Das Hohelied der Krippeschutzimpfung

Ich mag keine Weihnachtsmärkte. Man niest sich auf ihnen gegenseitig ins Gesicht, kaut karamellisierte Abfälle der Lebensmittelindustrie und nach drei Minuten ist die Geldbörse weg. Hat man Glück, so hatte man in diesen mageren Minuten wenigstens schon die 5 Glühwein pro Person bestellt und bezahlt, die man auch wirklich dringendst braucht, um in etwas Annäherndes wie Weihnachtsstimmung zu verfallen, wobei allein fürs Pfand ein knappes Monatsgehalt einzuplanen ist. Nur der Weihnachtsmann allein wird wissen, warum auf einen Becher, welcher in der Herstellung zwischen fast Nichts und maximal doppelt so viel kostet, ein Pfand erhoben wird, von dem im Norden Italiens eine dreißigköpfige Familie locker übern Winter kommt. Hier werden die windigen Betreiber der Glühweinbuden wohl darauf spekulieren, dass Gäste sich die Billigbecher trunken wechselseitig auf ihre von dämlichen Weihnachtsmannmützen gekrönten Häupter hauen, auf das die Keramik in Stücke springt und der Glühweindealer vor Freude, da er für den nicht wieder eingeforderten Pfand vorausschauend eine Scheißhausbrille aus massivem Gold geordert hat. Und auf dieser sitzt er dann zwischen Heiligabend und Neujahr und das, was hinten aus ihm raus fällt, spült er mit Dom Perignon in die Kanalisation einer ländlichen Neureichensiedlung. Dort wohnen nur Lottomillionäre und Glühweinbudenbesitzer. Dieses Szenario wirft zwei Fragen auf. 1) Was geht eigentlich in Menschen vor, die sich irgendwann zwischen fallendem Laub und ersten brütenden Vögeln bemüßigt fühlen, öffentlich Weihnachtsmannmützen zu tragen? Kein anderer Feiertag ist mir bekannt, welcher in solchem Ausmaß zu dämlicher Kostümierung anstachelt. Wenn man jetzt mal vom volksverblödenden Fasching absieht. Also die Zeit, in der sich der Plebs ungestraft über die Obrigkeit lustig machen darf, und den großen Rest des Jahres ist es dann wieder genau anders herum. Hach, was haben wir über den Kerl in der Bütt gelacht! Dasselbe Lachen fällt uns allerdings aus dem Gesicht, wenn wir nach Aschermittwoch offenen Mundes feststellen müssen, die Bütt ist weg, der Kerl ist weg, nur der Anlass für seine Rede ist geblieben. Und bleibt und bleibt und bleibt. Und dann kratzt der Dumme August sich den Kopf und guckt mit vor Einfalt trüben Augen, auf welchem Wochenmarkt er ab Ende August endlich wieder so eine bescheuerte 1-Euro-Weihnachtsmannmütze aus Fernost kaufen kann. So rot und mit Glitzer dran, wobei man gar nicht so genau weiß, ist das nun Glitzer oder ist das eine Träne der Näherin, die sich nach einer 14-Stunden-Schicht keinen Strom für ihre finstere Bude leisten kann. Dafür müsste so eine blöde Mütze nämlich 2 Euro kosten. Was die Weihnachtsstimmung der deutschen Endverbraucher aber vollends in den randvollen Glühweinkeller stürzen ließe. Was wiederum nicht gut ist für den Konsum, weil, mit hängendem Kopf, da kann man in kein Schaufenster schauen. Zudem die Glühweinbudenwirte allesamt ja auch schon ihre goldenen Scheißhausbrillen geliefert bekommen haben. Die kann man nämlich nicht einfach so mal umtauschen. Das ist mit allen Dingen so, die mal mit einem Arsch in Berührung gekommen sind.  