Worüber Stephen Hawking noch nicht dissertierte

Bevor ich wurde, war ich unendlich lange tot. Wobei man dieses Werden auf den Punkt meiner Geburt, meiner Zeugung, oder auch auf den Zeitpunkt meines mir bewusst Werdens legen darf. Ist mir Aas im Darm. Also Wurst. Ist nämlich tatsächlich Auslegungssache. Gesiebte Philosophie für Korinthenkacker. Egal. Bevor ich wurde, war ich jedenfalls unendlich lange tot. Aber – und obwohl als potentieller Jammer-Ossi in der Warteschleife! – es hat mich kein bisschen gestört. Im Nachhinein lässt sich sogar sagen, die angeblich unendliche Unendlichkeit verging rasend schnell. So schnell, dass ich sie nicht einmal mitbekam. Ich war ganz plötzlich einfach da und dachte noch: Boah, ging das aber fix! Und in Sachen Länge der Unendlichkeit geht unsere Vorstellungskraft ja am Rollator. Die Unendlichkeit kann sich unsereins genauso wenig vorstellen wie die Paarungsrituale von Küchenstühlen oder den Geschmack von Mondgestein. Gegen die Unendlichkeit ist selbst die gesamte Fernsehserie Lindenstraße nur ein einziges Standbild. Und der allererste Teil der Lindenstraße scheint ja gefühlt schon weit vor dem Urknall ausgestrahlt worden zu sein. Was als Gefühl dennoch nicht ausreicht, die Ewigkeit auch nur annähernd zu beschreiben. Selbst wenn man zwei Lindenstraßen aneinander reihen würde. Auch ein solches Bild ist um Unendlichkeiten zu schwach, um eine Einzige davon gedanklich greifen zu können. Und da hat man nun also tatsächlich diese unbeschreibliche Unendlichkeit erlebt, und das Einzige, was einem dazu einfällt, ist: Boah, ging das aber fix! So eine Unendlichkeit zieht sich ja schließlich, wie bereits gesagt, ungemein hin. Und ich selbst habe ja schon mit einer 5-Tage-Arbeitswoche so meine Probleme. Was aber nun wirklich unverständlich ist, wenn man sich nur bewusst wird, die Unendlichkeit bereits verbindlich schon einmal vor seinem Werden durchschritten zu haben, und dieses auch nur ohne eine einzige Kaffee- bzw. Zigarettenpause. Nun gut. Erlebt habe ich sie ja eigentlich nun auch wieder nicht, denn ich war ja tot. Hier muss man allerdings voraussetzen, dass der Zustand vor dem Leben identisch ist mit jenem Zustand, welchen man nach seinem Leben inne hat. Und für allgemeinhin gilt man ja nach dem Ableben als tot. Auch wenn es hierzu an relevanten Erfahrungsberichten mangelt. Die subjektiv gefärbten Nahtod-Berichte schiebe ich hier mal aus Gründen einer wenn auch recht kurzen, so doch aber recht handfesten schulischen Bildung beiseite. Nahtot ist Blödsinn. Es gibt ja auch kein Nahdoof. Entweder man ist doof, oder man ist es nicht. Wer doof scheint, kann durchaus schlau sein, aber nichts dazwischen. Und wer tot scheint, der kann durchaus noch leben. Und wenn er dann gegen alle Vermutungen doch nicht lebt, dann ist er halt tot. Da gibt es einfach nichts Schwammiges, denn der Gevatter mit dem aus der Zeit gefallenen Mähwerkzeug lässt sich eben nicht verarschen. Und so ist man eben tot, wenn man nicht lebt, was wiederum alle Zeiträume einschließen sollte, also auch jenen vor der Zeugung, der Geburt, dem Punkt des sich selbst bewusst Werdens. Hier darf wiederum frei gewählt werden. Gesiebte Philosophie für Korinthenkacker. Dass der Zustand vor dem Leben dem Zustand nach dem Leben gleicht; da spricht für mich selbst ja auch rein weg nichts dagegen. Alles andere wäre ja auch kosmische Verschwendung. Warum auch das Rad zweimal erfinden? Es ist also mit dem Leben quasi so, als wenn man eine Kühlkette