Außer Haus ist auch nicht alles!

Man kennt das Gefühl, die Umstände, in denen man sich so verloren vor kommt, so ohne Sinn, die Stunden, in denen man eine abgrundtiefe Sehnsucht verspürt, doch man eigentlich nicht mal weiß, wonach, und zu oft gipfelt dieses an sich stets ziellose Verlangen in dem einen verhängnisvollen Satz: Schatz, wir fahren nach Berlin! Was der Schatz –  also ich – und meine Gattin nun auch getan haben.

An sich gibt es zu Berlin nicht allzuviel zu sagen. Man erläuft, was man seit 1989 als sehenswürdig beigebracht bekam und sieht ansonsten zu, das Drumherum physisch und psychisch ohne größere Schäden zu einem möglichst zeitnahen Punkt wieder zu verlassen. Also waren wir auf dem Kurfürstendamm, im KaDeWe, am Fernsehturm, unterm Brandenburger Tor, standen vorm Bundestag und auch vorm Kanzleramt glotzend herum, nahmen somit in Augenschein, was man als Tourist in Berlin halt so gesehen haben muss. Warum auch immer. Unsere Füße waren geschwollen, was man von meinem Portmonee allerdings weniger sagen konnte, so dass darum unser Hotel nur 3 Sterne hatte, die man, sieht man es nicht überdurchschnittlich unfreundlich, in der Sprache der Astronomen allenfalls als massearm einordnen konnte. 3 Sterne bedeutet im deutschen Hotelwesen wahrscheinlich: Matratzen hart wie mittelalterliche Fronarbeit, Badezimmer, in denen selbst Pygmäen Platzangst bekämen und Wände, dünn wie das Nervenkostüm des zwischen ihnen logierenden Thüringers, der von Haus aus aber Mauern gewöhnt ist, die allein schon nur beim Anstarren nicht mit sofortigem Einsturz drohen. Dem guten Ruf der einstigen Berliner Mauer wird ein solches keinesfalls gerecht.

Auch zum Kaufhaus des Westens kann man, muss man aber nicht viele Worte verlieren. Mehrere Etagen mit Kokolores der gehobenen Preisklasse, wobei allein das Erdgeschoss nur den Parfümeuren und Seifensiedern überlassen ist, unzählige Stände mit gelecktem Personal, welches wortlos grinsend vor sich hin stank. Im Prinzip hatte ich da schon die Nase voll. Doch tapfer kämpften wir uns durch unsichtbare Nebelwolken in die 1.Etage, die dem ersten Eindruck nach der Herrenwäsche vorbehalten schien. Nach nur wenigen Metern stellte sich mir allerdings die Frage, warum Schirmmützen einer von mir sehr geschätzten Marke hier 40 Euros mehr kosteten, als beim Huthändler in Weimar, doch fand ich keine befriedigende Antwort darauf, was dazu führte, die Preispolitik des KaDeWe ebenfalls zu befragen und zwar sehr kritisch. Insgesamt schien der ganze Kurfürstendamm nur eine Aneinanderreihung von Geschäftsideen, deren Inhalt einzig und allein darin besteht, Waren überteuert an in Geld schwimmende Systemgewinnler zu verhökern. Handtäschchen für 5.000 Euro. Uhren für 37.000 Euro. Vanilleeis für 3 Euro. Pro Kugel. Trotz der augenscheinlichen marktwirtschaftlichen Schaumschlägerei quoll der Ku`damm aber vor Menschen über, darunter auch etliche Bettler, die mir allerdings selten ihren obligatorischen Plastikbecher vor die Nase hielten. Wahrscheinlich erkannten sie in mir den Thüringer Arbeitnehmer, also ihren einkommensschwachen Bruder im Geiste.

