Leben unterm Häkelkreuz

Meine Gattin und ich, wir unternehmen ja viel gemeinsam. So sitzen wir manchmal über Stunden im Wohnzimmer und schweigen uns an. In stillem Einvernehmen ruhen wir in diesen wie Gelatine erstarrten Momenten in den verschiedenen Varianten  unserer Sitzgelegenheiten und lassen die Gedanken möglichst geräuschlos in sicherlich ebenso verschiedene Tagtraumwelten gleiten. Da kannst du die Milben im Sofakissen husten hören. Und das Aneinanderstoßen der in Gruppen aufsteigenden Blasen im auf dem schweren Eichentisch stehenden  Glases mit Selters auch. Es ist, als prange an unserer Hauswand gleich neben der Eingangstür ein Schild mit der in Gold und altdeutscher Schreibweise verfassten Aufschrift “Wolke 7”.  Eine Idylle vor dem Herrn. Und auch dahinter. Doch seit geraumer Zeit  liegt ein schwerer Schatten auf unserer ach so adrenalinfreien, wohnzimmerbezogenen Zweisamkeit. Und dieser Schatten trägt den Namen Häkeln. An sich ist Häkeln ja nichts Verwerfliches. Es ringt unseren zwischenmenschlichen verbalen Ruhephasen keinerlei Kompromisse ab, wenn man mal von den gelegentlichen Einwürfen wie “Mist!” und “Ich hab` mich verzählt!” und “Jetzt kann ich nochmal von vorn anfangen!” meiner Lebensabschnittsgefährtin absieht. Nein, das Häkeln stört so wenig wie die vereinzelte Blähung eines Wanderers im mächtigen Thüringer Wald. Dass meine Gattin nun seit circa zwei Jahr häkelt, ist also nicht mal ansatzweise Grund meiner sanft, aber stetig wachsenden Besorgnis. Nein, ich bleibe dabei: das flinke Arbeiten mit Wollfaden und Nadel ist rein und als zum Hobby gewordenen Handwerk voll des Lobes wert. Hätte Frau Merkel just im Moment der beginnenden neuzeitlichen Völkerwanderungen gehäkelt, statt großzügige Einladungen in immerfort hungrige Kameras zu menscheln, wer weiß, ich würde die Kölner Domplatte vielleicht noch heute für in Vinyl gepresste Choräle sackloser Kirchendiener halten. Hat sie aber nicht. Was nun aber auch wiederum Vorteile hat. Denn Häkeln produziert hauptsächlich wollene Niedlichkeiten, und zwar am laufenden Band. Heere von honigsüß grinsenden, mit großen unschuldigen Plastikaugen, ohne jegliches Wimpernzucken geradeaus glotzenden Wollknoterein. Schildkröten. Enten. Eulen. Puppen mit Mütze. Hasen mit Bart. Wir haben sie alle. Eisbären. Puppen ohne Mütze. Aliens mit mit nur einem Auge. Selbst ein kleines gehäkeltes Nutella-Glas. Und natürlich Hasen mit Bart. Wir haben sie alle. Und ich, mit grobporiger Haut, nicht parallel verlaufendem Blick und Haaren in der Nase, also zweifelsohne der Antagonist zu all den wollenen Augenschmeichlern,  und ich mittendrin. Im Meer der gehäkelten Ach-sind-die-süß!-Kreaturen bin ich die öde Insel, die niemand bewohnen will. Und in solch einem Umfeld empfindet man es schon als außergewöhnlich belastend, wenn einen Vater und Mutter nur auf die alte Art und Weise zusammen gevögelt, statt mich im Scheine der wegen falsch verstandener Sparsamkeit mit einer 40-Watt-Glühbirne ausgestatteten Wohnzimmerfunzel gehäkelt zu haben. Doch selbst das ist nicht das Problem, um welches ich samtweich diesen Text legen will. Das Problem ist, das Haus wächst nicht mit. Während also meine Gattin alle im Internet frei  verfügbaren Häkelanleitungen – und dazu alle Anregungen im schier endlosen Angebot der Hobbyzeitschriften – nachhäkelt, bleibt unser Haus von der Wohnfläche her arg beschränkt. 