Wie man eine Sitzgelegenheit dank gesundem Selbstwertgefühl rettet

Nun, nachdem ich laut Statistik gut über zwei Drittel meines Lebens wahrscheinlich hinter mir gelassen habe, ist es nun wohl an der Zeit zu sagen: so toll ist das ja nun alles nicht. Man  strampelt zwar mit einer gewissen Unbekümmertheit ins Leben hinein, welche aber im Grunde natürlich nur auf Unwissenheit beruht und dadurch schnell und abrupt an ihre Grenzen stößt, nämlich genau genommen just in jenem Augenblick, in welchem man sich die ersten Fragen stellt und dazu den nicht wieder korrigierbaren Fehler begeht, sich diese Fragen auch noch in Eigenregie beantworten zu wollen.

Zu meiner Kindheit gab es den Ausdruck “doof wie Schifferscheiße” zu sein, was damals durchaus eine gängige Beleidigung war, wobei Schifferscheiße in Thüringen gar nicht zur Beurteilung von dessen Intellekt und deren Problemlösungsfähigkeiten vorlag, denn auch zu DDR-Zeiten lag Thüringen – Hört! Hört! – nicht einmal annähernd am Meer. Matrosen gab es hier genau so wenig wie Außerirdische. Vielleicht sogar noch weniger. Doof wie Schifferscheiße. Heute weiß ich, es ist und war nie eine Beleidigung, denn wer er ist, der hat das große Los gezogen, ist gebenedeit, auserwählt, über dem hat Fortuna sein Füllhorn ausgekippt und in dessen blöden Arsch gerammt. Denn Doofe stellen keine Fragen. Weil sie ja schon genug Antworten haben. Frei Haus und frei Kopf von BILD und RTLII. Wer sich hingegen die Mühe macht, Fragen zu stellen und dazu keine vorgefertigten Fast-Food-Antworten zu akzeptieren, der kriegt schon früh einen nervösen Magen und Ausschlag und auf seinem Grabstein steht: Er brannte vor Neugier. Nun fiel er durch den Rost.

Was meine erste Frage war, kann ich nicht beantworten. Vielleicht wollte ich ja wissen, warum ich im Sommer 1964 lauwarme Milch aus wie Thermoskannen isolierenden Titten nuckeln musste, während Vater genüsslich kaltes Bier in sich hinein kippen durfte. Eine erste Frage blieb mir nicht in Erinnerung, somit auch keine erste Antwort, was jetzt so schlecht nicht ist, denn meine Antworten waren von je her recht eigentümliche Konstrukte, krumme und schiefe Ikea-Regale, aber eben bis heute eigenhändig – ohne die fragwürdige Hilfe von BILD und RTLII – verleimt und zusammen geschraubt. Fragen hingegen kamen tagtäglich hinzu, so auch am heutigen Tag, als ein noch recht junger Mann meinen Weg kreuzte, welcher einen  zweirädrigen Handwagen durch die herbstmüden Straßen zog, und auf diesem Handwagen transportierte er einen aufrecht stehenden chromblitzenden Grill. Wenn man dieses nun also als Antwort sehen mag, die da lautet, da zog ein recht junger Mann mit einem zweirädrigen Handwagen durch die herbstmüden Straßen meines Heimatortes und auf dem zweirädrigen Handwagen transportierte er einen aufrecht stehenden chromglänzenden Grill, so blieb es diesmal an mir, vielleicht aus genetischer Veranlagung heraus, die passende Frage dazu zu stellen. Lautete die Frage also eventuell wie folgt: Kann es sein, dass junge Thüringer Männer, verängstigt durch halbseidene Medien und Furcht sabbernde Montags- und Mittwochsdemonstrationsbrüllredner, nun panisch versuchen, das Wertvollste, das, was einem Thüringer dem Herzen am nächsten liegt, das, an dem all seine Liebe, die er gewillt zu geben ist, hängt, dieses für ihn so Existenzielle – koste es was es wolle – nun noch schnell vor dem anrückenden Muselmann zu retten, nämlich seinen chromeblitzenden Grill? Oder ist es ganz einfach – schließlich naht der Winter stolpernd, aber sicher – nur ein pragmatisches Produkt steten Thüringischen Erfindergeistes, nämlich der allererste Handwagen mit Standheizung?

