Mein Heimatort (Zwischen Scheiss-der-Hund-drauf! und Status Quo)

Blankenhain hat keinen Flughafen.

Nun gut, dies allein reicht ja bei weitem nicht aus, um eine Stadt, eine Gemeinde möglichst genau zu charakterisieren. Auch kann ja nicht jede Stadt einen Flughafen haben. Man denke nur einmal an das stressige Ein- und Auschecken. Und dieses dann eventuell nur allein, weil man einmal in der nächstgrößeren City einen Film plus Popcorn plus Cola im Ambiente eines Lichtspielhauses konsumieren will. Ein Kino hat Blankenhain nämlich auch nicht. Doch auch dieses weitere beinharte Faktum reicht nicht aus, um ein halbwegs treffendes Bild von meiner Heimatstadt zu zeichnen. Schließlich haben viele Kleinstädte kein Kino und keinen Flughafen. Getreu dem Motto Wer weiß, wozu es gut ist, lässt sich so nämlich sagen, recht wenige Blankenhainer leiden Tag für Tag an Jetlag. Und es wird ihnen auch recht selten schlecht wegen der Unverträglichkeit von auf die Spitze getriebener 3-D-Effekte. Ja, vollgekotzte Schultern sind in Blankenhain genauso selten zu sehen wie Blockbuster und Boeing 747. Doch selbst kein Kino zu besitzen, keinen Flughafen zu haben – von mit Verdauungsresten gezierten Schulterbättern ganz zu schweigen – trifft nicht den Kern von Blankenhain. Aber! Blankenhain hat auch keine U-Bahn.

Nun nicken wahrscheinlich selbst die von Sehschwäche betroffenen Einheimischen betroffen, denn das Bild, es rundet sich ab. Weil, eine U-Bahn bedeutet doch, da ist man nach unten ausgewichen, weil oben, da ist soviel los. Doch oben ist nichts los. Wenn man mal von dem Ort prozentual zustehenden, zumeist wochenendnähebezogenen Randalieren absieht.  Denn schlussendlich ist und wird Alkohol und wirres Gedankengut im Gießkannenprinzip über unseren Planeten verteilt; da kann Blankenhain ja nicht sagen: Danke, nein, wir haben schon. Und in unregelmäßigen Abständen sorgt die ungünstige Konstellation aus Alkohol- und Argumentunverträglichkeit eben leider zu verbalen und körperlichen Entgleisungen, denen Einhalt zu gebieten wiederum nach strafbaren Handlungen verlangen würde. So entsteht in lauen Sommernächten zuweilen der Eindruck, dass Blankenhain doch weit mehr Dorfdeppen hat, als ihm eigentlich nach Stadtrecht zustehen. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn finanziell könnten wir uns dies ja gar nicht leisten, weil die Stadtkasse, die ist seit Jahren leer wie unser Freibad zu Heiligabend. Doch selbst ein ehrenamtlich tätiger Dorftrottel verursacht ja nunmehr leider weit mehr Kosten als er einbringt. Zerlatschte Rabatten. Orthographisch tollkühn gestaltete Schmiererein an Mauern und Wänden. Ungewollt schwangeres Vieh. Das biegt man ja allein nicht mit guten Worten wieder gerade. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass hier zwischen sich Gute Nacht sagenden Füchsen und Hasen noch keinerlei fundierte wissenschaftliche Untersuchungen unternommen wurden, welche den Zusammenhang zwischen Gebrüll und Inhalt in selbst für Laien verständliche Logarithmen fassen. Scheierfhahahaschland! ergibt selbst rückwärts gehört keinerlei Sinn. Selbst wenn man sich der volkstümlichen Aussage In Vino Veritas beugt und diese sogar großzügig auf Bier und billiges Hochprozentiges ausweitet. Scheierfhahahaschland! Auch wenn man fairerweise berücksichtigt, der gemeine Blankenhainer Ureinwohner spricht, als hätte man ihm gleich nach dem Durchschneiden der Nabelschnur die Zunge herausgerissen. Derlei laut heraus geschrienen halsknotige Wortspielerein lassen mich nachts halb vier weit mehr ratlos als schlaflos zurück. Andererseits bin ich, was Fremdsprachen betrifft, im Kopf genauso aufgeräumt wie die bereits erwähnte Stadtkasse. Und so kann es ja durchaus sein, meine Ohren sind – aus tiefstem Schlaf gerissen – nicht zu optimaler Leistung fähig. Rein hypothetisch   ist es also durchaus möglich, da hat nachts halbvier ein Blankenhainer mit Helferkomplex und ausgewachsenen Fremdsprachenkenntnissen einem schwerhörigen Touristen aus Bahrain unsere Stadtgeschichte bis ins kleinste Detail hinein erläutert. Man weiß es halt nicht so genau.

