Senioren, hört die Signale!

Heute morgen, ich drehte eine belanglose Runde, hörte ich aus einem von Hecken ummauerten Grundstück ein recht jämmerliches Jaulen, worauf ich mir dachte, Mensch, Lothar, alte Kolumnistenssau, mach doch mal einen Text über Altersarmut. Was ich hiermit als getan abtue, da ich ja weiß, ich beginne just in diesem Augenblick den mir selbst erteilten Auftrag abzuarbeiten.

Nun ist es ja als Thema allerdings schon in aller Munde. Da wären die schon heute Betroffenen. Da wären die in einigen Jahrzehnten Betroffenen. Und da wären die nicht Betroffenen, vor allem also Politiker, die nur berufsbedingt nicht an der Thematik Altersarmut vorbei schleichen können. Und es sind ja auch bald wieder Wahlen und die Problematik Flüchtlingskrise ist auch schon zu oft widergekaut, so dass man schon befürchten muss, der stimmberechtigte Bürger kotzt bei wiederholtem Aufkochen unbeherrscht in die Wahlurne.

Vielleicht sollte ich ja damit beginnen, den Begriff Altersarmut zu definieren. Fangen wir an mit dem Alter. Früher galt man als alt, wenn Großmutter die Kiepe mit Brennholz nicht mehr auf den Buckel bekam und Opa zu zittrig wurde, um seine Pfeife eigenhändig zu halten. Also die mit dem Tabak. Beide bekamen dann einen Platz nah am Kaminsims zugewiesen und konnten dort stressfrei auf den Sensenmann warten. Heute ist es etwas komplizierter. Den blöden Spruch, dass man stets nur so alt ist, wie man sich fühlt, vergessen wir an dieser Stelle mal ganz schnell. Denn wenn ich mich auch an so manchem Montagmorgen wie Siebzig fühle, so glaube ich nicht, die Rentenstelle alleinig mit meinem Gefühl zu überzeugen, um nun ab sofort ihr Füllhorn monatlich über mir auszuschütten. Nein, alt ist man heute per Gesetz. Da wäre nämlich der Stichtag, welchen der Gesetzgeber allerdings je nach Kassenlage festlegt, was für den gegenwärtigen Status Quo bedeutet, mit 67 in Rente zu gehen. Und Rente ist für mich gleich “alt”, denn an subjektiven Betrachtungen lässt sich das persönliche Gefühl an vergeigter Lebenszeit kaum festmachen. Ich sah Jugendliche, die sahen mit 15 schon alt aus. Und ich sah Achtzigjährige, da habe ich allein ihrer körperlichen Dominanz wegen vor Furcht die Straßenseite gewechselt. Einigen wir uns also auf 67. Ab da ist man alt, ob man es nun ist, oder eben nicht.

Wechseln wir zur Armut. Armut ist relativ, genau wie Zeit, auch wenn Einstein zur Armut nie ein Gesetz postuliert hat. Ich selbst verdiene seit dem Wechsel des politischen Regimes immer unter dem angeblichen Durchschnitt, fühle mich aber dennoch nicht arm. Würde hingegen ein Einkommensmillionär einem Blutsturz ähnlich auf meine finanzielle Ebene fallen, so würde er vielleicht wegen vermeintlicher Verelendung mit dem letzten ihm verbliebenen goldenen Cocktailspießchen versuchen sich zu erdolchen. Man möchte halt seinen Standard halten, und wenn dann doch Veränderung, so bitteschön nur nach oben. Und ich hätte das Zeug zum Moderator eines Shoppingkanals, würde ich behaupten, eine Lohnerhöhung bis zum Hungerstreik hin zu verweigern. Aber wie schon gesagt, Armut ist hässlich, oft aber auch subjektiv. Was aber dennoch nicht darüber hinweg täuschen soll, dass es Altersarmut gibt und geben wird.

