Vom Tritt in mediale Haufen

Früher, da gab es nur Zeitung. Man kaufte sie, las sie aus und stopfte sie anschließend in seine feuchte Schuhe, wickelte Käsebrote in ihr ein, oder klebte sie an die Wand, auf dass die neue Tapete einen festen Halt auf ihr finde. Heute, da gibt es Facebook, Instagram und Twitter, allesamt Technik vom Feinsten, auch wenn ich  kritisch anmerken muss: man bekommt keinen Schuh damit trocken, man kann sie nicht um Käsebrote wickeln, und die Tapete hält auch nicht darauf. Auch wenn diese Aussagen rein hypothetisch sind. Denn ausprobiert habe ich es nicht. Hier spiele ich nämlich die geballte Erfahrung von knapp 52 Lebensjahren eiskalt aus, denn ich vermute unverhohlen, es gibt da oder dort schon einen Jüngling mit unreiner Haut, der ein solches sehr wohl ausprobiert hat. Jugend forscht. Eine Stiftung, die die Jugendlichen mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern versucht, bevor diese gänzlich allein nur der Erforschung ihres eigenen Körpers anheim fallen.

Doch ich will die nach mir Kommenden nicht diskriminieren. Sollen sie sich doch austoben an den Dingen, die unsereins lächelnd zwar als neu und modern anerkennt, doch tief im Inneren längst als nutzlos einsortiert hat, denn man weiß auf Grund seiner gelebten Zeit, recht wenig ist doch existentiell. Ein Sofa ist gut. Zwei Paar gute Socken. Und ruhig öfter ein kühles Bier. Was darüber hinaus geht, bezeichne ich als Luxus, und Luxus ist doch stets, was uns vom Sofa aufstehen lässt, um uns auf die guten Socken zu machen und das Bier, das wird pisswarm in der Zeit. Es war ja auch von von je her schon immer ein gut funktionierender Trick, dem Menschen vorzugaukeln, was er denn alles angeblich so braucht, nur damit er ja kräftig über seine Bedürfnisse hinaus rackert, um die gehobenen Ansprüche der Oberklasse zu stillen.

Früher, da gab es nur Zeitung. Heute, da gibt es Twitter und ja, ich nutze es auch. Wer es nicht kennt: Twitter ist ein Kurznachrichtendienst. Man meldet sich an und kann dann kurze Texte, so genannte Tweets senden, allerdings nur in einer Länge von maximal 140 Zeichen, was Romanciers wohl eher abstößt. Auch kann man natürlich die Tweets anderer Leute lesen. Ein Hauptgrund für mich, warum ich diesen Dienst überhaupt nutze. Denn ich folge der Thüringer Allgemeinen, MDR aktuell und auch der Polizei Thüringen und bin somit immer recht gut darüber informiert, was alles so passiert um mich herum, und gibt es einen Unfall vor meiner Tür, so lese ich nur wenige Minuten darauf auf Twitter und muss nicht einmal von der Couch herunter. Früher, da musste ich es sehr wohl, denn gab es einen Knall vor meiner Türe, so war ich viel zu neugierig, um bis auf die Zeitung des nächsten Tages zu warten. Natürlich wäre es mir als Heranwachsender durchaus möglich gewesen, mich zu gedulden, bis es denn endlich in der Zeitung gestanden hätte, warum es vorm Haus so einen großen Bums tat. In der Zeit des Wartens hätte ich über die vielfältigen Möglichkeiten spekulieren können, bis es mir qualmend die Hirnschale hob, doch wäre dies im Sozialen Umfeld gewiss als abnorm aufgefallen. Die Stiftung Jugend forscht lag ja damals schließlich noch in weiter Ferne.

Nun ist es aber so, dass der Kurznachrichtendienst Twitter, dem meine Email-Adresse wegen meiner Anmeldung leider nicht unbekannt ist, mir gelegentlich Empfehlungen schickt, wessen Tweets ich doch bitteschön außerdem lesen sollte. Folge Borussia Dortmund. Folge Bibisbeautypalace. Folge Deinem Verstand.

Mir ist es allerdings rätselhaft, warum ich mich ausgerechnet für Borussia Dortmund interessieren sollte. Meines Wissens nach ist dies ein Fußballverein und außer, dass es in Stadien Bier und Bratwurst geben soll, finde ich nicht einen Grund, mir einen Haufen Männer in kurzen Hosen anzuschauen. Und wenn auch auf dem Rasen Einkommensmillionäre stehen: wer als Mann kurze Hosen trägt, der hat den Übergang ins Erwachsensein doch um etliche Hosenbeinlängen verpasst. Wovon das Spielen mit einem Ball ja auch zeugt. Und zudem ist mir das Leben einfach zu knapp bemessen, um die Tweets von Leuten zu lesen, welche körperlich zwar topfit sind, geistig aber so einfach strukturiert, dass sie sich von kleinen gelben und roten Pappen beeinflussen lassen. Ich habe Experimente mit Krähen gesehen, die haben ihr Futter durch aufwendiges Denken erworben. Nun gut. Die trugen ja auch keine kurzen Hosen.

