Vitamin B (Oder: Die härteste Währung der Welt!)

(Folgender Text wurde für die Erfurter Lesebühne vom 13.10.2016 geschrieben. Bedingung: maximal 10 Minuten Lesezeit. Thema: Bedingungslose Erderwärmung.)

Samstagabend, kurz nach 21.00 Uhr. Ich beschloss, Martin anzurufen. Ich nahm das Handy zur Hand und wählte. “Gott”, tönte es nach zwei, dreimal Klingeln aus dem Hörer. Ich: “Oh, sorry, da habe ich mich wohl verwählt.” “Kein Problem.”, kam es vom anderen Ende. Ich wollte auflegen, doch fragte: “Sie heißen wirklich Gott?” “Nein. Ich bin Gott.” Ich zog die Augenbrauen hoch. Entweder hatte ich die Irrenanstalt dran. Oder… . “Welcher Gott?”, hakte ich nach. “Heilige Scheiße!”, kam die Antwort nun doch etwas wirsch, “Der Gott. Der Schöpfer. Jehova. Himmelsvater. Und was weiß ich noch.” Ich blieb skeptisch. “Können Sie das beweisen?” “Meine Fresse! Gehen Sie in die Küche und drehen Sie den Wasserhahn auf!” Ich ging in die Küche und drehte den Wasserhahn auf. Aus ihm quoll eine blutrote Flüssigkeit. Ich hielt den Finger darunter. Kostete. Rotwein. Trocken. Wahrscheinlich ein Bordeaux. Aber von minderer Qualität. Egal. Ich nahm das Handy, rief “Moment!” hinein und begann alle verfügbaren Gefäße zu füllen. “Wie haben Sie das gemacht?”, fragte ich, nachdem ich das Telefon wieder am Ohr hatte. Gott: “Volkshochschule. Zaubern für Anfänger. Kleiner Scherz, Ich bin Gott, Mann. Ich kann alles. Gestern abend habe ich rein aus Langeweile goldene Himmelskörper geschissen. Einfach so. Von wo aus rufen Sie eigentlich an?” “Blankenhain bei Weimar.” “Nicht der Ort. Welcher Planet?” “Äh, Erde.” Am anderen Hände raschelte jemand mit Papieren. “Boah, was für`n Drecksloch!”, hörte ich Gott flüstern. Dann: “Sind Sie noch dran?” Ich: “Ja, ja doch.” Er: “Toller Planet! Wirklich. Mein Sohn hat ihn mal besucht. Hat sich dort allerdings eine Blutvergiftung eingefangen. Muss wohl in einen rostigen Nagel gefasst haben.” “Äh…”, stammelte ich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Gespräch könnte unangenehm werden. Ich musste es unbedingt in andere Bahnen lenken. “Herr Gott”, so ich, “Darf ich Sie mal was fragen?” “Klar”, brummte Gott. Ich stellte das letzte leere Gefäß unter den Weinhahn. “Komme ich in den Himmel?”, fragte ich, drehte den Weinhahn zu und rannte ins Bad, um die Wanne volllaufen zu lassen. Wieder raschelte er mit Papieren. Dann sagte er ”Mm, meinen Unterlagen nach sind Sie Atheist.” Ich: “Na ja. Ich stamme aus dem Osten Deutschlands. Wir habens nicht so mit der Religion. Wir Ossis lieben aber trotzdem alle Menschen!” Ich spürte, wie sich mein Kopf rot färbte. Das passierte mir immer, wenn ich log. Am anderen Ende blieb es auffällig still. Ich: “Gott?” “Ja.” “Komme ich nun in den Himmel?” Gott räusperte sich. “Ich will ehrlich sein. Es gibt keinen Himmel. Und auch keine Hölle. Wir haben es aus Kostengründen zusammengelegt. Wir nennen es Hömmel.” “Hömmel?” So ich. Und: “Was soll das um Gottes Willen denn sein?!” Inzwischen saß ich wieder in der Küche und trank Rotwein aus dem Wasserkocher. “Na ja”, sprach Gott und räusperte sich. “Eigentlich fing es damit an, dass Petrus seinen Schlüsselbund in den Gully fallen ließ. Da haben wir alle Neuen erst mal übergangsweise runter schicken müssen. Irgendwie hat es dann aber ganz gut geklappt. Und dann haben wir uns gedacht: Was soll´s! Oder wie man bei uns so sagt: Warum zwei Taufbecken, wenn man den Nietzsche auch in einem ersäufen kann! Kleiner Scherz! Die Einzigen, die seitdem etwas abkotzen, sind die Engel, wegen der weggefallenen Bonusmeilen. Wir nennen es übrigens Hömmel.” “Hatten Sie schon gesagt. Aber wenn es keinen Himmel, keine Hölle mehr gibt, wie sollen dann die Guten belohnt, die Bösen nach dem Tod bestraft werden?”, fragte ich unsicher. “Na ja”, sprach Gott. “Wir haben hier 2-Bett-Zimmer und 4-Bett-Zimmer. Und die belegen wir immer so, dass es für seine Bewohner entweder wie eine Belohnung, oder aber wie eine Bestrafung funktioniert.” Ich kratze mir den Bart. “Können Sie mir da ein Beispiel nennen?” “Moment!”, sagte Gott und wieder hörte man Papier rascheln. “Hier.”, sagte Gott. “Für Januar 2050 haben wir für den Bernd Höcke Zimmer 31265 gebucht. Zusammen mit drei schwulen Schwarzen, die mit ihm Abend für Abend bis in alle Ewigkeit mit wirklich ganz harten Fakten über Rassentheorien diskutieren werden.” Die Idee gefiel mir. “Und was macht ihr mit denen, die keine Idioten sind?”, fragte ich. “Hm”, machte Gott. “Wen hätten Sie denn gern auf dem Zimmer?”, fragte er. Mir fielen spontan zwei, drei Namen von interessanten Frauen ein, die ich öfters mal in ganz speziellen Filmen im Internet sah. “Immanuel Kant, Gandhi und Mutter Theresa.”, antwortete ich. “Gebongt!”, sagte Gott und ich hoffte, er sah nicht, wie ich mit dem Kopf mehrfach auf die Tischplatte schlug. “Wird bestimmt nicht langweilig mit den Dreien.”, sagte Gott, während ich die Blumenvase an meine Lippen setzte. Warum kann ich eigentlich nie meine blöde Klappe halten? “Sonst noch was?”, fragte Gott. “Ich will nämlich nicht “”Das Wort zum Sonntag”” verpassen!” “Nö.”, nuschelte ich missgelaunt. In Gedanken sah ich das faltige Gesicht von Mutter Theresa. Und nahm einen weiteren tiefen Schluck. Das Gesicht wurde nicht glatter. “Nö.”, sagte ich nochmal. “Ich will auch nicht weiter stören. Wollte ja eh den Martin Merkenbusch an den Hörer.” Wieder raschelte Papier. “Martin Merkenbusch? Dann machen Sie mal hin. Der hat gegen Mitternacht seinen letzten Herzinfarkt!”

