Mit Rasierschaum vorm Mund

Ich habe mich seit 8 Wochen nicht mehr rasiert. Auch nicht im Gesicht. Nun sehe ich aus wie einer jener jungen Männer, die übers Jahr aus fernen Ländern zu uns kamen, nur weil ihnen jemand wohl im Scherze sagte, hier sei das Paradies. Nun gut. Im Gegensatz zu den Staaten, aus denen sie zogen, wird hier wenigstens relativ selten geschossen. Ein paar Schießerein im Drogenmilieu. Ein paar Schießereien in den Rotlichtvierteln. Wobei ich selbst noch nie im Zentrum dieser Konflikte stand. Oder lag. Die Drogen, die ich konsumiere, die gibt es im Supermarkt in der Getränkeabteilung und bei REWE habe ich noch nie erlebt, dass konkurrierende Brauereien mit vollautomatischen Waffen sich gegenseitig in die Bierbäuche schossen. Auch sah ich dort noch nie Verkäufer mit Kutte, auf die ein biersaufender Totenkopf und in großen Lettern OETTINGER gestickt war. Und bei den Huren war ich auch noch nie, was jetzt aber weniger an mangelnder Libido lag, sondern viel mehr an der mathematischen Erkenntnis, dass Heiraten auf Dauer ganz einfach günstiger kommt. Die Deutschen haben laut einer Befragung 138,9 mal Sex im Jahr. Gehe ich jetzt davon aus, eine Kopulation kostet bei einer Prostituierten 100 Euro, so komme ich bei 30 Ehejahren auf 416700 Euro. Selbst wenn ich davon die Kosten für Standesamt und Eheringe abziehe, habe ich die stolze Summe von 416620 Euro eingespart. Das heißt, nach 30 Jahren Ehe habe ich das Geld für einen ganzen Puff – also Immobilie plus Personal – einfach nur mal so zusammen gefickt. Da fragt man sich in ruhigen Stunden schon sehr, sehr eindringlich, warum man eigentlich noch arbeiten geht. Und auch, ob die 0,9 nach der 138 für die Nummern steht, bei denen kurz vorm Höhepunkt immer das Telefon klingelt. Man überlegt und überlegt und krault sich den nun zum Glück vorhandenen Bart.

Nach sechs Wochen ohne Rasur kamen die ersten Fragen, ob man denn konvertiert sei. Also, ob ich einen Glauben angenommen hätte und man nun erst recht ein prüfendes Auge auf mich haben müsse, damit zum Bart nicht auch noch ein Rucksack kommt. Hierbei handelt es sich aber nicht um im Thüringer Hinterland über Generationen gewachsene Skepsis gegenüber Rucksacktouristen, sondern um in letzter Zeit überdimensional vorhandene Furcht vor Rucksackterroristen. Also vor den Typen, die vollbärtig ihren Rucksack nicht wie unsereins mit Bier und Radler füllen, sondern mit Sprengstoff und Nägeln, um damit sich und Andersdenkende aus dem Öffentlichen Leben zu entfernen. Andere Länder – andere Sitten, greift hier wohl zu kurz. Doch gehen Orient und Okzident da an sich schon die gleichen eingetretenen Pfade, sie unterscheiden sich grundsätzlich nur in der Wahl der Waffen. Während wir den Nahen Osten, Afrika und China mit Fastfood, Zinsen und dem Märchen der Sozialen Marktwirtschaft in die Mangel nahmen, schicken die nun unrasierte Männer und unrasierte Frauen mit bombenfesten Absichten. Pah! Als würde Ross Antony gegen Klitschko antreten. Also gegen beide. Auf einmal. Der größte Fehler besteht ja nun auch darin zu glauben, so ein Selbstmordattentäter hätte was gegen Herrn Müller oder Frau Schulze persönlich. Der hat nämlich gar nichts gegen Müllers und Schulzes Lebensstil. Denn noch nie gab es einen Bekennerbrief, in welchem unser Idiotenfernsehen, die BILD-Zeitung oder unsere gut 1,8 Millionen Alkoholiker als Grund fürs In-die-Luft-sprengen herhalten mussten. Nein, der hat was dagegen, dass wir ihm im eigenen Land vorzuschreiben versuchen, wie er zu leben hat. Vietnam hat nicht die USA überfallen. Der Irak auch nicht. Togoland und Nord-Neuguinea hatten auch nie Kolonien in Deutschland. Und die Südamerikanischen Indios haben nicht Spanien erobert. Nein, wir haben stets das, was wir für eine gute Lebensart halten und hielten, ungefragt in alle Welt gemörsert. Jetzt drehen sie den Spieß halt um. Burkinis. Bomben. Bärte. Das Bimperium schlägt zurück. Apropos Burkini: Von mir aus kann und soll sich Jedermann und Jederfrau ja anhosen wie er oder sie auch mag. Strümpfe in Sandalen. Adipöse in Leggins. Chinesen im Trachtenanzug. Mir doch scheißegal. Nur bei der Vollverschleierung, da reißt es mich emotional hin und her. Und her und hin. Einerseits finde ich – trotz meiner überdurchschnittlichen Toleranz – ein Eintüten der Frau unmenschlich und nicht gerade geeignet, ein soziales Miteinander anzufüttern. Andererseits denke ich immer, wenn ich Angela Merkel im Sommerinterview der ARD sehe, dass so einer Burka manchmal durchaus eine Berechtigung eingewebt wurden sein kann. Ein Gesicht wie der Osten Deutschlands. Fleischgewordenes Jammern. REWE schafft die Plastiktüte ab. Man sollte zwischen Klingenthal und Greifswald nochmal drüber nachdenken.

Nun habe ich mich also acht Wochen nicht rasiert. Und seit zwei Wochen habe ich mich nicht mehr in Läden für Rucksäcke und auch nicht in Baumärkte getraut. Das menschliche Hirn denkt eben in Mustern und kommt so ein Barträger in solch wirren Zeiten um Dinge zu kaufen, welche leider auch missbräuchlich genutzt werden könnten, so gefriert dem Verkaufspersonal das Lächeln ein und es sucht nervös unter dem Tresen nach dem Notfallknopf. Natürlich ist das großer Humbug, denn nicht ein Bart macht den Menschen zum Irren, sondern immer die Umstände. Und eine leicht lockere Schraube voraus gesetzt, so macht ein System, welches am Menschen unmenschlich rüttelt, den Sitz der Schraube nicht unbedingt fester. Doch Marx hatte eine vollen Bart. Darwin ebenso. Auch Gott habe ich auf allen Darstellungen noch nie ohne gesehen. Ob allerdings unter seinem Thron jemals ein Rucksack stand, schien den großen Malern vergangener Kunstepochen leider nie interessant genug. Morgen aber, da werde ich mich rasieren. Nicht freiwillig, mehr der Ehe, dem Zwischenmenschlichen wegen. Damit ich wenigsten mal annähernd an die 138,9 heran komme.

09/2016 ©kolumnistenschwein.de

2 Gedanken zu “Mit Rasierschaum vorm Mund

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