2015 – Ein Rückblick in Fäkalsprache

Das auf dem Zahnfleisch kriechende Jahr 2015 war, subjektiv empfunden, das Beschissenste seit meiner Schuleinführung. Kriege, wohin das ausgeschossene Auge schaut. Datenklau im großen Stil bei Kleinkind bis Oma, wobei diese nicht mal einen Rechner, geschweige denn ein Handy besitzt, so dass man davon ausgehen muss, die NSA lesen selbst die Falten in Stützstrümpfen aus. Und dann – Land auf, Land ab – die Aufmärsche der Besorgten Bürger, die den Grund ihrer Ängste stets und ständig bei den anderen, den fremden Verlierern suchen, aber nie bei denen, die die Menschen erst zu Verlieren machen: nämlich die Umstände, fachsprachlich auch Kapitalismus genannt. Wobei ihr “spazieren gehen” so schlecht nicht ist. Schließlich wird ausreichende Bewegung bei angehender Demenz sogar ausdrücklich empfohlen. Das VW bei den Abgaswerten bescheißt, oder besser gesagt, erst 2015 dabei erwischt wird, ist eigentlich nur eine Randnotiz wert. denn schon Shakespeare wusste O guter Gott! Die Zungen der Männer sind voll Betrug., und Frauen findet man im Vorstand von VW ja keine.

Wie gesagt: ein richtiges Scheißjahr. Und es zog sich in seiner Dunghaftigkeit doch auch tatsächlich bis knapp vor kalendarischem Toresschluß hin. Denn gestern, also am 29.12., also dem 363zigsten Tag von 365, war es an mir, in Weimar ein Einkaufszentrum zu besuchen, natürlich begründet in dem Versuch, Bargeld gegen Blödsinn einzutauschen, denn im Grunde bin ich materiell bis zur Halskrause zugeschissen. Und damit sind wir auch schon beim Stichwort. Denn während ich samt Gattin Stockwerk um Stockwerk erklomm, bekam ich so einen Druck im Unterbauch, welcher mich dumpf brodelnd daran erinnerte, über die Feiertage doch weit mehr in mich hinein gestopft zu haben, als in selbiger Zeit meinen Körper auf dem dafür vorgesehenen Wege verließ, was, ohne jemals in naturwissenschaftlichen Fächern promoviert zu haben, gewiss ein grobes Missverhältnis darstellt. Und das Ganze ohne Kettensatz: ich musste kacken.

Nun kann man sagen, wenn Helmut Kohl mit “Blühenden Landschaften” gemeint hat, Einkaufszentren auch im Osten mit ansprechenden Sanitären Anlagen auszustatten, dann hat der Einkaufstempel in Weimar die Bezeichnung “Bundesgartenschau” verdient. Schon im Eingangsbereich roch es blumig und antibakteriell, Chrom und Glanz in allen Ecken, und eine Servicekraft, die einem schon beim Betreten der Anlage hinterher wischte, als würden wir Curlen, nur eben nicht ganz regelgerecht. Das Problem, welches ich hier kolumnell benennen will, galt es aber erst in den vier Wänden zu finden, welche wohl aus Gründen der Ästhetik um die Schüssel aus Porzellan herum gezimmert wurde. In ihr gab es nämlich einen Haken. Nämlich keinen. Soll heißen: nirgends konnte man seine Jacke oder auch die gefüllten Einkaufsbeutel hängen, so dass ich gezwungen war, die der Jahreszeit entsprechende dick gefütterte Winterjacke anzubehalten und die Beutel zwischen den Füßen abzustellen und dann in der Enge der Kotkabine die Hose herunter zu bekommen: zirzensisch trifft es wohl am besten.

Sollte hier jetzt der Ratschlag kommen, die Jacke doch über den Rand der Kabine zu hängen und die Beutel bei der Gattin zu belassen, so möchte ich dem Ratgeber folgendes mitteilen: auch wenn ich materiell satt bin, so möchte ich der Organisierten Kriminalität, welche gewiss auch ein berechtigtes Interesse an dick gefütterten Winterjacken hat, nicht deren Melkvieh sein. Und allein den spidermanhaften Fähigkeiten von Kaufhausdetektiven zu vertrauen, bin ich ich nicht gemacht, da ich als Realist doch weiß, just im Moments des gaunerhaften Zugriffs kann der Hercule Poirot des Einzelhandels nur eine Zelle weiter sitzen, und mit Hosen in den Knien gilt er ja ja quasi als berufsunfähig. Und höchstpersönlich im Moment des Diebstahls der Jacke hinterher zu jagen ist nicht wirklich zu Ende  gedacht, weil dann die Gefahr einer plötzlichen Darmentleerung in die Einkaufsbeutel zwischen den Füßen von der Theorie in die Praxis zu mäandern droht. Und auch wenn ich die Einkaufsbeutel in Obhut der Gattin gegeben hätte, so wäre immernoch die heruntergelassene Hose als potentieller Acker zu besehen, welcher vielleicht gegen seinen Willen auf Grund versuchter Selbstjustiz gedüngt worden wäre. Der Detektiv und ich: zwei armselige Kreaturen, gefesselt durch die Umstände, doch im Geiste nicht so arm, dafür die Schuld beim Ortsfremden fest zu machen, der genau in diesem Augenblick ein paar Schritte weiter einfach nur mal pissen will. Schließlich sind wir hier in Weimar. Und nicht in Dresden.

