Warum sich auf „Bio“ nur „Ohne mich!“ reimt!

Nur gut, dass ich letzte Woche ein 2-Kilo-Netz Zwiebeln aus “kontrolliertem Anbau” erworben habe. Man weiß ja aus Erfahrung, wie sehr das Gewissen belastet wird, wenn man Gemüse aus unkontrolliertem Anbau einkauft und man somit nicht weiß, was da auf den Feldern überhaupt los ist. Man ahnt vielleicht intuitiv, Zwiebeln neigen ohne Aufsicht zu ungehemmten Drogenkonsum, groben Verhaltensweisen und Geschwisterliebe. Und kommt man an so einem verwahrlosten Zwiebelfeld vorbei, schießen einem als Endverbraucher angesichts rostiger Drogenbestecke, verbaler Entgleisungen und inzestuöser Verbindungen die Tränen in die Augen. Dann doch lieber Kontrollierter Anbau. Der Bauer sitzt einen Grashalm kauend mit Schrotflinte im Arm auf seinem Hochsitz am Rande seines Pachtackers und wacht darüber, dass die Zwiebeln in Reih und Glied gedeihen und nicht auf dumme Gedanken kommen. Gleiches gilt für Kartoffeln, Rüben und Feldsalat. Und wer sich nicht an die Regeln hält, der bekommt kein Bio-Siegel und wird an die Schweine verfüttert. So wie es die Bauern seit Urzeiten auch mit erschlafftem Eheweib und krumm gewachsenen Kindern halten. Ein deutsches Sprichwort lautet ja schließlich: Was der Bauer zertritt, wächst doppelt wieder. Notfalls kann er ja parshipen.

Ich gebe zu, mein Wissen über das Wesen der in der Landwirtschaft Tätigen ist mehr als nur lückenhaft, so dass ich mit meinen in den letzten Sätzen aufgestellten Thesen wirklich schwer daneben liegen kann. Wobei ich, hat man den Jugendreport Natur 2016 im Auge, an sich gar nicht so schlecht abschneide. So antwortete ein Fünftel von über 1200 Sechst- bis Neunklässlern auf die Frage, wo die Sonne aufgeht, mit: “Im Norden!” Und auf die Frage, wie viele Eier ein Huhn pro Tag legen könne, kannten nur 19 Prozent die richtige Antwort. Die anderen 81 Prozent schwankten zwischen 2 und 10 Eiern. An dieser Stelle darf man sich ruhig Bilder von Hühner mit zerfetzten Arschlöchern in Gedanken an die Innenseite seiner Hirnschale pinnen. Auch verorteten die Schüler teilweise Bananen, Mangos und Kokosnuss am Rande unserer Wälder. Da liege ich mit meinem die Familie dezimierenden Ackersmann doch noch weit im akzeptablen Bereich naturbezogenen Grundwissens! Schließlich weiß ich, in Kanada wurde der Serienmörder Robert Pickton – ein Schweinezüchter – vor Gericht gestellt, da er mindestens 26 Frauen ermordet haben soll und diese zum Teil seinen Tieren zum Fraße vor warf. Selbstverständlich bin ich mir zudem darüber klar, in Deutschland wäre dies auf Grund strenger Reglementierung niemals möglich, denn wer hier seine Schweine mit Eierstöcken und Brustimplantaten füttert, an dem gehen Güte- und Biosiegel vollkommen zu recht vorbei. Was an gescheiterten Beziehungen anfällt, dass landet bei uns nicht im Trog, das geht alle 11 Minuten an Parship zurück. So schließt sich der Kreis und der Bauer muss nicht in den Knast und kann weiterhin seinen Zwiebeln den Weg in ein moralisch gefestigtes Leben ebnen. Und wo die Sonne aufgeht, weiß ich auch. Nämlich bei uns, immer schräg links hinterm Schlafzimmer.

