Dreimal B – Enkel adè!

Es gibt so vieles, was ich nicht gesehen habe. Den Eifelturm. Olympisches Turmspringen. Südafrikanische Springböcke. Was gewiss auch daran liegt, dass ich weder unstillbare Sehnsucht nach Paris verspüre, Wassersport schon immer für entbehrbar hielt und Springböcke, na ja, nur den schwarzen Kontinent bereisen, um Antilopen beim herum hopsen zu beobachten, dafür ist mir der Krügerrand echt zu schade.

Nein, weder Eifelturm, noch Turmspringen, auch Springböcke sah ich nie, dafür aber den Fahrer einer Schwalbe, also eines jener optisch schwachbrüstigen Mopeds aus DDR-Produktion. Und der Fahrer trug eine Jacke, auf dessen Rückseite der Schriftzug KAWASAKI mir aggressiv ins Auge sprang. Da fällt mir ein, ich sah nicht nur nie den Eifelturm, Turmspringen und Springböcke, ich sah zudem auch noch nie den Fahrer einer KAWASAKI, welcher eine Jacke trug, auf deren Rückseite er das Logo der Marke Schwalbe in die Welt trug. Bzw. fuhr. Was jetzt nicht wirklich verwundern muss, ist es doch von Anbeginn urheberrechtlich geschützter Marken Brauch, stets das angeblich Höherwertige, Unerreichbare und somit Bewundernswerte kostenlos auf Brust oder Rücken zu bewerben. So gähnen Leute, die es sich auf Grund einer gebrochenen Erwerbsbiografie an sich auch gar nicht leisten könnten, in Shirts durch die späten Vormittagsstunden gesamtdeutscher Einkaufspassagen, auf denen GUCCI, LACOSTE oder auch LAGERFELD in Augeninnendruck gefährdenden Farben prangt. Nun sollte man aber nicht davon ausgehen, dass diese Shirts in mühevoller Handarbeit von GUCCI, LACOSTE oder LAGERFELD höchstpersönlich im strahlenden Lichte ihres Genies zusammen gestückelt wurden. Vielmehr ist es doch wahrscheinlich so, dass man sie in Türkischen Hinterhöfen im trüben Schein schwach glimmender Schafsschwanzfettkerzen mit heißer Nadel zu qualitätsfernen Prekariatslumpen fügte. Ich war viermal in der Türkei. Die Tische der Märkte brachen fast am Gewicht der darauf aufgetürmten Textilien. “Original gefälscht!”, so grinsend ein Händler zu meiner Frau. Man sollte ihn, nicht sie, ruhig einmal ernstnehmen. Warum aber trägt man eine Kopie? Doch bevor ich mir eine Antwort auf diese Frage aus den Hirn pule, möchte ich noch kurz auf drei andere Gegebenheiten eingehen.

  1. Wir werden alle sterben.
  2. Bier ist im Juni stärker im Preis gestiegen als Heizöl.
  3. Luftbilder.

Ja, wir werden alle sterben. Eine Tatsache, die wohl kaum ernsthaft abstreitbar ist und dennoch von vielen Mitmenschen großräumig und besonders leichten Fußes umgangen wird. WIR WERDEN ALLE STERBEN. Ganz gleich ob am Suff, einem Arbeitsunfall oder einem Sprung vom Eifelturm, den ich, wie gesagt, noch nie live gesehen habe. Man kann natürlich auch einfach so daheim im Bett einschlafen und am nächsten Morgen dumm, weil tot, aus der Bettwäsche gucken. Wobei mir diese Variante am peinlichsten wäre, da ich immer nackt schlafe und mit einer Hand am Sack kratzend sterben ist für die, die noch einen allerletzten Blick auf den so plötzlich über Nacht Dahingerafften werfen wollen, gewiss als Erinnerung nur 3.Wahl. Wenn nicht gar totaler Ausschuss. Das Andenken an Verstorbene geht schließlich immer sehr schwer von der Hand, sieht man diese in Gedanken am erkalteten Schrumpelhoden.