70 Quadratmeter sind 70 Quadratmeter sind 70 Quadratmeter. Doch die Wollwesen breiten sich darin  aus wie die Geschlechtskrankheiten kurz hinter der Front. Sie sitzen auf Sessellehnen, Couchrückenteilen, eigens angefertigten Wandregalen, liegen neben mir im Bett und neben meiner Gattin auch. Sie hängen als Miniatur an Kleiderschränken und Handtaschen, sitzen auf Monitoren, Fensterbrettern und wer weiß, demnächst stecken sie vielleicht sogar noch in meinem Arsch.  Insekten sind dagegen eine sehr seltene Spezies. Doch wie gesagt: das Haus wächst nicht mit. Und wenn dann die Gattin, angesichts dessen, was sich alles noch so häkeln lässt, droht, “sie habe noch viel vor!”, dann reißt bei mir gewiss alsbald der garantiert nicht aus Wolle bestehende Geduldsfaden. Denn weder verspüre ich das brennende Verlangen, in den mir noch verbleibenden Jahren Stockwerk um Stockwerk aufs Haus zu setzen, noch das Haus bis zum Mittelpunkt der Erde hin zu unterkellern, und  überhaupt bin ich ganz und gar nicht gewillt, für den Rest meiner Tage Tag für Tag nach Feierabend ein Bad in gehäkelter Menge nehmen zu müssen. Warum kann ausgerechnet meine Gattin nicht ein Hobby wie ein mit einer auf gerade gewachsenen Beinen stehenden Psyche ausgestatteter Mitmensch haben!? Sie könnte doch samstags wie ein ganz normaler Mensch ins Stadion gehen um Schalensitze herauszureißen und diese dann auf die gegnerische Mannschaft, heimische Ordnungskräfte und Schürze tragende Bockwurstbudenbedienstete werfen. Da brächte sie gegebenenfalls nur blaue Flecken und Hautabschürfungen mit nach Hause und die nehmen, ohne dass ich jetzt der ganz große Fachmann in Sachen Epidermis wäre, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kaum Platz in Anspruch. Oder Reichsbürger könnte sie werden. Da kann sie über lange Stunden hin seitenweise hochkomplexe Pamphlete verfassen, die dann bestimmt auch nur für sehr kurze Zeit bei uns im Hause lagern dürften, denn die am gesunden Menschenverstand kratzenden Schriften müssten ja umgehend aufs Amt, um dort den angesichts der Papierberge hoch erfreuten und laut Reichsbürgern mit der deutschen Geschichte fremdelnden Bürokraten Mores zu lehren. Und an jedem Wochenende kann sie Deutschland in den Grenzen von 1937 mit Wimpeln abstecken. Da ist sie viel an der frischen Luft und braucht uns nicht aus Langeweile die Bude voll häkeln. Aber nein. Sie häkelt. So liegt es nun also an mir, denn schon der große Denker Immanuel Kant wusste, dass wohl die Akzeptanz der Hauptteil des Glückes sei, so dass ich mich, Kant und Krise im Hinterkopf, still und ohne Zorn zwischen die Puppen mit und ohne Mütze und die Hasen mit Bart quetsche. Da sitze ich ja nun auch gar nicht mal so unbequem. Bombenfest verkeilt zwischen Puppe und Hase: da kann ich dösen ohne die Gefahr, eingeschlafen mit der Stirne auf die Kante des schweren Eichentischs zu knallen. Und mir bleiben ja auch noch die Stunden, die ich in der Firma, also außerhalb des Hauses bin und somit fern von wollener Bedrängnis frei und tief durchatmen kann. In der Firma ist niemand aus Wolle und da sieht auch keiner niedlich aus. Bärbeißig und aus Fleisch sind die meisten und das Beste ist, die sitzen bei mir zu Haus gewiss nie auf Sessellehnen, Couchrückenteilen, eigens angefertigten Wandregalen und liegen auch nicht neben mir im Bett und auch nicht neben meiner Frau. Das ist gut und wär noch viel besser, wenn nicht spätesten kurz vor Feierabend eine Nachricht meiner Gattin auf meinem Smartphone landen würde, ein Foto von einem neuen woll’nen Hausgenossen, nigelnagelneu, just vor nur wenigen Augenblicken aus dem Uterus der handwerklich hyperaktiven Hände meiner Gattin geschlüpft, und darunter, wie so oft und immer, die obligatorische Aufforderung: “Hab mich lieb!”

