Gagarin hätte gekotzt

Da haben die Astronomen also einen weiteren erdähnlichen Planeten entdeckt. Dies mag der Astronomen Brust ganz und gar zurecht vor lauter Stolz bis kurz vorm Platzen weiten. Der Bauer erntet Weizen bis das Dach abhebt. Diamantenschleifer schleifen bis sie vor lauter Edelsteinrumblitzerei den Grauen Star bekommen. Und die Nutte treibt sich den Tripper mit Naturheilkunde aus. Jeder Berufsstand glänzt demnach auf seinem Gebiet. Und was soll ein ausgebildeter Astronomen denn auch schon weiter den ganzen lieben langen Tag machen, außer eben nach erdähnlichen Planeten zu suchen. Und hat er dann endlich einen entdeckt, so freue ich mich mit ihm, nicht überschwänglich, mehr so dezent im Inneren, da wo sich bei mir Anerkennung und Verachtung über’n Zaun hinweg unterhalten.

Dass der neu entdeckte Exoplanet gute 1400 Lichtjahre weit entfernt im Weltenall baumelt, sei hier nur nebenbei erwähnt. Ich fahre einen Toyota Aygo und ohne groß in der Vertragswerkstatt lästig nachfragen zu wollen, bin ich mir ziemlich sicher, er fährt nicht mal bei streng durchgetretenem Gaspedal auch nur annähernd Lichtgeschwindigkeit. Den Planeten zu besuchen kann man also genauso gut von seiner proppevollen To-Do-Liste streichen, wie den Versuch, der Nutte ihr Hausrezept gegen Tripper gegen ein Stück kalten Zwiebelkuchen einzutauschen. Prostituierte mögen zwar vielmals überschminkt sein, doch sagt dieses nichts über ihren geistigen Zustand aus. Manchmal kommen Menschen eben leider in die missliche Lage, ihren Körper verkaufen zu müssen, doch heißt das nicht, sie wären eben doof. Doof ist doch eher der, der diese Körper nutzt, ausnutzt, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Denn ganz gleich ob Nutte oder Fließbandarbeiter bei VW: ohne sie läuft nichts, egal ob auf der Straße oder am Band. Und ob man nun im Liegen oder im Stehen seinen Lebensunterhalt verdient, ist als Unterschied nur marginal, denn beides ist ehrenhaft und nährt sich nach Jahren aus einem Pool großer beruflicher Erfahrung. Und wer diese mit kalten Zwiebelkuchen erkaufen  will, ist ein herzloser Lump. Zurück zum erdähnlichen Planet.

Was heißt das überhaupt: erdähnlicher Planet? Wie muss man sich so einen Planeten vorstellen, wenn er erdähnlich sein soll? Kann man dementsprechend davon ausgehen, dass auf ihm auch eine Spezies haust, die trotz eines auf dem Planeten klar erkennbaren Mangels an sauberem Wasser darauf besteht, wöchentlich ihr privates Fortbewegungsmittel einzuseifen und mit zig Hundert Litern Wasser klarzuspülen? Gibt es dort demzufolge eine intelligente Lebensform, die die Ressourcen ihres Planeten dank ihrer Intelligenz im Konsumrausch in riesige Haufen voll Müll wandelt, in der selbsttrügerischen Hoffnung, nachfolgende Generationen kriegen das schon irgendwie wieder gebacken? Leben dort Menschen, von denen sich ein Großteil mit einer industriell gefertigten Art Lebensmitteln – welche nur unter groben ästhetischen Einschränkungen als genießbar anzusehen sind – den Wanst bis zum Bersten mästet, während ein mindestens gleich großer Anteil der Bevölkerung vor Hunger nichts zu scheißen hat? Führen auf diesem Planeten ganze Volksgruppen Krieg, weil ihr Gott zwar groß ist, aber dennoch wohl nicht so groß, als dass er für alle reicht? Und um der schlechten Dinge eine Krone aus Talmi aufzusetzen: hat man dort Nachbarn, welche von März bis November rund um die Uhr ihren Rasen mähen?

Werte Astronomen, bei allem notwendigen Respekt vor eurem anstudierten und plagiatierten Wissen: sollte erdähnlich bedeuten, dass der neu entdeckte Planet tatsächlich in obig benannter Form erdähnlich ist, so wäre es wünschenswert, diesem Ort eine weiträumig geplante Umgehungsstraße anzugedenken. Denn schließlich: wer einen eitrigen Pickel am Arsch hat, der wünscht sich doch keinen zweiten! Und sollte sich jetzt der eine oder andere Himmelsbeobachter fragen, was er denn dann bitteschön den ganzen lieben langen Tag so weiter machen soll, wenn sich doch kein Schwein für solch erdähnliche Planeten interessiert, so sage ich ihm höflich, aber mit leichtem Nachdruck in der Stimme: Geh’ arbeiten!