Doch lassen wir diese Nichtigkeiten außerhalb unserer Aufmerksamkeit ebenfalls links liegen, um uns einer Frage zu widmen, die Vollkornbrot kauenden Konsumenten wie Hülsenfruchtfasern zwischen den Zähnen hängt. Die Frage lautet: Wann beging eigentlich der erste Bauer die agrartechnische  Ursünde und begann Dreck anzubauen? Sehen wir es doch mal so: “Bio” ist das Ding der Stunde. “Bio” bedeutet, da werden die Pflanzen allein von Bienen mit Hochschulabschluss bestäubt, gegossen wird nur mit dem Wasser aus Literaturnobelpreisträgerknien und gedüngt, gedüngt nur mit Kot, warm dampfend geliefert aus den Tiefen des Vatikan. Und wer Bio isst, der wird 300 Jahre alt und bis ins Alter von 270 macht er Paragliding und geht dreimal die Woche zum Gangbang.

Doch wenn “Bio” so heilbringend, so gesund ist, was ist dann mit den Lebensmitteln, die konventionell, also ohne gebildete Bienen, Literaturnobelpreisträgerkniewasser und Pfaffenscheiße produziert werden? Machen die phlegmatisch, unkritisch und blöde? Dies würde in Deutschland wenigsten Einschaltquoten und Wahlverhalten erklären. Tagsüber Fastfood vom Fließband, abends RTL2 im TV. Über viele Jahre löffelweise E102, folglich in der Wahlkabine einen Ausfallschritt nach rechts. Da hätte der dumme Bauer zwar nicht die größten Kartoffeln, aber die größten Kartoffeln die dümmsten Bauern.

Doch wenn herkömmlich hergestellte Lebensmittel,  allen Symptomen spottend, doch nicht gesundheitsschädlich sein sollten, aus welchem Grund sollte ich dann “Bio” kaufen? Zumal nicht alle gentechnisch verhunzten Lebensmittel per se unnütz sein müssen. Kreuzt man beispielsweise Schweine mit zahmen Wellensittichen, so brauche ich nur beim Fleischer anrufen um fünf Bockwürste bestellen, worauf der der Fleischergeselle den Käfig öffnet und die fünf Bockwürste fliegen ohne größere Umwege zu mir. Theoretisch könnte man auch Schweine mit Regenwürmern kreuzen, damit die Bockwürste zum Kunden kriechen. Man muss nach der Bestellung halt nur die Nachbarshunde im Auge behalten.

Für mich gibt es an und für sich also nur zwei Möglichkeiten: entweder, alles was nicht “Bio” ist, ist ungesund und darf deswegen nicht mehr ohne Strafandrohung an die Bevölkerung verabreicht werden. Wenn ich des Nachbarn Bratwurst vergifte, werde ich ja auch zur Rechenschaft gezogen. Selbst wenn der bei der Deutschen Bank arbeitet. Und wer schlechte Lebensmittel macht, der handelt mit Vorsatz und dieser Begriff wurde ja nicht der Grammatik, sondern dem Strafgesetzbuch entlehnt. Oder es gilt die Möglichkeit, alles, was nicht “Bio” ist, ist gesund, so dass “Bio” nur ein Trend ist, den nur mitmachen kann, wem beim Blick in die eigenen Kontoauszüge nicht die Augen tränen, wie dem Endverbraucher an einem verwahrlosten Zwiebelfeld. So sollen, wenn sich zwei, bis drei mitdenkende Konsumenten sich am Rande eines Zwiebelfeldes treffen, sie ihre Kräfte bündeln und den Bauern gemeinsam vom Hochsitz rütteln. Zur Belohnung dürfen sie die Bilder mit den Hühnern abhängen.