unterbricht. Rinderhüfte raus aus dem Kühlhaus, auftauen, Steak runter schneiden, Hüfte wieder rein ins Kühlhaus. Ist halt nur von der Hygiene her etwas fragwürdig. Aber was das Konstrukt Tod/Leben/Tod angeht; das ist schließlich nichts für die Lebensmittelhygieneverordnung (EG) Nr. 852/2004. Die im Übrigen durch die deutsche „Verordnung über Anforderungen an die Hygiene beim Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von Lebensmitteln” vom 08. August 2007 ergänzt wird. Wenn ich nun also dementsprechend schon vor meiner Geburt tot war, so kann ich jetzt aber nichts Unangenehmes darüber berichten. Kein schwerer Traum, keine volle Blase die drückte, und auch ansatzweise keine sperrige Morgenlatte. Ich war der Prinz ohne auf der Erbse. Ich kann mir aber denken, die Unendlichkeit dagegen lebend, also bewusst, zu durchdringen, das könnte schon außergewöhnlich anstrengend sein. Denn mag es auch in einer hypothetischen Unendlichkeit regelmäßig frische Unterhosen geben: es wäre ein unendlich großer Stapel! Den kriegst du nicht mal in deiner Fantasie unter. Und das wäre nur eines der kleineren Probleme, welche eine bewusst erlebte Unendlichkeit mit sich brächte. Ich muss nämlich nachts – wir ahnen es bereits – ab und an raus, um meine Blase zu entleeren. Sagen wir mal so um die einmal pro Nacht. Wie oft müsste man aber in der Unendlichkeit nachts raus!? Genau! Unendlich viele Mal, was nicht nur ungemein lästig wäre, sondern auch mit sich brächte, dass die Treppe vom 1. Stockwerk hinab ins Erdgeschoss unseres Hauses, wo sich nun einmal unser Klo befindet, nach spätestens 200 Jahren bei einem meiner nächtlichen Gänge altersschwach zusammenbricht, so dass ich den Rest der Unendlichkeit in der ebenfalls unten verbauten Küche hocken darf! Und da ich auch im Winter splitterfasernackt schlafe – und der unendlich große Stapel Unterhosen natürlich im 1. Stockwerk lagert – frier ich für den Rest der Ewigkeit an die Eier. Dann doch lieber ohne Bewusstsein durch die Unendlichkeit mäandern. Und wenn man sich bemüht, auch im im Unbewussten, wozu die harte Variante des Schlafes, also der Tod, zweifelsohne zählt, und man dazu den Tod vorm Leben als gegeben akzeptiert, wenn man sich also bemüht, in diesem Zustand Gutes zu sehen, so erkennt man den Umstand, dass aus Vernunft angezweifelte Zeitreisen mit Hilfe des Todes durchaus möglich sind. Denn ungeborenen ist man für sehr lange Zeit tot und der Zeitpunkt der Zeugung kann gestern, heute, oder auch in erst in Millionen Jahren stattfinden. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Papa Spätschicht. Mutter Kopfschmerzen. Eisprung verpasst. Und solange man nicht ist, weiß man ja auch nicht, wer überhaupt wo und wann seine Eltern sind. Das können Adam und Eva, Siegfried und Roy, oder auch zwei in ferner Zukunft für einen kleinen Moment unkonzentrierte Maschinen-Mensch-Hybriden sein. Somit wird der Hoden des Vaters in spe chronologisch betrachtet zum Überraschungsei. Man reist ungezeugt durch alle Zeit der Welt. Und nachdem mein Vater meine Mutter gegen Ende des Sommers 1963 ins Gras schubste – oder auch über den Wannenrand beugte (man weiß es nicht so genau!) – endete meine Reise durch die Unendlichkeit im Juni des darauffolgenden Jahres. Was auch zur Folge hatte, dass ich mich aus mir völlig unbekannten Gründen mit solch geistig schwer zu durchdringender Thematik herumschlagen darf. Hawking hat jedenfalls noch nicht darüber dissertiert. Gesiebte Philosophie für Korinthenkacker.