In diesem Moment schlug es heftig an meine Wohnungstür. “Aufmachen! Polizei! Wenn Sie nicht öffnen, sehen wir uns gezwungen, Gewalt einzusetzen!”, schrie jemand vor der Tür. Im Nachhinein erfuhr ich, der Nachbar unter mir hatte die Polizei gerufen, da an der Stelle seiner Zimmerdecke, über der wohl meine Badewanne stand, literweise eine blutrote Flüssigkeit herunter tropfte. Heftig atmend rief ich ins Telefon “Gott?!” “Ja?” “Kann ich noch eine letzte Bitte stellen?” “Von mir aus.”, sprach Gott. “Meine Gattin friert immer so an die Füße”, so ich. “Können Sie das mit der Erderwärmung nicht noch etwas beschleunigen?” “Kein Problem”, sagte Gott. Ich: “Kostet das was?” “Ne ne, das ist bedingungslos.” “Danke!”, rief ich und legte auf. In diesem Moment gab es einen gewaltigen Knall, ein grelles Aufblitzen und die Wohnungstür sprang aus dem Rahmen. Ich brauchte eine Weile, um meinem Nachbarn und dem SEK den Sachverhalt zu erklären. Gegen halb sechs hatten wir die halbe Wanne ausgesoffen.

10/2016 ©kolumnistenschwein.de

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