Meine Heimstatt ist die Petrischale

Auch wenn ich weiß, dass es meiner Psyche schon oft genug ein Bein stellte, so konsumiere ich dennoch regelmäßig Nachrichten. Ganz gleich ob Internet, Zeitung, Radio oder auch TV: ich nehme den ganz großen Trichter und schütte die informelle Gülle ohne Maß in mich hinein. Wobei ich mich über einzelne Meldungen nicht mehr allzu sehr aufrege, denn ich bin ja auch so eine Art Mensch und alles was an News über unsereins herein bricht, ist zumeist vom Menschen gemacht und mir somit nicht fremd. Allein ausschließen als Ergebnis menschlichen Handelns würde ich Sonnen- und Mondfinsternis; die kriegt nicht mal ein Erdogan oder ein Putin gebacken, auch wenn die Medien zukünftig gewiss Gegenteiliges propagieren mögen.

Und so entnahm ich vor wenigen Tagen meiner Tageszeitung die Info, wir Thüringer wären Reisemuffel, nur 20 Prozent der Einwohner würde es zu Kurzreisen an Wochenenden und auch zu zeitlich aufgeblaseneren Urlaubsreisen drängen, während es bei den Berlinern hingegen gut 50 Prozent seien. Nun gut, ich habe Berlin das letzte mal vorm Mauerfall besucht. Schon damals empfand ich die Großstadt als hässlich und schon damals befanden sich dort die Regierungsviertel, so dass ich den Wunsch dieser 50 Prozent durchaus nachvollziehen kann, diesen Hybrid aus Beton und staatlicher Bräsigkeit so oft wie nur möglich hinter sich zu lassen. Die andere Hälfte säuft wahrscheinlich. Natürlich bin ich mir sicher, es gibt da auch schöne Ecken. Doch man heiratet eine Frau doch nicht nur ihrer zierlichen Stupsnase wegen, wenn der Rest Richtung Schrankwand tendiert. Sollte es aber einen Berliner, eine Berlinerin geben, die mein Bild von Berlin aufpolieren möchte oder muss, so steht einer Einladung meiner Person nichts im Wege. Besonders nicht die Worte “Kost und Logis frei!”

Nun kann ich als Thüringer durchaus bestätigen, mich drängt es nicht in die Welt. Für mich hat der Strand von Aruba, einer angeblichen Trauminsel in der Karibik, gegenüber meinem Sofa keinerlei erkennbare Vorzüge. So habe ich mich noch nie mit vor Schmerz verzogenem Gesicht von meiner Couch erheben müssen, nur weil stundenlanges Herumlungern auf dieser mir einen respektablen Sonnenbrand einbrachte. Auch musste ich mir nach einer nachmittäglichen Sitzung auf dem Sofa, die ja nun eigentlich eher Liegung heißen muss, noch nie Sand aus dem Schritt pulen. Jedes Jahr werden weltweit an Stränden circa 150 Menschen von herab fallenden Kokosnüssen erschlagen. Wurde ich auf meiner Couch noch nie.

Man muss ja auch nicht alles gesehen haben. Nur weil jeder einzelne Thüringer heutzutage einen Ausbund an Mobilität darstellt, heißt es doch nicht, er muss nun unbedingt jeden verdammten Haufen, den ein Köter in irgendeinem Winkel dieses Planeten hinterlassen hat, mit eigener Nase erschnüffeln. Und auch wenn ich selbst sehr wohl eine gelungene Architektur achte, so muss ich persönlich nicht jedes einzelne epochale Kunstwerk auf seine Stabilität hin überprüfen. Soll am Eiffelturm doch rütteln, wer will: ich rüttele nicht! Mag der Sandsturm die Pyramiden auch umwehen: ich wehe nicht mit! Soll die Golden-Gate-Bridge unter Tausenden Schritten doch minimal wackeln:  ich wackele mit dem Kopf und denke mir Folgendes:

Es ist doch so, ich könnte die Welt bereisen und all die Bauwerke, welche der Mensch im Laufe der vergangenen Zeiten errichtet hat, persönlich in Augenschein nehmen, gemäß dem mir nicht verständlichen Motto: Muss man gesehen haben! Und selbst wenn ich am Tage meines Todes sagen könnte, ich habe den Eiffelturm, die Pyramiden, die Golden-Gate-Bridge und sogar den Geräteschuppen vom Alm-Öhi gesehen, so ist die Liste aber niemals vollständig, wenn man davon ausgeht, dass auch nach meinem Tode doch gewiss weiter fleißig architektiert und gebaut wird. Da werden bestimmt jede Menge an fantastischen Augenschmeichler aus Glas, Stahl und Beton mit gigantischen Flügeltüren inkl. Katzenklappen erschaffen, doch ich werde sie nie sehen, weil ja tot. Womit ich mit diesem Gedanken höchst unzufrieden von dieser Welt scheiden müsste. Früher hieß es bei uns auf den Suff bezogen, ein halber Brand wäre raus geschmissenes Geld. Bezieht man Selbiges auf mein so eben benanntes chronologisches Problem, so hieße es wie folgt: Ein halbes Haus gucken ist raus geschmissene Zeit. Da bleibe ich doch lieber weiter auf dem Sofa hocken und male Mandalas mit dem Mund.

Und wenn ich doch so ein Stubenhocker bin, so nicht etwa, weil, will man gen Sahelzone ziehen, sich gegen Pneumokokken impfen lassen muss. Ich würde mich nie gegen Pneumokkoken impfen lassen. Ich habe nämlich kein Problem mit anderen ethnischen Volksgruppen. Und ich fahre auch nicht nach Kroatien, nur weil ich der Zeitung entnahm, in verschiedenen Cafès gebe es zwei Preislisten, eine für Einheimische und eine mit erhöhten Preisen für Touristen. Ich würde einfach mein Hemd zerreißen, mich drei Wochen nicht rasieren, mich mit Slivovitz parfümieren und schon hielte man mich für einen der Ihrigen. So ein Verhalten wäre nicht fremdenfeindlich. Gäste bluten lassen ist es dagegen schon. Und es ist ja nun nicht so, dass es überhaupt keinen Thüringer in die Welt hinaus zieht. So stand nämlich weiterhin in meiner lokalen Zeitung, eine Frau hätte im Orte Mosbach im Wartburgkreis sich mit Gitarre und Fahrrad mittig der Fahrbahn auf eine Bundesstraße gestellt, um so eine Mitfahrt in einem der auf dieser Straße verkehrenden Fahrzeuge zu erzwingen. Dass die Frau betrunken war, soll hier nur still und unbetont erwähnt werden. Wahrscheinlich stammte sie ja aus Berlin.

Natürlich bin ich in meinem zu gut zwei Dritteln gelutschtem Leben auch dann und wann verreist. Italien. Polen. Griechenland. Russland. Türkei. Und jede Reise hinterließ Erinnerungen, die ich selbst bei größter Anstrengung nicht als unangenehm kategorisieren kann. Hinterfragen möchte ich allein den Sinn. Wenn dreimal umziehen wie einmal abgebrannt sein soll, so sage ich, ist einmal Koffer packen mit meiner Gattin wie dreimal abgebrannt. Womit wir des Pudels Kern nach langem Anlauf endlich frei gelegt haben.

Und wenn wir nun endlich den Grund meiner Reisephobie in einer textlichen Sitzung erkannt haben, so möchte ich dennoch darauf verweisen, dass die Automobilindustrie intensiv an autonomen Fahrzeugen bastelt, also Autos, die vollkommen selbständig auch samstags und sonntags und selbstverständlich auch in Urlaubszeiten in wenigen Jahren durch alle Herren Länder fahren werden. Da muss kein Fahrer mehr drin sitzen. Da muss überhaupt keiner mehr drin sitzen. Vor allem kein Thüringer.

Ich betrachte mich als geheilt.

04/2016 ©kolumnistenschwein.de

 

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