Morgen, spätesten übermorgen, erdolche ich mich. Und zwar mit der verdammten Häkelnadel.

07/2017 ©kolumnistenschwein.de

 

Ein Einkaufswagen voller Panik

Ab und an suche ich ja im Internet nach allerneuesten wissenschaftlichen Studien in allgemein verständlichem Ton, denn immer nur Fett- und Bindegewebe auf Seiten anzustarren, deren Domains seit ein paar Jahren hinter dem Punkt mit einem verräterischen xxx enden: na ja. Und zwei dieser vermeintlich brandaktuellen und von mir gelesenen Studien verstanden es letztlich, mich leidlich zu verunsichern. Da wäre zum einen die wissenschaftlich geerdete Aussage, dass Alkohol schon in moderaten Mengen das Gehirn schädigen soll. Im Hippocampus gehen nämlich angeblich mit jedem Glas über den Durst stückweise Erinnerungs- und Orientierungsvermögen flöten. Und dann wäre noch die Studie, die besagt, dass der menschliche Darm durch viel Laufen geschwächt werde und dementsprechend gastrointestinale Symptome zeigt. Unfachmännisch ausgedrückt: mit jedem gelaufenen Kilometer steigt die Wahrscheinlichkeit, in der Unterhose Dinge vorzufinden, die sich beim Start eindeutig noch im Körperinneren befanden. Und da ich beide Studien innerhalb kürzester Zeit inhalierte, sah ich sofort einen Zusammenhang, welcher mich Fackel und Mistforke schwenken ließ, allerdings nur gedanklich, denn weder bin ich Ku-Klux-Klan-Mitglied, noch Genossenschaftsbauer, habe also weder eine Fackel, noch eine Forke im Haus. Was als Behauptung natürlich unter schwerem Muskelschwund leidet, denn nicht jeder, der eine Fackel und eine grobzinkige Forke zu seinem Hausrat zählt, ist automatisch ein zwischen Rüben  rackernder Rassist. Bei “Bauer sucht Frau” hat ja einer der notgeilen Ackersleute sogar eine Asiatin geheiratet. Aber vielleicht war es ja Nacht und er hatte – genau wie ich – nur keine Fackel im Haus. Doch warum ich selbst innerlich wie bekloppt fackelte und mistforkte ist der folgende Grund: Ich trinke. Seit frühester Jugend. Über Muttermilch, Fencheltee und Malzkaffee kam ich schlussendlich zum Alkohol. Und bei dem blieb ich. Auch wenn ich das Trinken mit den Jahren schon etwas eingeschränkt habe. Also Muttermilch geht gar nicht mehr. Fencheltee und Malzkaffee​ nur aus Höflichkeit. Und in kleinstmöglichen Dosen. Die Messlatte “moderat” reiße ich bei geistigen Getränken allerdings gewiss noch immer ohne groß Anlauf nehmen zu müssen. Und die Gesamtmenge aller in den letzten 40 Jahren von mir konsumierten Alkoholika würde wohl den einen oder anderen Freiwilligen Feuerwehrverein bis ins Gründungsjahr hinein in seinen Grundfeste​n erschüttern. Und nun ist es ja auch leider so, dass es mir seit einiger Zeit sehr wohl – und weit mehr als nur einmal – am nötigen Erinnerungsvermögen fehlte. Und an Orientierung sowieso. Fangen wir mit den Namen an. Die merke ich mir einfach nie. Die sind für mich nur Schall und Rauch. Doch fragt man mich auch nur fünf winzige Minuten später, was Namen für mich sind, so fällt es müd aus meinen Mund: Habe ich vergessen. Und was mein Orientierungsvermögen angeht: dreht man mich nur einmal im Kreis, dann beginne ich zu weinen, reibe mir mit den Fäusten die verheulten Augen und schreie, bis ein Beamter mich nach Hause bringt. Was in meinem Wohnort schon als recht bizarr gilt, denn hier wird man als über Fünfzigjähriger für gewöhnlich von Beamten nur abgeholt. Worauf ich aber hinaus will ist, dass man laut erster Studie schon nur des moderaten Saufens wegen – und der damit angeblich synchron einher kommenden mangelnden Orientierung  auch in nüchternem Zustand – auf dem Wege nach Sonstwo gezwungen ist, unter Umständen viele Extrarunden drehen zu müssen.  