Siehe die Ex von Gerhard Schröder. Doch ich sehe nicht nur Weihnachtsmannmützen auf jahresendzentrierten Märkten und in ebensolchen Innenstädten. Es scheint nämlich durchaus auch angesagt zu sein, sich Rentiergeweihen nachempfundenen Plastikscheiß ins Haar zu stecken, welcher zudem Dank LED wie blöde blinkt und flackert, so aufdringlich, dass jede Bordelltür im Einzugsgebiet von Tausenden von Notgeilen sich vor Neid ganz tief in ihre Zarge verkriecht. Bevorzugt wird dieser weihnachtliche Firlefanz ja von Damen mittleren Alters auf den blondierten Schädel geklemmt. Schwer vorstellbar, dass Rosa Luxemburg auch für sowas gestorben sein könnte. Für mich bleiben Weihnachtsmannmützen jedenfalls tabu. Und sollte meine Gattin jemals auf die Idee kommen, sich im Dezember ein ideell irrlichterndes Plastikrentiergeweih ins Haar zu pflanzen, so werde ich nicht mehr der Rentierbock sein, der sie bespringt. Die zweite zu stellende Frage wäre, warum man überhaupt Glühwein braucht, um sich damit in Festlaune zu dopen. Wobei die Antwort ja nun schon in der Frage steckt. Nüchtern ist so ein Weihnachtsmarkt nämlich nur von Kindern und ihren dementen Großeltern zu ertragen. Die Gören erbrechen vom Riesenrad kandierte Äpfel und blaue Gummitiere herunter, während Opa sich mit einem Klumpen Zuckerwatte an der Stirn am Norwegersockenstand selig lächelnd in die lange Unterhose pisst. Da kann man als Teil der dazwischen liegenden Generation nur saufen. Wobei Glühwein als Sedativum gewiss nicht 1. Wahl ist, da der positive Effekt allein auf Alkohol beruhen sollte, doch in den Töpfen, da brodelte ein Gesöff vor sich her, welches seit Christi Geburt nicht mehr von der Flamme runter kam. Ab und an ein neuer Schlauch Wein, später dann aus dem Tetrapack, immer rein in den knistigen, vor sich hin brodelnden Topf und das seit gut 2000 Jahren. Und da auch auf deutschen Weihnachtsmärkten physikalische Gesetze greifen, und sich Alkohol dementsprechend bei steter Erwärmung in Luft auflöst, kann man getrost davon ausgehen, dass in dieser Plörre wirklich alles drin ist, alles außer eben Prozente. Sollte man nach fünf Glühwein dennoch etwas spüren, was sich irgendwie gut, weil trunken anfühlt, so beruht dieses gewiss allein auf einem Placeboeffekt. Kennt man ja von Arbeit her: der Chef kommt und schon ist man pappesatt, dabei hat man noch nicht mal gefrühstückt. Wer also wirklich auf einen Weihnachtsmarktrausch angewiesen ist, der sollte nicht Hektoliterweise Totgekochtes in sich hinein kippen, sondern lieber die Dachinnenseiten der Glühweinbuden ablecken. Da macht der Alkohol nämlich Zwischenstation, bevor er endgültig Richtung Proxima Centauri verfliegt. Anprangern möchte ich zudem die zeitliche Ausdehnung von Weihnachtsmärkten. In meinen Kalendern ist seit vielen Dekaden jeweils der 25. und 26. Dezember als Weihnacht farblich ausgewiesen. Doch dem Einzelhandel gelang es, diese zwei Tage zu dehnen und zu zerren, so dass man, wenn man mit Sonnenbrand und zwei Koffern dreckiger Schlüpper nach dem Sommerurlaub aus dem Flieger steigt, prompt mittig auf einem Weihnachtsmarkt steht. Über Lebkuchen und Schokoladenweihnachtsmänner, welche ab September sich in den Regalen die Alufolie in den Bauch stehen, wurde ja schon viel geschrieben. Und ja, ich meine, da geht doch temporär jegliche Emotion baden. Wenn meine Frau und ich im Oktober Hochzeitstag haben, da machen wir doch auch nicht schon im Januar Geschlechtsverkehr. Das Heiligabend ja auch schon morgens ist, lasse ich als Einwand nicht gelten. Weihnacht ist Weihnacht ist Weihnacht. Nur die Geschenke. Die nehme ich gern übers ganze Jahr.