Auch der Alexanderplatz war mehr Enttäuschung als Platz, hatte ich ihn doch als weiträumig und aufgeräumt in ostdeutscher Erinnerung. Heute ist er vollgebaut mit Buden und Büdchen voll mit Handfraß, mit künstlichen Aromen versetztem Gesöff und Erinnerungsstücken, auf die ich allerdings wohlweißlich verzichtete. Grundsätzlich trage ich keine Shirts, auf denen die Orte, an denen ich mal war, namentlich benannt sind. Ich lag auch mal besoffen in der Gosse. Doch Shirts, die mit “Besoffen in der Gosse!” bedruckt sind, machen weder auf Blind-Date-Partys, noch in Bewerbungsgesprächen so richtig großen Eindruck. So kam es also durch die Bebauung des Alexanderplatzes zu dessen optischer Verkleinerung, was ja nun auch wieder erklärt, warum Einheimische ihn so treffend nur Alex nennen. Anderplatz wurde an Immobilienhaie verfüttert. Auch der Checkpoint Charlie war der Kommerzialisierung fast komplett zum Opfer gefallen. Ein lausig kleines Stück Original-Berliner-Mauer. Ansonsten nur die Buden, die auch mit identischem Inhalt auf dem Alexanderplatz der Geschichte Deutschlands ins Gesicht spuckten. Klar, der Rubel muss rollen. Doch rollten am Checkpoint Charlie nicht nur die Rubel, nein, auch die Würfel. Lagen am Eingang bzw. Ausgang des Checkpoint Charlie noch Flyer mit dem dringenden mehrsprachigen Hinweis, sich um Gottes Willen nicht auf Hütchenspieler einzulassen, so wurde ich nur wenige Meter entfernt Zeuge, wie sich doch tatsächlich Touristen fanden, die ihrer Gier und kognitiven Minderleistung zum Opfer fielen. Leider bekam ich mein Handy nicht so schnell aus der Tasche, so dass ich die Gesichter des das Glück versuchenden Pärchens nicht für deren Nachkommenschaft festhalten konnte, wie sie verdutzt in die Geldbörse starrten, denn die war nun leer. Insgesamt ging das alles so schnell vonstatten, bevor man auch nur Äh…! sagen konnte, war das gut eingespielte Team der von satter Sonne gefärbten Trickbetrüger in alle vier ehemaligen Sektoren Berlins verschwunden. Innerlich klatschte ich Beifall, denn wann ist man schon mal Augenzeuge, wenn der Mensch äußerst kunstvoll durch den Menschen über nicht mal vorhandene Tische gezogen wird. Da können Die vom KaDeWe noch eine ganze Menge lernen!

Unterm Brandenburger Tor zu stehen war nur kurz erhebend, man ist ja geschichtlich ziemlich abgebrüht, ein auf einem Bein balancierender Kampfhund hätte mich zu diesem Zeitpunkt weit mehr gerührt. Selbst das Reichtagsgebäude, das Kanzleramt waren recht schnell abgehakt, was man angesichts der Machtfülle und der Gewichtung der Dinge, die in diesen Gebäuden passieren, schon ein wenig hinterfragen sollte. Man nimmt es halt hin, mit Ohnmacht gegenüber den Bewohnern und der ärgerlichen Tatsache, dass man, würde man selbst Hausherr im Bundeskanzleramt sein, mit der selben Ohnmacht dem stetig herum quengelnden Volk gegenüber stände. Im Grunde passen Politiker und Volk ja auch gar nicht zusammen. Die Einen versprechen immer mehr, als sie halten können. Und die Anderen wollen immer mehr, als man versprechen kann. Mit solchen Gedanken in Berlin flanieren: dagegen ist Homers Odyssee eine von A bis Z durch organisierte Pauschalreise gewesen. Und so aßen wir beim Griechen, das Hotelpersonal stammte aus Russland, die Hütchenspieler wohl auch aus Osteuropa, so dass wir sehr wohl den Fernsehturm, das Kanzleramt und das Brandenburger Tor sahen, nur einen der angeblich 3,5 Millionen Berliner, den sahen wir nicht. Was wir uns also für nächste mal aufhoben.

Man kennt das Gefühl, die Umstände, in denen man sich so verloren vor kommt, so ohne Sinn, die Stunden, in denen man eine abgrundtiefe Sehnsucht verspürt, doch man eigentlich nicht mal weiß, wonach, und zu oft gipfelt dieses an sich stets ziellose Verlangen in dem einen verhängnisvollen Satz: Schatz, wir fahren nach Hause! Was der Schatz –  also meine Gattin – und ich dann auch getan haben.

08/2016 ©kolumnistenschwein.de

2 Gedanken zu “Außer Haus ist auch nicht alles!

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