Nachtrag: Da ich den Zusammenhang zwischen schlechter Ernährung und ebenso schlechtem Wahlverhalten schon im letzten Text ins Licht der Öffentlichkeit rückte, möchte ich noch kurz darauf eingehen, wie ich zu dieser die Wissenschaft erschütternden Erkenntnis kam. Ich sah nämlich im letzten Sommer, wie ein etwa dreijähriges Kind von seinen Eltern eine Kugel Eis gekauft bekam. Genauer gesagt azurblaues “Schlumpfeis”, welches schon von der Optik her lauthals schrie: Ich bin ein Produkt der Chemischen Industrie! Genauso gut hätten die Eltern ihrem Nachwuchs auch eine Dose Lackfarbe in den nimmersatten Schlund kippen können. Da einem Dreijährigen jegliches Körpergefühl noch nicht vollends gewachsen ist, fiel die Kugel aus der Waffel wie zu erwarten auf den Gehsteig. Der Junge schaute auf die am Boden liegende Kugel, starrte in die leere Waffel und wieder auf Kugel, die eigentlich nun streng gesehen keine Kugel mehr war, und begann zu schreien. Danach stampfte er abwechselnd mit linkem und rechten Fuß auf den Boden, um sich anschließend neben das Eis zu werfen. Just in diesem Moment erkannte ich den Zusammenhang zwischen Fraß und Wutbürger. Sollten demnächst Fördergelder fließen, werde ich meine Untersuchungen diesbezüglich wie auch unverzüglich fortsetzen. Titel meiner Doktorarbeit in spe: Die Lebensmittelindustrie als Katalysator demokratiefeindlicher Diktaturen. Oder auch: Scheiße am Stiel.

09/2016 ©kolumnistenschwein.de

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Bester Text!

Heute ist Sonntag und bis Dienstag muss ich mir einen Text zum Thema “Utopie ist heute” aus dem Ärmel schütteln. Ich kenne meine Ärmel. Was da beim Schütteln raus fällt, fällt allerdings selten in die Sparte der Utopischen Literatur. Mit etwas Glück kommt es vielleicht ins Dresdner Hygienemuseum. Unter Glas. Panzerglas. Und wer es sehen will, der muss so einen Schutzanzug anziehen und sich von Verwandten und Bekannten verabschieden. Das ist natürlich übertrieben, aber mein Dermatologe sagt ganz oft mit einem ziemlich ernsten Unterton in der Stimme, ich solle zusehen, die Arme immer schön eng am Körper zu halten. Was jetzt ja auch für mich garnicht mal so einfach ist, da ich dreimal die Woche bei REWE Regale auffülle. An sich komme ich mit dem Problem aber ganz gut zurecht. Habe sogar Frau und Kind. Und wer wissen will, wie ich das mit meinem Handicap geschafft habe, der muss sich einfach meine Frau unten liegend vorstellen und mich oben drauf, mit den Armen immer ganz, ganz eng am Körper und Bewegungen, wie sie Schlingnattern auf der Flucht machen. Ich weiß, dieses Bild HEUTE noch aus dem Kopf zu kriegen, grenzt an Utopie. Womit ich das Thema nun eigentlich schon abgearbeitet habe. Und den Text mit zufriedenem Kopfnicken im Ordner mit der Aufschrift “Stockholm/Nobelpreiskomitee” ablegen könnte.