Man sieht, nicht nur meine Antworten, auch meine Fragen zeugen von schrägwandigen Denkprozessen, welche nicht in allen Köpfen Überstunden schieben. Und so etwas kann durchaus an die Substanz gehen. Und dann fragt man sich auch, bin ich nun doof, oder die anderen. Und dann schaue ich Tagesschau und weiß sofort, ich muss mir über meinen Geisteszustand nicht die geringsten Sorgen machen. Denn wäre ich doof, hätte die Tagesschau über mich berichtet. Genau wie über all die anderen Doofen. Solcherat Selbsteinschätzung mag überheblich scheinen, doch bin ich nicht gewillt, mein Licht unter den Scheffel zu stellen. Denn wie schnell fängt so ein Schemel Feuer und dann greift es auf den Tisch über und dann auf die ganze Wohnung. Und die Versicherung schaut sich die ganze Sache kritisch an, legt anschließend erst den Stift und dann den Kopf schief, kratzt sich an der Nase und schreibt ins Protokoll: Keine Schadensregulierung. Grund: der Versicherungsnehmer ist doof. Und wer will schon das letzte Drittel ohne Sitzgelegenheit da stehen. Ich jedenfalls nicht.

10/2015 ©kolumnistenschwein.de

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Plädoyer für ein Leben ohne Sinn

Schon die Mensch gewordene Denkfabrik Sokrates konnte von sich behaupten, so viele Dinge zu kennen, die er gar nicht brauche, dass ich mich – auch wenn zeitlich und in Metern bemessen mehr als nur einen Neckermann-Gutschein weit entfernt –  dieser Meinung hart an die Brust werfe. Zum Beispiel Getrocknete Tomaten. Sie lassen mich stets kopfschüttelnd und mit gekräuselter Stirn im Supermarkt Richtung Kasse ziehen. Was zum Teufel macht man denn auch schon mit Getrockneten Tomaten?! Zum Salat taugen sie nicht und auch nicht, um damit Personen des Öffentlichen Lebens zu bewerfen, da Getrockneten Tomaten die Fähigkeit publikumwirksamen Matschens verlustig ging. Kein Rezept ist mir bekannt, welches auf Getrockneten Tomaten fußt. Und auch keine sexuelle Praxis, die Getrocknete Tomaten zur Voraussetzung veitstanzartiger Orgasmen macht. Wer mit trockenen Füßen gesegnet ist, der hat das Glück auf seiner Seite. Wen es zu getrockneten Tomaten zieht, füllt mit russischbrotharter Gewissheit in kürzester Zeit der Psychotherapeuten Praxen und Taschen.

Auch die sogenannten IGEL-Leistungen, welche Ärzte aller Fachrichtungen gern gegen Bares lateinwortreich ihren nicht unbedingt als selbstsicher zu bezeichnenden Patienten aufschwatzen, kann man sich getrost sparen, braucht man nicht, kann man mit ruhigem Gewissen auf die Liste des Sokrates setzen, denn Individuelle Gesundheitsleistungen sind so nutzbringend wie ein Satz Stützräder an Omas sechs Zentner schweren rustikalen Schrankwand. Die kippt doch nicht um. Also die Schrankwand. Unter die IGEL-Leistungen fällt zum Beispiel das Angebot eines Eierstock-Ultraschalls, wobei man doch schon rein vom Rechnerischen  her weiß, bei ungefähr 50 Prozent der Patienten ist so eine medizinische Untersuchung reinweg für die Katz. Also bei den Männern. Und selbst bei Frauen ist es doch so, dass der Arzt, sofern er auch nur den leisesten Verdacht hegt, allein seines Hippokratischen Eides wegen behandeln, und nicht verhandeln muss. Ich werde ärztliche Verordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden. So steht es geschrieben. Hat der Arzt hingegen keinen Verdacht, ist es doch behandlungswürdiger Unfug, Geld zu bezahlen, nur das ein nebulöser Verdacht herbei untersucht wird. Aber in diesem Sinne scheint der Marburger Bund, wie auch schon etliche andere Keime, multiresistent zu sein. Geizen sollte man hingegen nicht mit dem Verzehren von Obst und Gemüse. Hunde, die nur rohes Gemüse fressen, werden zwar nicht unbedingt alt, endverdauen aber ballaststoffreicher. Und dies weiß jeder Hausbesitzer über alle Maßen zu schätzen, denn ein durch Ballaststoffe formstabiler Haufen lässt sich recht unproblematisch vom Gehweg auf die Fahrbahn kicken, breiige Endprodukte hingegen verbleiben mindestens bis zum Jüngsten Gericht – oder dem nächsten ergiebigen Regenschauer – dank Adhäsionskräften bombenfest auf den Gehwegplatten kleben. Da wird dein Haus gemieden wie hier in Thüringen ansonsten nur süßer Senf. Allerdings nicht von Vorwerkvertretern.