01/2017 ©kolumnistenschwein.de

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Das mexikanische Rätsel

Im Innersten bin ich wie die Jeans am Knie einer mit der Mode ihrer Tochter humpelnden Mittvierzigerin. Nämlich zerrissen. So kann ich sehr wohl mit angebissener Bratwurst in der Hand und mit fettigen Pfaden im Gesichtshaar lauthals wuchtige Brandreden gegen übermäßigen Fleischverzehr schwingen, dabei aber das nächste Stück Aas auf dem glühenden Edelstahlrost schon fest im gierigen Blick haben. Das kann ich. Auch kann ich wortreich gegen jedweden kapitalistischen Firmeneigner wettern, während ich die im Kern faulen Früchte meines auf diesem System bauenden Wohlergehens stillschweigend auf dem stets und ständig größer werdenden Müllhaufen meiner materiellen Existenz anhäufe. Das kann ich auch. Gegen besseres Wissen weist mein vom Handeln geprägter ökologischer Fußabtritt also immer und immer wieder in Richtung Untergang, was meinem bratwurstfressenden Gehirn zwar gleichfalls immer und immer wieder bewusst wird, doch standardgemäß verdrängt wird von der in Thüringen wohl ewigen Frage, wo denn zum Kuckuck nur der verfickte Born-Senf bloß hin sei. Vor mir das Paradies – hinter mir die Sintflut, und seitlich je eine prall gefüllte Plastikeinkaufstasche in der Hand. Ja, es beutelt mich und schmeißt mich wie besoff`ne Matrosen auf dem Deck eines in schwerer See gehenden Schoners her und hin, doch nicht nicht von Backbord nach Steuerbord, auch nicht von Heck zu Bug und umgekehrt, sondern immer nur von kurzem Lustgewinn hin zu drohender Verlustangst und auch nur einen einzigen winzigen Augenblick später auch gleich wieder volle Kraft zurück. Ein Kampf ohne Schiedsgericht und Regeln, tief im Dunkel meines Schädels, Teufel und Engel auf imaginäre linker wie auch rechter Schulter gleichmäßig verteilt, es folgt dem Einspruch steter Widerspruch, geistige Masturbation mit dem mageren Ergebnis intellektueller Inzucht. Die Evolution hat sich in mir unwiderruflich verzockt, mir ein übers Kilo schweres Hirn zugeteilt, aber eben unglücklicherweise mit einem Belohnungszentrum bestückt, welches von jeher – geplant oder ungeplant – als gnadenloser Selbstzerstörungsmechanismus funktioniert. Oder mit etwas weniger verbalem Rokoko: ich bin das Opfer meiner selbst. Ich fresse meine Umwelt kahl, kaufe den Planeten hohl, predige Wasser wie auch Wein, um beides bis zum wirklich letzten Tropfen auszusaufen, nehme selbst das größte Stück vom Kuchen, um dann dem Bäcker grinsend in die leere Auslage rein zu scheissen, und habe, um meinem mir doch immerzu bewussten Daseinsfrevel wohl die Krone in Form einer Narrenkappe aufzusetzen, der untergehenden Menschheit noch einen weiteren Totengräber in Form meiner Tochter gemacht. Ja, ich bin der Hufschmied der Apokalyptischen Reiter, Parasit am eignen Leib, eine üble Laune der Natur, und doch ist und bleibt all mein Tun und Handeln immer nur rein menschlich, denn ich bin nun einmal ein Teil dieser sich am eigenen Schopfe in den Sumpf ziehenden Spezies, die sich an besseren Tagen merkwürdig eigentümlich laut “Juchhei!” schreiend in jeden noch so gut ausgewiesenen Abgrund stürzt. Wobei ich selbst gewiss noch zur milderen Form existenziellen Wahnsinns einsortiert gehöre, was aber nicht in und an meinen Genen, als denn vielmehr daran liegen könnte, dass vor allem meine finanziellen Mittel ganz einfach zu unbedeutend sind, um ökodings und ökobums vollends an der auf Fünf vor Zwölf stehenden Uhr zu drehen. Aber es gibt durchaus eine Anzahl von Leuten – grob auf die