Doch wir wollen diese gesellschaftlichen Ausbuchtungen nicht überbewerten, sondern als das sehen, was man sieht, wenn man beide Augen zudrückt: es ist gelebte Kultur auf Basis des individuell Machbaren.

Zurück zum Flughafen, den Blankenhain allerdings, wie wir ja nun  wissen, nicht hat. Was aber schnell an Bedeutung verliert, sofern man nur die vage Information verinnerlicht, dass hier in unmittelbarer zeitlicher und räumlicher Nähe alsbald Hubschrauber starten sollen. Was selbstverständlich auch deren vorherige Landung vorraussetzt. Wir können die Dinger ja schließlich nicht selbst in der hiesigen Wurschtbude zusammen friemeln. Fehl in seiner Denke geht nun aber, wer glaubt, unser Bürgermeister bekäme einen Helikopter zur Verfügung gestellt, um so schneller von Konkursverwalter zu Konkursverwalter eilen zu können.  Und dies ohne auch nur eine einzige Fußspur auf der finanziell ausgetrockneten Landkreis-Scholle zu hinterlassen. Nein, unser Bürgermeister muss weiter zu Fuß latschen und wenn er doch fliegt, dann allenfalls demokratisch gewollt nach der nächsten Wahl aus seinem Amt. Für die Thematik Hubschrauberlandeplatz in spe gilt es allerdings etwas weiter auszuholen, denn wie es für Blankenhain eine Negativliste gibt, auf der der Flughafen, das Kino und die U-Bahn stehen, so gibt es auch eine Positivliste. Auf der stehen unter anderem drei Discounter, ein Krankenhaus, ein Altenheim und ein Friedhof. Man ist in Blankenhain quasi vom ersten Windelschiss bis zum letzten Sterbebettfurz infrastrukturell bestens versorgt.  Sogar Öffentliche Toiletten haben wir im Stadtzentrum, die allerdings – wie ich selbst des öfteren feststellte – stets geschlossen sind. Ja, oft habe ich an den Türen der Bedürfnisanstalt gerüttelt und war verdammt froh, das Glas mit Sauerkraut am Vorabend ungeöffnet ins Kelleregal zurück gestellt zu haben. Da es in Blankenhain allerdings kaum gastronomische Einrichtungen gibt, werden volle Därme und ebenso gefüllte Blasen von den Bürgerinnen und Bürgern sowieso nur sporadisch mit sich herum geführt. Da macht ein geschlossenes Klo durchaus Sinn. Wer nirgends hin will, steigt ja auch in keinen Bus. Und nur auf die Brille setzten, damit die rechte Hand des Bürgermeisters einen Strich in der Klo-Frequentier-Liste machen kann, um diese gewaltige Investition zu rechtfertigen; so dick schreibt in Blänsch niemand das Wort Loyalität. Dafür machen die Büsche neben den regelmäßig verschlossenen Toiletten einen gut gedüngten Eindruck. Wahrscheinlich ist nicht jeder Bürger Blankenhains so willenstark wie ich, was Sauerkraut  betrifft.

Doch zurück zur Positivliste, an deren erster Stelle selbstverständlich – fett und kursiv gedruckt – der Golfplatz steht.