Was man aber wirklich auch nicht braucht, ist der gelernte Ökonom Hans-Peter Sinn. Also jener Mann, der hauptamtlich sein Geld damit verdient, den hypothetischen Unterbau für die Vergoldung von Großunternehmernasen zu liefern und schon fast krankhaft seit seiner Geburt gegen den Mindestlohn zu Felde zieht, für den er bei dessen Einführung gut eine Million Arbeitslose beschwor, doch der Mindestlohn kam, nur die Million Arbeitslosen, die hatte er wohl vergessen mitzubringen. Nun meint Hans-Werner Sinn, der bestehende Mindestlohn müsse gnadenlos fallen, nämlich der ankommenden Flüchtlinge wegen, die doch viel zu unqualifiziert für 8,50 Euro pro Stunde seien. Ein gesetzlicher Mindestlohn definiert die Untergrenze der Bezahlung für abhängig Beschäftigte. So steht es geschrieben. Geschrieben steht allerdings nicht, dass der Mindestlohn eine Qualifizierung irgend einer Art voraussetzt. Ist ja schließlich schon schlimm genug, wenn qualifizierte Fachleute hier in Thüringen mit 8,50 pro Stunde sozial abgefertigt werden. Und überhaupt: inwieweit erwartet denn Herr Sinn eine Qualifizierung für den Mindestlohn? Einen Doktortitel? Dazu den Pullitzerpreis? Und eine Urkunde über den Erhalt des Nobelpreises für Physik über der im Sozialkaufhaus erstandenen Couch? Und wohin sollte eine Putzfrau sich bitteschön hin qualifizieren? Zur Diplomputzfrau? Und wenn dann alle Putzfrauen qualifiziert sind und beschließen, sich auf ihren akademischen Lorbeeren auszuruhen: wer putzt denn dann eigentlich noch? Oder ist es nicht eher so, dass es immer Tätigkeiten geben wird, die relativ einfach zu machen sind, aber einfach auch gemacht werden müssen. Und den Menschen davon leben lassen müssen. Und natürlich funktioniert der Mindestlohn. Mir ist jedenfalls kein einziger Unternehmer bekannt, welcher dienstags und donnerstags bei uns im Ort in der Schlange an der Tafel ansteht, allein um einen Beutel voll mit abgelaufenem Joghurt und Getrockneten Tomaten willen. Sollte da jemals ein Unternehmer stehen, so bestimmt nicht wegen dem Gedanken, dass seine Angestellten einmal täglich warm essen möchten. Er sollte einfach mal bei einem Glas Stillen Wasser seine Geschäftsidee hinterfragen. Wer einen toten Gaul reitet, wird nun mal nicht Galopper des Jahres. Doch in der Schlange vor der Tafel stehen immer nur die Leute, die Herr Sinn gern noch für lau im System sehen will.

Um zu resümieren: bekommen alle mindestens den Mindestlohn, kann auch die Friseuse der Klofrau – statt wie bisher nur 30 Cent – festen Blickes einen halben Euro auf den Teller legen. Weil sie es sich jetzt einfach leisten kann, für 50 Cent zu kacken. Und beide haben was davon. Auch das ist ökonomisch belegbar. Und der Satz von Herrn Sinn, wir könnten uns, bei über den Jordan geschossenem Mindestlohn, allesamt Putzfrauen leisten, entspricht der charakterlosen Einstellungen, mir geht es zwar schlecht, aber solange es jemanden anderen noch schlechter geht, geht es mir ja eigentlich gut. Die Sklaverei wurde abgeschafft, steht in jedem Geschichtsbuch, man kann es, sollte man die Hausbibliothek im Winter 2009/2010 (2 Grad unterm Mittel!) verheizt haben, auch im Internet nachlesen. Ich halte Herrn Sinns Ökonomische Gedanken in Bezug auf Mindestlohn für allenfalls hauptschultauglich. Andererseits weiß ich ja nicht, wer ihn bezahlt. Als Pharao wäre Herr Sinn hingegen allererste Wahl. Und einen Namen hätte ich auch schon für ihn: Blödsinn I..

10/2015 ©kolumnistenschwein.de