Mit dem Sie auf Du und Du

Es wird ja im Allgemeinen und besonders auch im Speziellen in diesen Zeiten oft und ergiebig über die Verrohung der Sitten geklagt und auch ich, ich klinke mich mit diesem Text in dieses Jammern und Jaulen ein. Und dieses durchaus berechtigt, denn auch mir fiel der Verfall von Höflichkeit, die Zersetzung von sozialen Normen, das Schleifen von Bitte und Danke schon allzu oft aus losen Mündern vor die verdutzten Füße. Wütende Worte. Grobe Gestik. Derbe Denkausfälle. Ein diesen Text garantiert sprengendes Sammelsurium an Verhaltensweisen, welches einen Knigge bis in die 5.Erbfolge hinein vor Fremdscham so rot wie die in meinem Wohnzimmer stehende Couchgarnitur werden ließe.

Doch ich gebe zu, auch mir gelingt nicht immer ein kontrolliertes Abfackeln der Emotionen. So habe ich erst kürzlich zwei Kollegen Fratzen genannt. Und ganz gleich wo und wie fest die Gründe dafür auch ankerten: es war unhöflich. Selbst wenn jeder Richter mir bei einem Lokaltermin – und der Sichtung aller Fakten – zu gestehen werden muss, ich machte keine Falschaussage. Und der Begriff Fratze ist ja an und für sich auch gar keine Beleidigung, sondern nur eine Umschreibung für subjektiv empfundene Physiognomie. Also bestand mein Fehler im Grunde doch viel eher darin, meinen persönlichen Empfindungen verbal Raum zu geben, doch dummerweise standen in diesem Raum schon die Kollegen. Und Kollegen, na ja, wer welche hat, der weiß Bescheid.

Persönlich glaube ich ja, ein Sinken von verbalen Hemmschwellen unter anderem auch am inflationären Gebrauch der Anredeform “Du” festmachen zu können. Hätte ich die von mir laut klassifizierten Kollegen seit Jahr und Tag streng gesiezt, gewiss hätte ich die Einordnung meiner persönlichen Empfindungen nur gedanklich vorgenommen. Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied, ob man gesiezt oder geduzt wird, auch ob man selbst siezt oder duzt. Duzen ist von je her ein kommunikativer Missstand, bedingt durch Fehlstunden in den Fächern Biologie und Sozialkunde. Schließlich ist der Mensch ein Raubtier, was als Begriff sich aus Raub und Tier zusammensetzt. Ersteres ist aber strafbewehrt und Ganoven bietet man nicht das Du an, sondern eine Freifahrt, hin zum nächsten Haus, bei welchem die Statistik weit weniger Ein-, als Ausbrüche aufweist. Dem zweiten ist es vollkommen egal, ob man es duzt oder siezt, solange man nur den Futternapf jederzeit bis zum Anschlag gefüllt hat. Unseren Kater, den kann ich siezen, den kann ich duzen, wie auch immer. Er kommt nach Haus wann er will, latscht die Bude dreckig und schärft seine Krallen am anfangs erwähnten wie Knigges Kopf gefärbten Sofa.

Einen Menschen, den sollte man also stets Siezen. Ganz gleich ob Kollege, Vater oder Ehefrau. Siezen ist Wort gewordene Achtung vor der Person. Es hat Stil und zeigt, mein Gegenüber furzt zwar ohne Scham im Büro, doch ich gehe nasal darüber hinweg und gebe ihm somit zurück, was ihm in der Kinderstube wohl verloren ging. Auch Kinder sollten sich stets siezen, denn siezen bringt Abstand, und Abstand ist das Wichtigste überhaupt, denn wer außer Reichweite ist, der kann dem anderen mit dem Schäufelchen im Sandkasten kein Auge ausstechen und die Eltern sparen sich Dumm und Dämlich an den Beiträgen zur nicht abgeschlossenen Rechtsschutzversicherung. Gleiches gilt auch für Erwachsene. Auch wenn mir hier Studien dazu nicht vorliegen, so gehe ich davon aus, Geduzte werden gewiss öfter Opfer der eingangs angesprochenen, über uns herein gebrochenen Unflätigkeiten, als Herr Soundso und Frau Jedermann, denen man ein gut erzogenes Sie voranstellt. Denn wiederum ist es die so geschaffene Distanz, die uns so voreinander schützt. Deshalb setzten die USA ja auch seit Jahren vorsorglich auf Drohnen. Höflich im Ton, aber resolut im Handeln. Auch wenn ich selbst des Arabischen nicht mächtig bin, so glaube ich verletzte Iraki im Fernsehen sagen gehört zu haben: “Sie haben mir zwar meine Familie weggebombt, aber bei Gott: scheißfreundlich die Kerle!”

Duzen sollten sich wirklich nur Menschen, welche seltenen Sexualpraktiken frönen. Wen man fesselt, knebelt, mit Meeretich einreibt und dann stundenlang im muffigen Kartoffelkeller einsperrt: da führt ein sperriges Sie nur zum Infragestellen jeglicher Libido.

Somit fordere ich die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Prof. Dr. Johanna Wanka, auf, in Berlin eine große Halle anzumieten, diese Halle mit einer Meute Menschen zu befüllen, und diese nun durch eine ebenso rhetorisch brillante, wie  gleichsam auch äußerst aggressive Rede aufzuputschen, und gipfeln soll diese Rede in dem grob heraus geschmissenen Satz: “WOLLT IHR DAS TOTALE SIE?!” Worauf das erhitzte Publikum seine Augenklappen vom Gesicht reißt, sie schreiend in die Luft wirft und lauthals den sofortigen Einmarsch in alle Duz-Zonen fordert. Der Rest wäre Bestandteil der Geschichte.

Dies allem zum Trotz möchte ich diesen Text mit etwas Positiven beschließen. So trug es sich heute zu, dass ich eine Apotheke aufsuchen musste, um für eine nahe Verwandte Hustentropfen zu besorgen. Und die Apothekenfachkraft ließ es sich nicht nehmen, mich ihrer Ausbildung entsprechend darauf hinzuweisen, von den Tropfen dreimal täglich 25 einzunehmen. Dies stimmte mich froh. Und sollte es den Leser ebenso. Denn der Gedanke, man müsse statt drei mal fünfundzwanzig, fünfundzwanzig mal drei Tropfen nehmen, ist für Menschen, die ja schon allein am Husten schwer zu tragen haben,  eine nicht zu unterschätzende zusätzliche Last, besonders für jene, die nächtens gewohnheitsmäßig gern mehr als eine Stunde am Stück durchschlafen.

Und ungeachtet dieses emotional wohl temperierten Abschlusses wollen wir dennoch nicht vergessen: Hinter jedem korrekt angewendeten Sie versteckt ein unterwürfiges Du seine grinsende Fratze. Sorry! Ich habe schon wieder Fratze gesagt!

04/16 ©kolumnistenschwein.de

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