Der einseitig Gebildete mag jetzt halblaut vor sich hin brabbeln: “Golfplatz? Wozu braucht Blankenhain denn einen Golfplatz? Mein Golf steht in der Garage!” Hier wird natürlich um Strecken zu kurz gedacht, denn es handelt sich dabei ja nicht um Stellflächen für die beliebten deutschen Kraftfahrzeuge mit dem Kürzel VW im Frontgrill. Es handelt sich  um eine überdimensionierte Rasenfläche, auf der eine ebenso überdimensioniert verdienende Klientel versucht, kleine weiße Hartplastikbälle mittels Hüftschwung, Schläger und viel Optimismus in die Behausungen von Wühlmäusen zu treiben.

Und auf dem Gelände des Golfplatzes steht ein Hotel mit gehobenem Standard. Wss man unter anderem auch daran erkennt, dass hier nur die Leute logieren, die mit besagtem Hüftschwung und Schläger und viel Optimismus jenen schon benannten Hartplastikball übers Grün prügeln, aber nicht die Schläger, die mit Hüftschwung und in unregelmäßigen Zyklen bei uns Schaukästen und Gedenktafeln kaputt hauen. Man ist unter sich und trägt seinen Pullover um die Schulter gelegt. Und für diese Leute wurde eben ein Hubschrauberlandeplatz angedacht. Doch nicht etwa, damit hochhackig gehende Damen kurz vor ihrer Ohnmacht von Hartplastikbällen getroffene Wühlmäuse ins nächste auf Schädelhirntraumas spezialisierte Krankenhaus fliegen lassen. Denn Tierliebe hin – Tierliebe her: kein Chirurg zieht für Wühlmäuse auch nur einen einzigen Gummihandschuh über. Die sind ja nicht mal in der AOK. Also beide, Chirurg, wie auch Wühlmaus. Wenn auch jeweils aus anderem Grund.

Nein, der Hubschrauberlandeplatz entsteht für die gut zahlende Kundschaft, denn Golf, das ist bekannt, dient ja nicht unbedingt allein der durch Sport erzwungenen Gesundheit, sondern vielmehr dem Vereinbaren von Geschäften. Schnell ist mal zwischen zwei Abschlägen die Firma und die Ehefrau per Handschlag verhökert. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Und ehe die Unterschrift auf dem Vertrag auch nur halbwegs trocken ist, ist man schon in der Luft, schon auf dem Weg zum nächsten Golfplatz, um dort zu verlautbaren, wen man gerade über’n Tisch gezogen hat. Und natürlich kann in extremen Notfällen auch mal der eine oder andere Hubschrauber starten und bzw. landen, zum Beispiel, wenn entgegen bester Planung im Hotel der Schampus zur Neige geht. Ohne Champagner kann ich nicht leben. Beim Siegen verdiene ich ihn, und bei Niederlagen brauche ich ihn. Sagte Napoleon Bonaparte. Und da es beim Golf wie auch beim Geschäfte machen immer Sieger und Verlierer gibt, kann man sich vorstellen, dass ein Mangel an diesem Stoff einen unmittelbaren Notstand darstellt, so dass die Putzfrau eiligst Schürze und Staubwedel fallen lässt und schnurstracks mit dem Drehflügler in die Champagne flügelt, um den Weinkeller des Golfhotels wieder mit verstaubten Flaschen voll mit Schaumwein zu bestücken.

Insgesamt betrachtet ist der Golfplatz allerdings eine sehr gute Sache, bringt er doch Menschen in unsere Gegend, die diese ansonsten nie auch nur in Gedanken betreten hätten. Die wären alle vorbei gefahren und vorbei geflogen. Denn wie gesagt: Blankenhain hat keinen Flughafen.

05/2015 ©kolumnistenschwein. de

5 Gedanken zu “Mein Heimatort (Zwischen Scheiss-der-Hund-drauf! und Status Quo)

  1. Ich habs soeben gegoogelt.
    Gefunden hab ich ein Freibad, einen Seerosenteich und zwei Kiesgruben.
    Soll wohl der Parkour des (überdimensionierten) besagten Golfplatzes sein. Wahrscheinlich, damit die GROßkopferten auch besser treffen…und diejenigen unter denen, die einen besseren Abschlag haben, treffen vielleicht auch noch die beiden Löcher südwestlich von eurem beschaulichem Örtchen.
    Ganz schön was los bei euch ^^

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