Nun ist es doch so: der zukünftige Rentner, also auch ich, möchte sich im Ruhestand gewiss auch mal ab und an ein paar launische Bier hinter das Bruchband gießen. Und auch Kino und da und dort eine Bratwurst auf die Hand muss sein. Von mir aus auch gerne im Verbund. Schließlich ist es doch mal eine schöne Abwechslung – und wer will im Kino schon immer nur Eis essen – wenn kurz vorm Film der Ruf “Will noch jemand eine Bratwurst?” durch die Sitzreihen schallt. Der eine oder andere Senior möchte vielleicht auch mal verreisen. Und sollte doch deswegen keinen Krieg vom Zaune brechen müssen, nur um beispielsweise mal nach Wolgograd zu kommen. Auch wenn Opas alte Wehrmachtsuniform erstaunlich gut passt. Was ich sagen will ist, der Rentner will leben, erleben, schließlich hat er knapp 50 Jahre eingezahlt, was sich nun auch anständig auszahlen soll. Doch Pustekuchen: die Berechnungen sagen, im Jahre 2030 soll die Rente nur noch 43 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens betragen. Ich kenne Thüringer Nettoeinkommen. Und vergleiche sie mit dem Atom, als Begriff der griechischen Antike entnommen, und er steht für: unteilbar. Unteilbar deshalb, weil zu klein. Nur die Politik, die blätterte in den Veröffentlichungen der Physikalischen Fachblätter der letzten Jahrzehnte und siehe da: das Atom ist doch teilbar! Worauf man es auch für Einkommen, egal wie schmal und selbst mit feinsten Messinstrumenten kaum nachweisbar, als durchführbar einstufte. Und man gab dieser leicht durchschaubaren sozialpolitischen Aktion den Namen Rentenreform. Und wir wissen ja, Reformen sind die Hungertürme der Neuzeit.

So kann ich also nach Studium der eigenen Lohnzettel und ein wenig Kopfrechnen kein farbenfrohes, im expressionistischen Stil gehaltenes Bild der Zukunft in mein Wohnzimmer hängen. Es wird allenfalls ein schwarzweiß ausgedrucktes, rahmenloses und mit Reißzwecken befestigtes  A4-Blatt. Und auf ihm steht: Grundsicherung. Und Grundsicherung ist immer die Summe, die noch etwas zu hoch ist, um zu sterben. Aber auch wiederum zu niedrig, um zu leben. Man erhält quasi mit Eintritt in die Rente einen Status wie die Viren. Da streitet die Wissenschaft nämlich auch sehr kontrovers darüber, ob das nun schon Leben ist, oder aber nicht.

Nun, ich bin kein Ökonom. Und auch kein Politiker. Und das Orakel von Delphi schon mal gar nicht. Dennoch sage ich voraus, wir fahren da Volldampf auf einen Eisberg zu, nur das der Berg gar nicht aus Eis ist, sondern aus Scheiße. Und die Ideen, diesen Berg aus Scheiße zu umfahren, gehen in die eine, gehen in die andere Richtung, und besonders blöd daran ist: man ist wie immer erst hinterher schlauer. Man könnte die Basis der Einzahler vergrößern. Beamte und Politiker werden ja laut Stand der Forschung auch alt und die Forschung hat zudem erwiesen, dass ein Einzahlen in eine solidarische Versicherung keine Gesundheitsschäden mit sich bringt. Wenn wir bei uns im Viertel Straßenfest machen, da bringt jeder was mit. Und alle gehen mit prallen Bäuchen und weichen Hirnen unsicheren Schrittes nach Haus und es bleibt sogar noch genug über für einen veritablen Frühschoppen. Würde hingegen nur jeder Dritte was mitbringen, prägten am nächsten Tag eingefallene Wangen und mürrisch nach unten gezogene Augenbrauen unser Straßenbild und jeder, der uns sähe, würde raunen “Schlimm sehen Sie aus, Die aus dem unsolidarischen Stadtgebiet!”

Auch länger arbeiten wird als Idee gern mal in den Öffentlichen Raum geworfen. So auch in dieser Woche von Finanzminister Schäuble. Der hat ja auch gut reden. Der sitzt ja schließlich den ganzen Tag. Und ich fand im Internet eine Seite, auf der man seine statistisch zu erwartenden Lebenszeit errechnen kann. 79,39 Jahre soll ich laut diesem Angebot werden und mein Sterbetag soll der  01.09.2044 sein. Nun weiß man ja, dass alles was an Gratis so im Netz herum schwirrt, mit einer mehr als nur gewissen Vorsicht zu genießen ist. Runden wir also lieber mal auf 75 Jahre ab. Was mehr an Lebenszeit eintrudelt, nehme ich an und betrachte es wie die Dreingaben beim Nutella, wenn auf dem Glas mal wieder steht “10 Prozent Gratis mehr!” Da weiß ich ja auch, auf Dauer habe ich dieses Extra doch längst mitbezahlt. Summasummarum bleiben also vom Renteneintritt mit 67 bis zu meinem wahrscheinlichen Ableben 8 Jahre. Addiere ich die 17 Jahre bis zu meinem ersten Arbeitstag dazu, so sind dies 25 Jahre arbeitsfreies Leben. Dem stehen 50 Arbeitsjahre entgegen. Ergibt ein Verhältnis von 1:2. Und dieses Verhältnis ist in vielen Dingen aufs Beste erprobt. Koche einen Teil Reis in zwei Teilen Wasser und dein Reis wird lecker und gut. 1 Teil Blondierpulver und 2 Teile Wasserstoffperoxid und du siehst um die Rübe rum aus wie Heino Katzenberger. Für eine D-Mark gaben wir im Tausch zur Währungsreform nur zwei Ostmark, im Übrigen eine der ganz wenigen Gelegenheiten, bei der wir Ossis die Wessis mal so richtig übern Tisch gezogen haben. Mit diesen Gründen im Rücken bringe ich jeden Wirtschaftsweisen, der von mir verlangt, noch ein paar Jahre länger am Bruttosozialprodukt zu schrauben, höflich, aber bestimmt zur Tür.