Ähnliches gilt für ein gewisses Bibi. Ich habe es gegoogelt. Eine Göre, welche sich eine Goldene Nase verdient, indem sie die noch unreifere Fanschar mit Schminktipps und Ratschlägen in Sachen Mode – was man wann wie anzieht – per YouTube zuscheisst. Wobei sie zudem, wie ich selbst in einem Video sah, schamlos Markenprodukte vor der Linse ausbreitet.

Nun weiß ich ja nicht, wie die Algorithmen bei Twitter so ticken, doch ich kann den Damen und Herren von Twitter zu 100 Prozent versichern, von meinen erwähnten knapp 52 Lebensjahren habe ich den Großteil an Jahren nie besondere Schwierigkeiten gehabt, mich alleine an zuziehen. Und mein Interesse an Rouge und Lidstrich ist nur dann geweckt, wenn es am anderen Geschlecht regelgerecht platziert wurde. Und ich meine außerdem, unserer Jugend wäre weit mehr gedient, wenn man ihr auf YouTube nicht nur zeigt, wie man seine Wangen pudert, sondern auch, wo die nächste Öffentliche Bibliothek ihre Türen Montag bis Freitag öffnet. Da kann der Teenager sich nämlich in schweren, in Leder gebundenen Lexika über den Begriff “Grauzone” in Verbindung mit “Schleichwerbung” und “Product-Placement” informieren. Denn wer lesen kann, der ist klar im Vorteil und kann sich “Folge Bibisbeautypalace” dank nun geschlossenen Wissenslücken rückstandslos abschminken.

Und da wir schon einmal dabei sind: Ein wirtschaftliches System, in welchem ein Teenager mit Klicks ein weit höheres Einkommen generiert, als zum Beispiel ein Kellner, der sechs mal 12 Stunden wöchentlich auf den dünnen Beinen ist, nur um sich eine 2-Zimmer-Wohnung leisten zu können, das sollte doch mal gründlich auf den festen Sitz seiner Schrauben kontrolliert werden. Und wenn wir schon einmal dabei sind: Was sind das überhaupt für Eltern, die ihre Kinder im Netz ungeschützt Fußball und Kommerz aussetzen? Schließlich ist es doch bekannt, dass nur 80 Prozent des Internet Porno ist. Der Rest ist Schweinkram und Schund. Diesem sollte man aber nicht folgen. Folgen sollte man nur seinem Verstand. Und dieser Tipp ist gar nicht von Twitter, sondern von mir. Denn nur wer seinem Verstand folgt, der geht auf Nummer Sicher und muss sich keinen Scheiß von virtuellen Sohlen kratzen.

05/2016 ©kolumnistenschwein.de

Ein fester Wille mit Promille!

Ich spiele Lotto. Aber nicht exzessiv. Die meinen Tipp bearbeitende Mitarbeiterin des Getränkeshops, welcher wohl aus finanziellen Gründen einen seiner beiden Füße im legalen Glücksspiel stehen hat, hat mir versichert, mit 2,50 Euro Einsatz pro Woche gehöre ich nicht zum suchtgefährdeten Teil ihrer Klientel. Denn 1.) kann Glücksspiel tatsächlich süchtig machen. Und 2.) wäre sie gezwungen, mich zu melden, hätte sie den dringenden Verdacht, ich wäre hemmungslos der Lottofee verfallen. Also nicht sexuell. Feen fickt man nämlich nicht. Jedenfalls nicht von hinten. Da gehen nämlich die Flügel kaputt. Wo die Dame vom Lotto mich allerdings melden würde, würde ich Haus und Hof bei ihr verspielen, ist mir allerdings entgangen. Eventuell habe ich mich ja auch verhört. Ich zum Beispiel spreche recht schnell, so dass es öfters mal vorkommt, dass Menschen, die langsamer hören als ich rede, schnell in einen Wortstau geraten. Und da stehen sie dann und kommen gedanklich weder vor, noch zurück und werfen mir Blicke zu, die zum Traurigsten gehören, was ich je gesehen habe. Und vielleicht habe ich selbst ja in der Lottoannahmestelle einfach zu schnell gehört, so dass da einige Lücken in dem von mir akustisch Vernommenen entstanden sind. Und diese hat mein Gehirn mit Resten gefüllt, die es irgendwo mal eingesammelt hatte. Die Länge der Nervenbahnen eines menschlichen Gehirns soll ja insgesamt bis zu knapp 6 Millionen Kilometer betragen. Dass da an so manchem Bordstein bestimmt Unrat lagert, muss ja hier auf Grund der Logik nicht bis über Mitternacht hinaus ausdiskutiert werden.

