weiß man was. Eine an sich verrückte Sache, denn ich kenne Leute, die Lesen nie, glauben aber nichtsdestotrotz zu wissen. Und zwar alles. Mehr als der Chef. Mehr als die Regierung. Mehr als Günther Jauch. Die kennen wahrscheinlich sogar Chinesischen Battle Rap. Doch dieses Wissen beziehen sie eben nicht aus Büchern. Ihre Quelle heißt “Ich habe gehört,.. .” Oder sie haben es auf Pro7 bei Galileo gesehen. Ich habe gehört, man könne Hodenkrebs durch Handauflegen heilen. Ich habe gesehen, wie so ein Typ einen Hohlblockstein mit seiner Stirn zerschlagen hat. Und ich antworte: Werte Dame, Werter Herr, Sie müssen sich verhört, bzw. versehen haben. Denn ich bin belesen und kann Ihnen versichern, Hohlblocksteine werden seit Jahrtausenden von Bhuddistischen Mönchen durch Handauflegen geteilt. Und Hodenkrebs heilt man alternativ, indem der Onkologe seine Stirn auf den Sack des Patienten haut. Ich habe gehört, man könne Hodenkrebs durch Handauflegen heilen. Ich habe gesehen, wie so ein Typ einen Hohlblockstein mit seiner Stirn zerschlagen hat. Und ich antworte: Werte Dame, Werter Herr, Sie müssen sich verhört, bzw. versehen haben. Denn ich bin belesen und kann Ihnen versichern, Hohlblocksteine werden seit Jahrtausenden von Bhuddistischen Mönchen durch Handauflegen geteilt. Und Hodenkrebs heilt man alternativ, indem der Onkologe seine Stirn auf den Sack des Patienten haut. Und schon nach nur zwei Gesprächen dieser Art überfällt mich wieder tödliche Langeweile. Weil mich nichts, aber auch rein gar nichts über einen längeren Zeitraum fesseln kann. Ich habe etliche Bücher zu schreiben begonnen. Ich habe unzählige Sportarten ausprobiert. Ich bin der Erfinder des Koitus interruptus. Nichts bringe ich zu Ende. Ich lege den Stift zur Seite, hänge die Boxhandschuhe an den Nagel, steige von der Gattin und gähne. Und bin ich auch kein Freund von aus intellektuell  sehr dünnen Fingern gesaugten Verschwörungstheorien, so verfalle ich dennoch auf Grund meiner Neigung, alles halb fertig liegen zu lassen, zwei- bis dreimal pro Woche dem Glauben, ich hätte auch Beethovens Unvollendete geschrieben.

Die Schriftstellerin Ebner-Eschenbach meinte, die Langeweile sei die Halbschwester der Verzweiflung. Und ich weiß, da liegt viel Wahrheit drin, denn ich, ich bin das Epizentrum der Verzweiflung. Dies ist sicherlich zum Großteil genetisch bedingt, teils gewiss auch angelesen und zu einem guten Teil ist kindliche Prägung die Basis. Ich erinnere mich nämlich leider zu gut an die erste Stunde nach meiner Entbindung, wie mein Vater mich in den Händen hielt und immer schrie: WARUM IST ER WEIß?! WARUM IST ER WEIß?! Viel später erfuhr ich dann, dass es gar nicht mein Vater war, sondern ein kubanischen Gastarbeiter, und der hatte sich nur im Zimmer geirrt.

Ich denke, da ist irgendwas in mir zerbrochen.

01/07 ©kolumnistenschwein.de