Bester Text!

Heute ist Sonntag und bis Dienstag muss ich mir einen Text zum Thema “Utopie ist heute” aus dem Ärmel schütteln. Ich kenne meine Ärmel. Was da beim Schütteln raus fällt, fällt allerdings selten in die Sparte der Utopischen Literatur. Mit etwas Glück kommt es vielleicht ins Dresdner Hygienemuseum. Unter Glas. Panzerglas. Und wer es sehen will, der muss so einen Schutzanzug anziehen und sich von Verwandten und Bekannten verabschieden. Das ist natürlich übertrieben, aber mein Dermatologe sagt ganz oft mit einem ziemlich ernsten Unterton in der Stimme, ich solle zusehen, die Arme immer schön eng am Körper zu halten. Was jetzt ja auch für mich garnicht mal so einfach ist, da ich dreimal die Woche bei REWE Regale auffülle. An sich komme ich mit dem Problem aber ganz gut zurecht. Habe sogar Frau und Kind. Und wer wissen will, wie ich das mit meinem Handicap geschafft habe, der muss sich einfach meine Frau unten liegend vorstellen und mich oben drauf, mit den Armen immer ganz, ganz eng am Körper und Bewegungen, wie sie Schlingnattern auf der Flucht machen. Ich weiß, dieses Bild HEUTE noch aus dem Kopf zu kriegen, grenzt an Utopie. Womit ich das Thema nun eigentlich schon abgearbeitet habe. Und den Text mit zufriedenem Kopfnicken im Ordner mit der Aufschrift “Stockholm/Nobelpreiskomitee” ablegen könnte.

Doch die Veranstalter haben für den besten Text ein Essen für zwei Personen ausgelobt, was für mich bedeutet, mich textlich noch etwas strecken zu müssen. Denn wer meine innerfamiliären Kochkünste kennt, der weiß, ich bin auf Gastronomiegutscheine angewiesen. Oder ich will es mal so sagen: meine Hautprobleme müssen ja irgendwo herkommen. Nahrung hat ja schließlich einen unwahrscheinlich großen Einfluss auf unsere Gesundheit. Isst man das Richtige, so gedeihen Körper und Geist optimal und werkeln ohne Knarren und Knarzen vor sich hin. Isst man hingegen verkehrt, so duzt man alsbald den Apotheker und wählt die AFD. Wer zum Beispiel seinen einzigen Nachwuchs zu oft mit Smarties und Ü-Eiern füttert, der hat vom Gewicht her zwar drei Kinder, bekommt aber nur einmal Kindergeld. Sowas passiert eben, wenn man im Rausch der Elternschaft Quantität und Qualität in einen Topf wirft. Der Gesellschaft sind dicke Kinder egal. Man stellt sich drauf ein, im Spielwarenhandel gibt`s dann eben keine Dreiräder mehr, sondern nur noch Vierräder. Ich selbst reibe mich auch nicht an Übergewichtigen. Ich bin ja schließlich kein Massist. In meiner Zeit als Trainer hatte ich sogar einen wirklich dicken Jungen in der Gruppe. Und ich war stets erstaunt, wie er trotz seiner nicht zu übersehenden Leibesfülle gute Leistungen anstrebte. Der hat den 100-Meter-Sprint immer locker geschafft. Er musste ihn halt nur auf die drei Trainingstage pro Woche aufteilen. Und ja, auch ich habe einen BMI, der dem Fachmann von einem Lebensstil kündet, welcher Fleischer Hände reiben und Veganer kalziumarme Tränen vergießen lässt. Dabei habe ich meinen Fleischkonsum wirklich schon eingeschränkt. Einerseits der Kreatur wegen. Andererseits weil ein zuviel an Fleisch einen harten Stuhl macht. Und ich habe in den Neunzigern mal in einem Teil von Akte X gesehen, wie Scully Mulder darüber aufklärte, dass die meisten Fälle von geplatzten Adern im Kopf auf ein zu starkes Drücken beim Kacken zurückzuführen sind. Bis dahin hatte ich mir nie Gedanken gemacht, wie ich eventuell mal sterbe. Doch das die Kollegen hinter meinem kalten Rücken dann vielleicht mal sagen, er hat halt den Druck nicht ausgehalten, missfällt meinem ebenfalls zu dicken Ego. So kam ich also kürzlich auch zu meinem ersten vegetarischen Döner. Auch wenn die Dame hinterm Tresen mit schlecht gespielter Empathie nach fragte, ob ich denn krank sei. Meine angeborene Höflichkeit ließ mich nicht sagen, dass ich nur nicht mit 3 Bar scheißen will. Ohne Worte lächelte ich sie an, zahlte und verließ den Laden mit der intellektuellen Klarheit, irgendwann zwar zu sterben, aber gewiss nicht zwischen Klopapier und Klobürste. Außer, es beißt mich eine in der Kanalisation ausgesetzte Kongo-Wasserkobra in den Sack.

Da fällt mir ein, ich war noch nie im Dresdner Hygienemuseum. Was stellt man dort aus? Schlecht ausgewrungene Waschlappen?  Verkrustete Stilleinlagen?  Versteinerte Wattestäbchen? Ich weiß es nicht und werde wohl auch nie so neugierig sein, um dieses Museum jemals begründet zu betreten. Man muss ja auch nicht jedes Museum von innen gesehen haben. Zumeist befinden sich darin ja nur die Dinge, die sich einst draußen befanden. Es macht also mehr Sinn, sich jetzt die Dinge draußen kostenlos anzuschauen, als später dafür zu bezahlen, nur um sie sich dann im Museum anzuglotzen. Offenen Auges gilt es durch die Welt zu gehen. Und wer das tut, kann sehen, was ich mir heute aus dem Ärmel schüttelte und muss deswegen nicht nach Dresden fahren. Und siehe da: es war ein Bester Text! Und reicht der nicht für den Gutschein, so muss die Jury mich ersatzweise von Kopf bis Fuß mit Hamamelissalbe  einreiben. Auch an den kritischen Stellen. Denn kann ich die ganze nächste Woche nur zu Hause essen, gibt`s einen, den das mächtig juckt: mich. Ich würde gratis sogar Fleisch essen. Denn jeder, der schon mal an einem frisch mit Bratwürsten belegten Holzkohlegrill vorbei ging, ahnt, unsere nächsten biologischen Verwandten sind die Aasfresser. Die Geier und Hyänen. Nur das die meisten noch Menschen hässlicher sind. Ich kenne aber auch einen sehr missgestalteten Veganer. Der versucht es immer mit Krautwickeln. Aber diese Geschichte hebe ich mir für die wirklich großen Wettbewerbe auf.

09/2016 ©kolumnistenschwein.de

Nachtrag: Gutschein gewonnen.

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