12/2015 ©kolumnistenschwein.de

Wie man eine Sitzgelegenheit dank gesundem Selbstwertgefühl rettet

Nun, nachdem ich laut Statistik gut über zwei Drittel meines Lebens wahrscheinlich hinter mir gelassen habe, ist es nun wohl an der Zeit zu sagen: so toll ist das ja nun alles nicht. Man  strampelt zwar mit einer gewissen Unbekümmertheit ins Leben hinein, welche aber im Grunde natürlich nur auf Unwissenheit beruht und dadurch schnell und abrupt an ihre Grenzen stößt, nämlich genau genommen just in jenem Augenblick, in welchem man sich die ersten Fragen stellt und dazu den nicht wieder korrigierbaren Fehler begeht, sich diese Fragen auch noch in Eigenregie beantworten zu wollen.

Zu meiner Kindheit gab es den Ausdruck “doof wie Schifferscheiße” zu sein, was damals durchaus eine gängige Beleidigung war, wobei Schifferscheiße in Thüringen gar nicht zur Beurteilung von dessen Intellekt und deren Problemlösungsfähigkeiten vorlag, denn auch zu DDR-Zeiten lag Thüringen – Hört! Hört! – nicht einmal annähernd am Meer. Matrosen gab es hier genau so wenig wie Außerirdische. Vielleicht sogar noch weniger. Doof wie Schifferscheiße. Heute weiß ich, es ist und war nie eine Beleidigung, denn wer er ist, der hat das große Los gezogen, ist gebenedeit, auserwählt, über dem hat Fortuna sein Füllhorn ausgekippt und in dessen blöden Arsch gerammt. Denn Doofe stellen keine Fragen. Weil sie ja schon genug Antworten haben. Frei Haus und frei Kopf von BILD und RTLII. Wer sich hingegen die Mühe macht, Fragen zu stellen und dazu keine vorgefertigten Fast-Food-Antworten zu akzeptieren, der kriegt schon früh einen nervösen Magen und Ausschlag und auf seinem Grabstein steht: Er brannte vor Neugier. Nun fiel er durch den Rost.

Was meine erste Frage war, kann ich nicht beantworten. Vielleicht wollte ich ja wissen, warum ich im Sommer 1964 lauwarme Milch aus wie Thermoskannen isolierenden Titten nuckeln musste, während Vater genüsslich kaltes Bier in sich hinein kippen durfte. Eine erste Frage blieb mir nicht in Erinnerung, somit auch keine erste Antwort, was jetzt so schlecht nicht ist, denn meine Antworten waren von je her recht eigentümliche Konstrukte, krumme und schiefe Ikea-Regale, aber eben bis heute eigenhändig – ohne die fragwürdige Hilfe von BILD und RTLII – verleimt und zusammen geschraubt. Fragen hingegen kamen tagtäglich hinzu, so auch am heutigen Tag, als ein noch recht junger Mann meinen Weg kreuzte, welcher einen  zweirädrigen Handwagen durch die herbstmüden Straßen zog, und auf diesem Handwagen transportierte er einen aufrecht stehenden chromblitzenden Grill. Wenn man dieses nun also als Antwort sehen mag, die da lautet, da zog ein recht junger Mann mit einem zweirädrigen Handwagen durch die herbstmüden Straßen meines Heimatortes und auf dem zweirädrigen Handwagen transportierte er einen aufrecht stehenden chromglänzenden Grill, so blieb es diesmal an mir, vielleicht aus genetischer Veranlagung heraus, die passende Frage dazu zu stellen. Lautete die Frage also eventuell wie folgt: Kann es sein, dass junge Thüringer Männer, verängstigt durch halbseidene Medien und Furcht sabbernde Montags- und Mittwochsdemonstrationsbrüllredner, nun panisch versuchen, das Wertvollste, das, was einem Thüringer dem Herzen am nächsten liegt, das, an dem alle Liebe, die er gewillt zu geben ist, hängt, dieses für ihn so Existenzielle – koste es was es wolle – nun noch schnell vor dem anrückenden Muselmann zu retten, nämlich seinen chromeblitzenden Grill? Oder ist es ganz einfach – schließlich naht der Winter stolpernd, aber sicher – nur ein pragmatisches Produkt steten Thüringischen Erfindergeistes, nämlich der allererste Handwagen mit Standheizung?

Man sieht, nicht nur meine Antworten, auch meine Fragen zeugen von schrägwandigen Denkprozessen, welche nicht in allen Köpfen Überstunden schieben. Und so etwas kann durchaus an die Substanz gehen. Und dann fragt man sich auch, bin ich nun doof, oder die anderen. Und dann schaue ich Tagesschau und weiß sofort, ich muss mir über meinen Geisteszustand nicht die geringsten Sorgen machen. Denn wäre ich doof, hätte die Tagesschau über mich berichtet. Genau wie über all die anderen Doofen. Solcherat Selbsteinschätzung mag überheblich scheinen, doch bin ich nicht gewillt, mein Licht unter den Scheffel zu stellen. Denn wie schnell fängt so ein Schemel Feuer und dann greift es auf den Tisch über und dann auf die ganze Wohnung. Und die Versicherung schaut sich die ganze Sache kritisch an, legt anschließend erst den Stift und dann den Kopf schief, kratzt sich an der Nase und schreibt ins Protokoll: Keine Schadensregulierung. Grund: der Versicherungsnehmer ist doof. Und wer will schon das letzte Drittel ohne Sitzgelegenheit da stehen. Ich jedenfalls nicht.

10/2015 ©kolumnistenschwein.de