12/2016 ©kolumnistenschwein.de

Siehst Du den Splitter in deiner Zunge nicht?

Zwei Drittel der Deutschen glauben, dass Politiker ihre Sorgen nicht ernst nehmen. So eine Schlagzeile. Ich habe “Zwei Drittel der Deutschen” unter Google eingegeben. Demnach glauben auch zwei Drittel der Deutschen an Gott. Und ebenfalls zwei Drittel glauben, sie wären körperlich fit. Ebenso haben zwei Drittel der Deutschen beim Urlaubsarzt Angst vor einer Falschbehandlung. Gleichermaßen gehen zwei Drittel der Deutschen krank zur Arbeit. Gehen wir nun einmal davon aus, dass es sich dabei stets um dieselben zwei Drittel handelt, so ergibt sich folgendes Bild: Zwei Drittel der Deutschen werden trotz überdurchschnittlich guter Fitness im Urlaub krank, werden daraufhin vom Kanacken prompt falsch behandelt, müssen sich deswegen –  weil selbst auch alles Beten nichts half – krank auf Arbeit schleppen, und wen kümmert dies mal wieder nicht die Bohne: unsere Politiker! Ein scheinbares Trauerspiel, welches sich selbst ein Lessing oder Schiller hätte kaum leidvoller aus den Tränensäcken wringen können. Ich selbst glaube ja nicht an Gott. Und für übermäßig fit halte ich mich auch nicht. Doch wenn Politiker meine Sorgen nicht ernst genug nehmen, so denke ich, dass dies vor allem daran liegt, dass sie meine Sorgen im Detail ja auch gar nicht kennen. Hätte ich hingegen ans Bundeskanzleramt einen sorgenvollen Brief geschrieben, und wäre dieser Brief abschlägig oder gar garnicht beantwortet worden, dann, ja dann hätte auch ich gewiss Grund zur Klage. Und wäre somit Bestandteil jener zwei Drittel der Deutschen, die, da ich ja noch nie einen Brief ans Bundeskanzleramt geschrieben habe, mir nun so fremd sind wie Rinderklauenseuche und Mondgestein. Ich habe zwar schon davon gehört, habe aber beides noch nie an bzw. in Händen gehabt. Was hätte ich der Merkel auch schreiben sollen?

Werte Frau Merkel,

ich bin jetzt 52 und mein Haar ist schütter. Und gestern hat unser Kater zweimal gekotzt und beim letzten mal versucht, das heraus gewürgte Zeugs wieder zu fressen. Bitte nehmen Sie meine Sorgen ernst!

Es grüßt mit zitternden Augenlidern.

Lothar Peppel

PS: Der Kapitalismus nervt!

Natürlich hätte ich solch einen Brief schreiben und nach Berlin schicken können, wobei ich natürlich weiß, weder würde mein Haar nun voller, noch unser Kater alltagstauglicher, und der Kapitalismus, der schlägt weiterhin waidwund wütend um sich. Schließlich gibt es in Deutschland über 11 Millionen Katzen, die rein theoretisch alle auf einmal kotzen könnten. Da kann die Merkel sich den mehr als schulterbreiten Hintern noch so weit aufreißen wollen: mehr als zwei Brechtüten auf einmal kann selbst die nicht halten. Und an schütterem Haar beißt sich die Politik erfahrungsgemäß auch die Zähne aus. Siehe NSU-Prozess und Glatzen. Und was den Kapitalismus betrifft: Er befindet sich allen Anzeichen nach sowieso längst in Agonie. Sich darüber noch eine Rübe zu machen, wäre, als würde man im Hospiz versuchen, Aktienpakete mit drei Jahrzehnten Haltezeit an den abgemagerten Mann zu bringen. Da bleibt die Kanzlerin somit dementsprechend locker, macht ihre Raute und lässt den Brief auf Nimmerwiedersehen darin verschwinden.