Doch die Art zu Sterben will ich nicht thematisieren, sondern vielmehr unser Leben davor, in welchem man sich viel zu oft weigert, das Unausweichliche zu akzeptieren. Das menschliche Leben definiert sich heutzutage augenscheinlich in unseren Breiten zum Großteil nämlich nur über den Konsum. Doch warum die Bude mit Kokolores vollstellen, wenn man am Ende nichts mitnehmen kann? Warum also 10 Hosen kaufen, wenn man weiß, das man über kurz oder lang geht. Und zwar über`n Jordan. Als mein Vater diesen Fluss überquerte und wir seine nach altem Mann riechende Wohnung ausmisteten, habe ich 13 prallvolle Müllsäcke mit Klamotten in die Kleiderspende gepackt. Damit konnte man in der Heimat der Springböcke 3 Stämme komplett einkleiden. Inklusive Bademäntel. Von dem anderen Tand, welchen wir berghoch auf dem Gehweg stapelten, ganz zu schweigen. Besteht der Sinn des Lebens also nur darin, einen möglichst großen Haufen Müll zu hinterlassen? Schlussendlich funktioniert der Enkeltrick doch nur, weil es eine Menge zu holen gibt. Gibt man sein Geld hingegen rechtzeitig für den Tierschutz, Kulturtage und passiven Oralverkehr aus, so ist die Auflösung des verwaisten Haushalts eine Sache von nur wenigen Minuten: Einmal kräftig Durchlüften. Und das war’s dann auch schon. Und sollte man selbst so gerüstet kurz vorm Ableben einen windigen Enkeltrickbetrüger-Anruf erhalten, der ja zumeist mit den hinterlistigen Worten “Rate mal, wer dran ist!“ beginnt, so kann man mit zahnlosem Grinsen antworten: “Irgend so ein Arschloch, dass nicht mitbekommen hat, dass ich die ganze Kohle für Berggemsenfutter, Bolschoitheater und Blasen ausgegeben hab!” Da beißt der nie gehabte Enkel auf finanziellen Granit.

Ja, Heizöl ist im Sommer billig. Und Bier wird im Sommer teurer. Was nun daran liegt, im Sommer wird weit mehr gesoffen, als geheizt. Und der Markt reagiert pfeilschnell, indem er das Begehrte im Preis steigen und das wie Blei im Regal liegende im Preis fallen lässt. Nachfrage und Verfügbarkeit spielen Diktator, was aber im Detail nun auch wieder nicht für alle Dinge gilt. Sonderfall Pizza mit Flugsaurierbelag. Einerseits ist sie nicht nicht verfügbar, da der letzte Flugsaurier wahrscheinlich um das Ende der Kreidezeit herum gegen den Arsch eines Triceratops knallte, was den Preis der Pizza schon in enorme Höhen treiben sollte. Andererseits wird sie selten bis fast gar nicht verlangt, was den Preis wiederum tief in den Keller fallen lässt. Hier stößt die Marktwirtschaft an  des Verstandes Grenzen und wer an solchen verzweifelt, der sollte sein Geld lieber mit Luftbildern machen. Luftbilder schon ab 99 Euro. So die Werbeaufschrift auf dem Heck eines in Nähe meiner Wohnstatt parkenden PKW. Ich habe Luft fotografiert. Hätte nicht genau just in jenem Moment nicht meine Gattin im Hintergrund gestanden, wäre auf dem Bild rein gar nichts zu sehen. Dafür 99 Euro zu kassieren: Dagegen ist der Enkeltrick als Betrug ein an Dürre leidendes Entwicklungsland. Sollte ich aber jemals gezwungen sein, mit Luftbildern meinen Lebensunterhalt abzusichern, so werde ich die Sache vom Standard her auf die nächsthöhere Ebene heben. Ich werde Bild für Bild im aufwendigen Offsetverfahren reproduzieren. Und nennen tue ich es Luftdruck.

Warum trägt der Mensch also Kopien? Ja klar, weil er sich das Original nicht leisten kann. Man zieht sich aus Kostengründen Klamotten an, die mit dem Original nur die unmenschlichen Methoden ihrer Herstellung gemein haben. Was als stoffliches Statussymbol – trotz unterschiedlichem Preis – dennoch die gleiche Aussage bedient: Solange man es nicht selbst in Bangladesh nähen muss, schwimmt man gemeinschaftlich wie Fett auf der Suppe. Nur die Qualität der Suppe ist stark unterschiedlich. Selbstverständlich bin auch ich im Charakter zu schwach, als dass ich den vielfältigen Versuchungen wiederstehen kann und so lege auch ich mir dann und wann Dinge zu, die als Original eigentlich gar nicht auf meine geringen Möglichkeiten zugeschnitten sind. Das gebe ich natürlich nicht zu. Fragt man mich zum Beispiel in Bezug auf meine Gattin “Ist die original von hier?”, so sage ich “Nein, die habe ich mir aus der Türkei mitgebracht.” Aber alles wird gut. Und zwar an dem Tag, an dem die Springböcke vom Eifelturm Olympisches Turmspringen machen.

06/2016 ©kolumnistenschwein.de

2 Gedanken zu “Dreimal B – Enkel adè!

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