Juli 2015 ©kolumnistenschwein.de

Zwischen Sozialismus und Suizid

Das kann doch nicht mehr lange gut gehen. Denke ich in letzter Zeit des öfteren, wenn ich die 20-Uhr-Tagesschau sehe. Und diesen Gedanken hege ich nicht nur, weil sich Jan Hofer mal wieder angehost hat, als wäre seine gesamte Familie – von der Urgroßmutter mütterlicherseits bis zum Vetter 4.Grades – einer Blutfehde zum Opfer gefallen. Und dazu ein Gesichtsausdruck, als müsse er fünfmal in der Woche zu gotteslästerlicher Zeit in eine milchverarbeitenden Industrieanlage eilen, um mit seinem Gesicht dafür zu sorgen, dass die Sahne termingerecht sauer wird. Er blickt rein in den Bottich und das Milchzeugs wird blitzartig stichfest. Nun gut, an den wenigen besseren Tagen hängt er sich zum dunklen Anzug einen relativ bunten Binder um den Hals. Relativ deshalb, weil nicht jeder Zuschauer ein tiefdunkles Grau als Farbe empfindet. Und bessere Tage, weil seine Sahnebude weit im zeitlichen Plus steht, da die Sahne nicht erst sauer wird, wenn der Hofer sie anguckt, sondern schon allein, wenn man ihr sagt, der Hofer schiebe heute Schicht. Auch wenn dieses gewiss nicht am Menschen Hofer alleine liegt, sondern vielmehr an seinem Beruf: dem bestimmt gut bezahlten Überbringer schlechter Nachrichten. Und einem Hiob steht nun einmal keine Clownsnase. Die Moderatorinnen sind da hingegen schon etwas gesichtsfreundlicher und zudem farbintensiver unterwegs. Also nicht wirklich unterwegs, denn sie stehen ja nur. Würden sie im Studio herum hopsen wie Wildhasen zwischen zuschnappenden Fangeisen, wirkt der Zuschauer nämlich schnell unkonzentriert. Er rutscht auf seinem Sofa hin und her, bis der Stoff seiner Jogginghose und der Bezug seiner Couchgarnitur ganz dünn wird. Noch dünner als die Lippen von Judith Rakers. Auch diese gehört zu den Moderatorinnen, welche sich nicht nur schmallippig, sondern auch farblich von Hofers Anzügen abgrenzen. Zur Farbenfrohheit sind die Moderatorinnen allesamt zudem meist bis zum Kinn zugenöpft, was jetzt aber keinen wirklich gerichtsfesten Grund zur Beschwerde bietet. Schließlich ist es nicht jedermann Ding, wenn aus dem 127-cm-3-D-Flachbildschirm heraus Susanne Daubners Titten allen Nippes vom Fernsehtisch fegen. Doch all dies ist nicht Grund, warum ich Abend für Abend denke, dass kann doch nicht mehr lange gut gehen. Es sind vielmehr die Nachrichten, welche ich nun schon über Dekaden höre und die sich, den vielen Jahren zum Trotze, kaum je in ihren Aussagen geändert haben. Und ständig drehen sich die Meldungen irgendwie um Flugzeuge. Mal stürzen sie ab. Mal werden sie entführt. Mal werden sie bestreikt. Und manchmal sind diese Varianten sogar ineinander verdreht wie die Armbänder, welche in regelmäßigen Abständen von irgendwelchen hirnfressenden Rotzgöhrenmagazinen zum Trend erklärt werden. Dann sieht man in der Tagesschau einen seit seiner Geburt nicht rasierten Self-made-Mullah, welcher den in der Wüste abgeschmissenen Journalisten erklärt, man hätte Flug 232 ja gerne im Namen irgendeines Gottes entführt und über dem Hauptsitz des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten abstürzen lassen, doch leider wurde der Flug von einer Gewerkschaft namens Cockpit bestreikt. Und dann macht Angela Merkel ihre Raute und säuselt mit einem Gesicht – welches Jan Hofer durchaus um seinen Zweitjob im Milchhof bangen lassen muss – dies alles sei nun einmal alternativlos. So alternativlos wohl, wie ihr geschmeidiger Wechsel von einem politischen System ins andere. Wie ein Lungenfisch, der sowohl im Wasser, als auch an der Luft zurecht kommt. Nibelungentreu von Aluchip bis Bitcoin. Eine zur Gesichtsfünf degenerierte Katharina Witt ohne Schlittschuhe. Die Krönung der Evolution, denn Evolution heißt sich anzupassen, und wenn das System halt an allen Ecken und Kanten drückt und sich partout nicht dem Menschen beugen will, so beugt sich halt der Mensch bis er ins System passt. Was ihr besser gelingt, als bei ihren Hosenanzügen. Sozial ist, was Arbeit schafft. Und Arbeit macht frei. Die Systeme wechseln, doch die Sprüche werden nicht besser. So schaue ich also Tag für Tag Tagesschau und erwische mich in letzter Zeit zwischen 20.00 und 20.15 Uhr dann und wann beim glimmenden Gedanken, in einer größeren Tageszeitung ein halbseitiges Inserat zu schalten. Und das Inserat lautet: WO BLEIBT EIGENTLICH DIE VERDAMMTE RAF, WENN MAN SIE MAL BRAUCHT? Und wer den Roten Faden in dieser Kolumne sucht: aus diesem drehe ich mir gerade einen Strick. Denn mal ehrlich: Das kann doch nicht mehr lange gut gehen. Oder?

Nachtrag: Gestern sah ich in der Tagesschau – entgegen meiner im obigen Text verfestigen Meinung – Judith Rakers in einem Kostüm, welches keineswegs bis an den Hals geschlossen war. Es hatte nämlich einen Ausschnitt, welcher meine ganze Aufmerksamkeit als Mann forderte. Vielleicht war ich ja Zeuge eines jenen Moments, den Judith Rakers dereinst mit den Worten Ich war jung und brauchte das Geld rechtfertigen wird. Auch trug Jan Hofer einen Dr.-Oetker-Rote-Grütze-farbenen Schlips. Für ihn gilt aber selbiges wie für Judith Rakers. Nur dass er zu alt für jung ist.

Juli 2015 ©kolumnistenschwein.de