Doch die Veranstalter haben für den besten Text ein Essen für zwei Personen ausgelobt, was für mich bedeutet, mich textlich noch etwas strecken zu müssen. Denn wer meine innerfamiliären Kochkünste kennt, der weiß, ich bin auf Gastronomiegutscheine angewiesen. Oder ich will es mal so sagen: meine Hautprobleme müssen ja irgendwo herkommen. Nahrung hat ja schließlich einen unwahrscheinlich großen Einfluss auf unsere Gesundheit. Isst man das Richtige, so gedeihen Körper und Geist optimal und werkeln ohne Knarren und Knarzen vor sich hin. Isst man hingegen verkehrt, so duzt man alsbald den Apotheker und wählt die AFD. Wer zum Beispiel seinen einzigen Nachwuchs zu oft mit Smarties und Ü-Eiern füttert, der hat vom Gewicht her zwar drei Kinder, bekommt aber nur einmal Kindergeld. Sowas passiert eben, wenn man im Rausch der Elternschaft Quantität und Qualität in einen Topf wirft. Der Gesellschaft sind dicke Kinder egal. Man stellt sich drauf ein, im Spielwarenhandel gibt`s dann eben keine Dreiräder mehr, sondern nur noch Vierräder. Ich selbst reibe mich auch nicht an Übergewichtigen. Ich bin ja schließlich kein Massist. In meiner Zeit als Trainer hatte ich sogar einen wirklich dicken Jungen in der Gruppe. Und ich war stets erstaunt, wie er trotz seiner nicht zu übersehenden Leibesfülle gute Leistungen anstrebte. Der hat den 100-Meter-Sprint immer locker geschafft. Er musste ihn halt nur auf die drei Trainingstage pro Woche aufteilen. Und ja, auch ich habe einen BMI, der dem Fachmann von einem Lebensstil kündet, welcher Fleischer Hände reiben und Veganer kalziumarme Tränen vergießen lässt. Dabei habe ich meinen Fleischkonsum wirklich schon eingeschränkt. Einerseits der Kreatur wegen. Andererseits weil ein zuviel an Fleisch einen harten Stuhl macht. Und ich habe in den Neunzigern mal in einem Teil von Akte X gesehen, wie Scully Mulder darüber aufklärte, dass die meisten Fälle von geplatzten Adern im Kopf auf ein zu starkes Drücken beim Kacken zurückzuführen sind. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken gemacht, wie ich eventuell mal sterbe. Doch das die Kollegen hinter meinem kalten Rücken dann vielleicht mal sagen, er hat halt den Druck nicht ausgehalten, missfällt meinem ebenfalls zu dicken Ego. So kam ich also kürzlich auch zu meinem ersten vegetarischen Döner. Auch wenn die Dame hinterm Tresen mit schlecht gespielter Empathie nach fragte, ob ich denn krank sei. Meine angeborene Höflichkeit ließ mich nicht sagen, dass ich nur nicht mit 3 Bar scheißen will. Ohne Worte lächelte ich sie an, zahlte und verließ den Laden mit der intellektuellen Klarheit, irgendwann zwar zu sterben, aber gewiss nicht zwischen Klopapier und Klobürste. Außer, es beißt mich eine in der Kanalisation ausgesetzte Kongo-Wasserkobra in den Sack.

Da fällt mir ein, ich war noch nie im Dresdner Hygienemuseum. Was stellt man dort aus? Schlecht ausgewrungene Waschlappen?  Verkrustete Stilleinlagen?  Versteinerte Wattestäbchen? Ich weiß es nicht und werde wohl auch nie so neugierig sein, um dieses Museum jemals begründet zu betreten. Man muss ja auch nicht jedes Museum von innen gesehen haben. Zumeist befinden sich darin ja nur die Dinge, die sich einst draußen befanden. Es macht also mehr Sinn, sich jetzt die Dinge draußen kostenlos anzuschauen, als später dafür zu bezahlen, nur um sie sich dann im Museum anzuglotzen. Offenen Auges gilt es durch die Welt zu gehen. Und wer das tut, kann sehen, was ich mir heute aus dem Ärmel schüttelte und muss deswegen nicht nach Dresden fahren. Und siehe da: es war ein Bester Text! Und reicht der nicht für den Gutschein, so muss die Jury mich ersatzweise von Kopf bis Fuß mit Hamamelissalbe  einreiben. Auch an den kritischen Stellen. Denn kann ich die ganze nächste Woche nur zu Hause essen, gibt`s einen, den das mächtig juckt: mich. Ich würde gratis sogar Fleisch essen. Denn jeder, der schon mal an einem frisch mit Bratwürsten belegten Holzkohlegrill vorbei ging, ahnt, unsere nächsten biologischen Verwandten sind die Aasfresser. Die Geier und Hyänen. Nur das die meisten noch Menschen hässlicher sind. Ich kenne aber auch einen sehr missgestalteten Veganer. Der versucht es immer mit Krautwickeln. Aber diese Geschichte hebe ich mir für die wirklich großen Wettbewerbe auf.

09/2016 ©kolumnistenschwein.de

Nachtrag: Gutschein gewonnen.