Wie die Lösung der Problematik Altersarmut auch aussehen mag, ich fühle mich geistig nicht gerüstet genug, sie mir aus einem meiner Ärmel zu schütteln. Ich bin ja auch kein Volksvertreter, sondern verdiene mein in die Altersarmut führendes Gehalt in der Feinkeramik, mache also Porzellan, fürs Zerschlagen sind andere zuständig. Und sollte hier und heute, oder von mir aus auch erst morgen und dort, dieser Text einem Leser bereits auf der Zunge gelegen haben, so rufe ich ihn dazu auf: Lasst uns Altersarmen auf unseren Stützstrümpfen gen Berlin marschieren! Ein Bataillon Rollatoren bis zum Brandenburger Tor! Lasst uns den Bundestag mit Gebissen und  Inkontinenz-Einlagen pflastern, bis man uns gibt, was man ein zu Ende gehendes Leben in Würde nennt! Senioren, hört die Signale! Wir haben nichts zu verlieren als unsere Zähne!

04/2016 ©kolumnistenschwein.de

Meine Heimstatt ist die Petrischale

Auch wenn ich weiß, dass es meiner Psyche schon oft genug ein Bein stellte, so konsumiere ich dennoch regelmäßig Nachrichten. Ganz gleich ob Internet, Zeitung, Radio oder auch TV: ich nehme den ganz großen Trichter und schütte die informelle Gülle ohne Maß in mich hinein. Wobei ich mich über einzelne Meldungen nicht mehr allzu sehr aufrege, denn ich bin ja auch so eine Art Mensch und alles was an News über unsereins herein bricht, ist zumeist vom Menschen gemacht und mir somit nicht fremd. Allein ausschließen als Ergebnis menschlichen Handelns würde ich Sonnen- und Mondfinsternis; die kriegt nicht mal ein Erdogan oder ein Putin gebacken, auch wenn die Medien zukünftig gewiss Gegenteiliges propagieren mögen.

Und so entnahm ich vor wenigen Tagen meiner Tageszeitung die Info, wir Thüringer wären Reisemuffel, nur 20 Prozent der Einwohner würde es zu Kurzreisen an Wochenenden und auch zu zeitlich aufgeblaseneren Urlaubsreisen drängen, während es bei den Berlinern hingegen gut 50 Prozent seien. Nun gut, ich habe Berlin das letzte mal vorm Mauerfall besucht. Schon damals empfand ich die Großstadt als hässlich und schon damals befanden sich dort die Regierungsviertel, so dass ich den Wunsch dieser 50 Prozent durchaus nachvollziehen kann, diesen Hybrid aus Beton und staatlicher Bräsigkeit so oft wie nur möglich hinter sich zu lassen. Die andere Hälfte säuft wahrscheinlich. Natürlich bin ich mir sicher, es gibt da auch schöne Ecken. Doch man heiratet eine Frau doch nicht nur ihrer zierlichen Stupsnase wegen, wenn der Rest Richtung Schrankwand tendiert. Sollte es aber einen Berliner, eine Berlinerin geben, die mein Bild von Berlin aufpolieren möchte oder muss, so steht einer Einladung meiner Person nichts im Wege. Besonders nicht die Worte “Kost und Logis frei!”

Nun kann ich als Thüringer durchaus bestätigen, mich drängt es nicht in die Welt. Für mich hat der Strand von Aruba, einer angeblichen Trauminsel in der Karibik, gegenüber meinem Sofa keinerlei erkennbare Vorzüge. So habe ich mich noch nie mit vor Schmerz verzogenem Gesicht von meiner Couch erheben müssen, nur weil stundenlanges Herumlungern auf dieser mir einen respektablen Sonnenbrand einbrachte. Auch musste ich mir nach einer nachmittäglichen Sitzung auf dem Sofa, die ja nun eigentlich eher Liegung heißen muss, noch nie Sand aus dem Schritt pulen. Jedes Jahr werden weltweit an Stränden circa 150 Menschen von herab fallenden Kokosnüssen erschlagen. Wurde ich auf meiner Couch noch nie.