Nun ist es ja auch so, der Deutsche bohrt in punkto Sorgen ja auch immer gleich die ganz dicken Bretter. Schütteres Haar und kotzende Katzen sind der Allgemeinheit als Problem viel zu gering, als dass deswegen an Montagen in Dresden im Kreis gelatscht wird. Da muss schon mindestens Überfremdung und Islamismus her. Unter dem bewegt sich der Dödel doch nicht vom Stammtisch auf die Straße. Nun ist die Angst vor Überfremdung als Paranoia ja ein alter, aber immer wieder gern getragener Hut. Als ich vor über drei Jahrzehnten aus der Stadt aufs “Dorf” zog, war ich dort auch nur ein Fremder, ein Überfremder quasi, den es zu wamsen und dessen stahlgraue Augen es aus nicht ausgesprochenen Gründen mit blauen Ringen zu verzieren galt. Was ich allerdings auf Dauer mit einer respektablen Sprachgewandheit abwenden konnte. Sätze mit einer Länge von über fünf Worten war man dort einfach nicht gewohnt. Es gab im “Dorf” vielleicht 1200 Einwohner. Also eine einzige Familie. Und alle hatten schiefe Zähne und einen Damenbart. Auch die Männer. Die mit dem gepflegtesten Bart habe ich dann geheiratet. Wobei da weniger Romantik und Gefühlsduselei rein spielten, als vielmehr mein altruistischer Gedanke, den dortigen Genpool aufzufrischen, auf das die Zähne wieder gerade und die Bärte dort wuchsen, wo sie hingehören. Trotz dieses selbstlosen Engagements blieb ich stets ein Fremder. Man tuschelt hinterm Rücken durch die schiefen Zähne und schielt mir misstrauisch hinterher. Selbst wenn ich Hosen an habe.

Dazu fällt mir noch ein, letzten Sommer in der Hauptstadt an einer Baustelle vorbeigekommen zu sein, an welcher genau drei Bauarbeiter in Blaumann und Gelb behelmt ihrer gewiss körperlich sehr anstrengenden Tätigkeit nachgingen. Genauer gesagt: ein Kollege schwitzte in der Grube, um allen Anschein nach den nach gängiger Meinung wohl eisernen Erdkern frei zu legen. Seine beiden Kollegen indes standen am Rande der Baugrube, lehnten mit in den Nacken geschobenen Arbeitsschutzhelmen auf ihren Schaufeln und starrten paffend in die Grube. Ohne nun gedanklich Klimmzüge machen zu müssen, darf man faktisch gefestigt davon ausgehen, dass diese beiden Tiefbauer Teil jener zwei Drittel waren, welche durchaus berechtigt in der Furcht leben, Fremde könnten ihnen den Arbeitsplatz wegnehmen. Schließlich gehört Paffend-Auf-Dem-Schaufelstiel-Lehnen weltweit zu den begehrtesten beruflichen Einkommensquellen überhaupt! Wer daran zweifelt, der sollte mal in einer der bundesweit breit gestreuten Behindertenwerkstätten nachfragen. Dort kommt man nämlich seit Jahren mit Schaufelstielrundlutschen kaum noch hinterher.

Zur Thematik Islamisierung möchte ich mich gar nicht erst groß auslassen, denn seit Menschengedenken war es doch so, dass verschiedenste Religionen und Gesellschaftsordnungen in regelmäßiger Unregelmäßigkeit wie Seuchen über unseren Erdball zogen. Hier empfehle ich eine grundsolide Resistenz infolge des Gebrauches von Geschichtsbüchern aufzubauen. Ökonomische wie religiöse Heilsversprechen  kommen und gehen und allen ist gemein, dass sie nur insoweit funktionieren, allein ihre Elite fettbäuchig und fettköpfig werden zu lassen. Bezahlen tut wie immer die Allgemeinheit, in der Fachliteratur auch Plebs genannt. Und wenn Politiker unsere Probleme nicht ernst nehmen, so liegt es doch oft auch an deren Komplexität, oder, weil korrekter, an deren Unlösbarkeit. Es ist nämlich so, dass nicht nur zwei Drittel der Deutschen glauben, Politiker nehmen ihre Probleme nicht ernst, zwei Drittel der Deutschen haben auch einen IQ, der irgendwo zwischen 85 und 110 liegt. Mit solch einem IQ bekommt man zwar hin, die Reihenfolge von Hose-Runter-Lassen und Scheißen nicht ständig durcheinander zu bringen, aber um die Welt um uns herum komplett und folgerichtig zu erfassen, also zu erkennen, dass nicht die Probleme das Problem sind, sondern der Mensch an sich: dies wäre von unserer Spezies eindeutig zu viel verlangt. Denn vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet, steckt unser Denken in einer Vorstufe zu Kinderschuhen. Es reicht bestenfalls zum Schaufelstiele  rund lutschen.

11/2016 ©kolumnistenschwein.de