Und dass laut zweiter Studie wegen des ganzen Rumgelatsches  auch noch die Gefahr besteht, dass dann der Schließmuskel schon weit vor Dienstschluss nach Entspannung sucht. Doch habe ich auf den Etiketten von Krombacher noch nie einen dementsprechenden Warnhinweis gesehen. Da steht nur was von Perlen der Natur. Doch das sind doch keine Perlen, die man dann auf Grund der beschriebenen und eng verknüpften Problematiken​ eventuell in seiner Feinripp findet. Außerhalb der 0,5-Liter-Flasche greift das viel beschworene deutsche Reinheitsgebot scheinbar also bisweilen gar nicht mehr. Das hat mir mein Wirt aber nicht gesagt, als ich Muttermilch durch Fencheltee, Fencheltee durch Malzkaffee und Malzkaffee durch Bier ersetzte. Aber eventuell haben die Studien ja auch eine weit geringere Aussagekraft, als von mir in hausgemachter Panik heraus gelesen. Wenn man bedenkt, vor wenigen Jahren galt die Erde ja noch als Scheibe, heute als rund und wer weiß, vielleicht schon morgen erzählt uns das Max-Planck-Institut für Astronomie, man habe sich wieder mal geirrt und nach aktuellen Erkenntnissen sei unser Planet ein auf der Spitze stehendes und mit Lachgas gefülltes gleichschenkliges Dreieck. Wenn Wissenschaftler und Menschen mit alkoholnahem Lebensstil nämlich eins eint, dann, dass sie beide auch durchaus mal daneben liegen können. Der eine neben der Wahrheit. Der andere neben dem Bett. Und  mein Erinnerungsvermögen ist bei unkritischer Betrachtung ja nun auch gar nicht mal so schlecht, denn ich erinnere mich beispielsweise sehr wohl noch an meinen allerersten Schultag. Und daran, dass ich schon damals, also in meiner Malzkaffeephase – bevor ich also je ein Bier gekostet hatte, geschweige denn Bier auch nur freihändig buchstabieren konnte! – schon damals also echt große Probleme mit der Orientierung hatte. Mein Weg von zu Haus zur Schule ging nämlich schnurstracks geradeaus und ich brauchte nur einmal nach rechts abzubiegen. Heimwärts dementsprechend links und dann wieder nur wenige Hundert Meter pfeilgeradeaus. Doch mein erster Schultag war aus und ich bog nach rechts ab und fand erst wieder ins Elternhaus, als ich einen Vollbart und Schuhgröße 42 hatte. Meine Eltern wohnten längst in einer anderen Stadt und in meinem Kinderzimmer  saß ein Deutschtürke der 2.Generation auf einem mit Hakenkreuzen bestickten Kissen und lutschte an einem Honiggebäck. Und genau an dieser Stelle meines Niederschreibens bemerke ich, dass mein Gedächtnis eventuell doch den einen oder anderen kleineren Graubereich aufweist. Das tut weh, weshalb ich doch viel lieber mal eine Studie darüber lesen würde, warum alle Parkplätze eine minimale Schräge zu haben scheinen und sämtliche Einkaufswagen deswegen über kurz oder lang ins rollen geraten und wie von Geisterhand gelenkt stets mit ihren spitzesten Ecken in fremde Bleche streben. Werden Parkplätze also grundlegend von anliegenden KFZ-Werkstätten geplant und finanziert? Oder sind von Einkaufswagen verursachte Dellen in Autotüren und Kotblechen nichts weiter als der endgültige Beweis für eine kugelförmige Erde und der damit verbundenen Erdkrümmung? Aber was ist dann mit der noch ausstehenden Behauptung, unser Planet wäre ein auf der Spitze stehendes, mit Lachgas gefülltes gleichschenkeliges Dreieck? Hat sich das Max-Planck-Institut also schon morgen wieder mal geirrt? Ich öffne ein Bier, beende den Text und wähle im Browser eine Seite mit xxx hinter dem Punkt. Das Leben kann so einfach sein.

06/2017 ©kolumnistenschwein.de