Man muss ja auch nicht alles gesehen haben. Nur weil jeder einzelne Thüringer heutzutage einen Ausbund an Mobilität darstellt, heißt es doch nicht, er muss nun unbedingt jeden verdammten Haufen, den ein Köter in irgendeinem Winkel dieses Planeten hinterlassen hat, mit eigener Nase erschnüffeln. Und auch wenn ich selbst sehr wohl eine gelungene Architektur achte, so muss ich persönlich nicht jedes einzelne epochale Kunstwerk auf seine Stabilität hin überprüfen. Soll am Eiffelturm doch rütteln, wer will: ich rüttele nicht! Mag der Sandsturm die Pyramiden auch umwehen: ich wehe nicht mit! Soll die Golden-Gate-Bridge unter Tausenden Schritten doch minimal wackeln:  ich wackele mit dem Kopf und denke mir Folgendes:

Es ist doch so, ich könnte die Welt bereisen und all die Bauwerke, welche der Mensch im Laufe der vergangenen Zeiten errichtet hat, persönlich in Augenschein nehmen, gemäß dem mir nicht verständlichen Motto: Muss man gesehen haben! Und selbst wenn ich am Tage meines Todes sagen könnte, ich habe den Eiffelturm, die Pyramiden, die Golden-Gate-Bridge und sogar den Geräteschuppen vom Alm-Öhi gesehen, so ist die Liste aber niemals vollständig, wenn man davon ausgeht, dass auch nach meinem Tode doch gewiss weiter fleißig architektiert und gebaut wird. Da werden bestimmt jede Menge an fantastischen Augenschmeichler aus Glas, Stahl und Beton mit gigantischen Flügeltüren inkl. Katzenklappen erschaffen, doch ich werde sie nie sehen, weil ja tot. Womit ich mit diesem Gedanken höchst unzufrieden von dieser Welt scheiden müsste. Früher hieß es bei uns auf den Suff bezogen, ein halber Brand wäre raus geschmissenes Geld. Bezieht man Selbiges auf mein so eben benanntes chronologisches Problem, so hieße es wie folgt: Ein halbes Haus gucken ist raus geschmissene Zeit. Da bleibe ich doch lieber weiter auf dem Sofa hocken und male Mandalas mit dem Mund.

Und wenn ich doch so ein Stubenhocker bin, so nicht etwa, weil, will man gen Sahelzone ziehen, sich gegen Pneumokokken impfen lassen muss. Ich würde mich nie gegen Pneumokkoken impfen lassen. Ich habe nämlich kein Problem mit anderen ethnischen Volksgruppen. Und ich fahre auch nicht nach Kroatien, nur weil ich der Zeitung entnahm, in verschiedenen Cafès gebe es zwei Preislisten, eine für Einheimische und eine mit erhöhten Preisen für Touristen. Ich würde einfach mein Hemd zerreißen, mich drei Wochen nicht rasieren, mich mit Slivovitz parfümieren und schon hielte man mich für einen der Ihrigen. So ein Verhalten wäre nicht fremdenfeindlich. Gäste bluten lassen ist es dagegen schon. Und es ist ja nun nicht so, dass es überhaupt keinen Thüringer in die Welt hinaus zieht. So stand nämlich weiterhin in meiner lokalen Zeitung, eine Frau hätte im Orte Mosbach im Wartburgkreis sich mit Gitarre und Fahrrad mittig der Fahrbahn auf eine Bundesstraße gestellt, um so eine Mitfahrt in einem der auf dieser Straße verkehrenden Fahrzeuge zu erzwingen. Dass die Frau betrunken war, soll hier nur still und unbetont erwähnt werden. Wahrscheinlich stammte sie ja aus Berlin.

Natürlich bin ich in meinem zu gut zwei Dritteln gelutschtem Leben auch dann und wann verreist. Italien. Polen. Griechenland. Russland. Türkei. Und jede Reise hinterließ Erinnerungen, die ich selbst bei größter Anstrengung nicht als unangenehm kategorisieren kann. Hinterfragen möchte ich allein den Sinn. Wenn dreimal umziehen wie einmal abgebrannt sein soll, so sage ich, ist einmal Koffer packen mit meiner Gattin wie dreimal abgebrannt. Womit wir des Pudels Kern nach langem Anlauf endlich frei gelegt haben.

Und wenn wir nun endlich den Grund meiner Reisephobie in einer textlichen Sitzung erkannt haben, so möchte ich dennoch darauf verweisen, dass die Automobilindustrie intensiv an autonomen Fahrzeugen bastelt, also Autos, die vollkommen selbständig auch samstags und sonntags und selbstverständlich auch in Urlaubszeiten in wenigen Jahren durch alle Herren Länder fahren werden. Da muss kein Fahrer mehr drin sitzen. Da muss überhaupt keiner mehr drin sitzen. Vor allem kein Thüringer.

Ich betrachte mich als geheilt.

04/2016 ©kolumnistenschwein.de