Oberen Zehntausend geschätzt – die sind geldmengenmäßig und in Sachen gesellschaftlich breit geduldeten Wahnwitz so gut aufgestellt, dass sie ihre Berge von Kohle auch für Katzenkaffee rauswerfen können, also für Kaffeebohnen, welche von einer Art Schleichkatzen gefressen, bis auf die Bohne verdaut und irgendwann wieder ausgeschissen werden, auf dass im Darm der Katze eine Nassfermentation stattfindet, welche dem Kaffee ein ganz besonderes “Aroma” verleihen soll. Die Bohnen werden dann fern der Werbewelt allgemein zugänglicher Tchibo-Filialen aus der Scheiße geklaubt, in Tüten gefüllt und in die überkochenden Zentren des kapitalistischen Irrsinns geschickt und das Zeugs kostet dann so um bis zu 500 Euro pro Kilo. Mal ehrlich, Leute. Ich habe die Ausscheidungen unseres Katers überbrüht. Das kannste nicht saufen. Was aber bringt Menschen weit jenseits von Hunger und Durst dazu, in der Scheiße von Katzen vermeintlich edle Heißgetränke zu sehen? Ist es die Aussichtslosigkeit von stetiger Rendite und Zinseszins, die tagtäglich anwachsende Geldmenge, die Broker und Banker und an ähnlicher Einkommensadipositas Leidende geschmacklich die Grenzen ausloten lässt, an welche Gering- und Normalverdiener nicht mal pinkeln würden? Was bringt also Menschen dazu, für ein 65 mal 45 Zentimeter großes Gemälde von Leonardo da Vinci 381 Millionen Euro zu bezahlen, wo es doch bereits schon für 16,57 Euro auf Amazon ein ganzes Set “Malen nach Zahlen” inklusive 17 Farbtöpfen, 2 Pinseln, 7 Malkartonagen, 10 Buntstiften, einem Spitzer und einer einfachen, verständlichen Gebrauchsanleitung zu kaufen gibt?! Schließlich ließe sich mit 381 Millionen gewiss dass eine oder andere Elendsviertel dieser Welt von Grund auf durch tapezieren, neue Vorhänge inklusive. Hat sich die ungleiche Verteilung der Geldmenge also wie ein Schleier auf die Vernunft, also dem obersten Erkenntnisvermögen gelegt, so dass Herren – Potenz körperlicher wie auch finanzieller Art vorausgesetzt – lieber zum Callgirl gehen, um dort Dinge einzufordern, die sie daheim für ein paar nette Worte und eine Schachtel Mon Cherie quasi auch für lau bekämen, während nur drei Ecken weiter sich Männer im scheinbar besten Alter vor Hunger keinen mehr runter holen können? Und welche Rolle spiele ich selbst in dieser von sozialen Verwerfungen geprägten Welt, der ich mir doch locker einerseits ein Buch für 28 Euro bestelle, andererseits weiß, dass ich das Buch von vor informeller Übersättigung geprägter sinnlicher Unruhe wahrscheinlich niemals anrühren werde, so dass die 28 Euro bei einem Hilfsprojekt in der südlichen Hemisphäre weitaus besser aufgehoben wären, auch wenn so ein Ureinwohner schon von der Farbe her gar nicht in mein Bücherregal passt. Bin ich also nur weil mein den Konsum betreffendes Zerstörungspotential vom Kontostand her weit geringer ist, als jenes Derer, die wir höflich Oberschicht statt Schmarotzer nennen, ein besserer Mensch? Und würde es mein Karma hart und glänzend wie Kruppstahl machen, wenn ich allen mit der Mode ihrer Töchter humpelnden Müttern Nähzeug kaufen würde, damit sie ihre am Knie künstlich zerschlissenen Jeans nähen können? Und warum fuhr letztens ein Caddy vor mir her, auf dessen Heck “Hygiene-Schröder” stand, wo ich doch auch tagtäglich alle relevanten Körperteile wasche, ohne dieses aber groß auf den Straßen unseres Bundeslandes publik zu machen? Und wo zum Kuckuck ist der verfickte Born-Senf bloß hin? Mi esposa esta embarazada!, wie der Mexikaner so sagt. Keine Ahnung, was das heißt.

12/2017 ©kolumnistenschwein.de