Nun hat ja fast alles und jedes Suchtpotential. Es gibt tausende Verlangen, die den Verstand – egal wie stark er auch von seiner Bildung her verwurzelt scheint – ohne Wimpernzucken fällen. Und dann liegt man im Dreck. Wie Feen, denen man die Flügel abgefickt hat. Alkohol kann süchtig machen. Medikamente können süchtig machen. Sex kann süchtig machen. Ja, sogar Putzen kann süchtig machen. Wobei, ließe man mir eine Wahl, ich lieber öfter mal mit einer auffälligen Blutansammlung durch die Gegend laufe, als mit einem Staubwedel. Aber wie gesagt: noch bin ich weder dem Lotto, noch einem Mittel gegen Fußpilz, auch nicht dem Geschlechtstrieb, und erst recht nicht des Staubes Untertan. Beim Thema Alkohol halte ich mich allerdings mit einer Beurteilung zurück, denn wenn er mich auch nicht allzu fest in den Klauen hat, so trinke ich seit frühster Jugend gewiss mehr, als es einer Leber allein recht sein kann. Und ja: ich kenne mein Limit. Doch wir wissen ja, Limit kommt aus dem Französischen und steht für Grenzen. Und als ehemaliger Ossi habe ich mit Grenzen ja keine so guten  Erfahrungen gemacht, was das eine oder andere Glas zu viel an berauschenden Getränken eventuell erklären könnte. Wobei ich mit heran schreitenden Alter nicht mehr ganz so übel  kübel, wie noch vor einigen Jahren. Selbstkontrolle ist mir wichtig, denn wer abends seine Hosen nicht mehr allein ausziehen kann, der wacht eines morgens auf und neben ihm liegt nicht die Lottofee, sondern Jorge Gonzáles. Und wem Jorge Gonzáles acht Uhr früh breit ins Gesicht grinst, der weiß auch, wie sich eine Ameise auf der Spitze eines Grashalms fühlt, kurz bevor das Pferd zubeißt.

Wie erwähnt: ich spiele Lotto. Aber nicht exzessiv. In meinen Augen macht es ja auch gar keinen Sinn, mehr als einen Tipp am Samstag und einen Tipp am Mittwoch zu riskieren. 1,25 Euro kostet es jeweils und der schöne Gedanke, man gewinnt damit ein paar Millionen, verliert doch sofort an Süße, wenn man dann mit einem zweiten Tipp 1,25 Euro zum Fenster heraus geschmissen hat. Und die Sache mit der Sucht geht ja immer übers Belohnungszentrum. Und da muss man jetzt nicht hektisch anfangen nachzudenken, denn man findet es weder in Einkaufsstraßen, noch in den Einkaufstempeln auf Grüner Wiese. Es befindet sich nämlich im Vorderhirn und ist verantwortlich für die Entstehung von Glücksgefühlen. Da finden biochemische Prozesse statt und es sollen als Stichworte Dopamin, Mesolimbisches System und Craving an dieser Stelle ausreichen, wobei es uns ja eigentlich auch nur einen Scheißdreck interessiert, denn Hauptsache ist doch, es funzt und macht unser Grinsen breit. Siehe Jorge Gonzáles. Und man hat heraus gefunden, Vorfreude sorgt tatsächlich auch für hormonelle Schübe im Belohnungszentrum, so dass allein das Abgeben des Lottoscheines Glücksgefühle generiert. Ein Prinzip, welches sich die Lottogesellschaften gewiss sogar aufs Scheißhauspapier drucken ließen. Und wenn man da gewiss auch gern um den heißen Brei drum rum redet: man lebt in staatlichen Glücksspielzentralen bestimmt sehr gut von dem, von welchem Suchttherapeuten stets warnend abraten. Doch bei mir, da beißen sie auf Granit. Denn wenn ich das nächste mal in den Getränkeshop gehe, dann setzte ich mein Eisernes Gesicht auf und sage zur verdutzten Angestellten: “Kein Lotto heut’! Mich kriegt Ihr nicht! Geben Sie mir eine Flasche Schnaps!”

05/2016 ©kolumnistenschwein.de