Mit dem Latein am Anfang

Ich habe das erste mal an einem Poetry Slam teilgenommen. Und tatsächlich einen 6.Platz belegt. Okay. Es waren nur sechs Teilnehmer. Was aber an der Tatsache an sich nichts ändert. Wahrscheinlich war das Publikum ja einfach noch nicht reif genug für mich. Denn wenn mir an diesem etwas auffiel, so war es seine penetrante Jugendlichkeit. Die deutsche Bevölkerung hatte 2015 einen Altersdurchschnitt von 46,2 Jahren. Sah ich hingegen in den Saal, so war mein erster Gedanke: Schamhaar ja. Aber in der Quantität noch lange nicht so stark, als dass es ausgekämmt, versponnen und gestrickt für einen Norwegerpullover reicht. Zudem ein recht blasser Haufen. Und den nichts sagenden Blicken nach gewiss alles angehende BWLer und “Irgendwas mit Bauhaus” Studierende. Wahrscheinlich ist das Licht in hiesigen Hörsälen einfach zu schwach, als dass es zu einer ausreichenden Pigmentierung verhelfen könnte. Ich sah Rachitis. Ich sah Muskelschwäche. Ich sah Schuppenflechte. Alles im Anfangsstadium. Und natürlich nur vor meinem geistigen Auge. Klar: Den ganzen Tag an der schlecht ausgeleuchteten Uni, allabendlich im wohl aus Kostengründen recht spärlichen Lichte eines Poetry Slam: da bleibt das Vitamin D recht schnell auf der Strecke. Das kommt maximal auf einen 6.Platz. Dass statistisch gesehen vielleicht auch zukünftige Mediziner im Saal waren: drauf geschissen. Bekanntlich haben die Schuster ja die schlechtesten Leisten. Auch wenn in mir der Gedanke, ich liege auf dem OP-Tisch, und über mich beugt sich ein am Skelett stark deformierter Chirurg, welchem aufgrund einer zusätzlichen schwachen Physis auch noch die Skalpell haltende Hand geführt werden muss, keine Freudensprünge macht. Dass mir zudem infektiöse Hautpartikel in den geöffneten Brustkorb fallen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Nur zwei, drei ältere Zuhörer entdeckte ich im Saal. Aber die hatten wahrscheinlich nicht mitbekommen, dass die auch in dieser Lokalität stattfindende Ü-50-Party bereits schon vor gut einer Woche offiziell für beendet erklärt worden war.

Ein 6. Platz. Bei sechs Teilnehmern. Fehlt nur noch, dass mir einer auf die Schulter klopft und sagt: Aber bleib so wie du bist! Als ob man eine Wahl hätte. Das Stammhirn ist King und unter seiner Regentschaft gibt’s nur Fressen, Ficken, Fäuste schwingen. Die Hirnregionen darüber katzbuckeln doch nur und schleimen ihrem König den Weg. Warum also Betroffenheitslyrik? Oder Unterschichtenbashing? Oder verlogene Selbstkritiken? Es ist wie es ist und man ist es ebenso. Schon Marx hatte erkannt, dass Revolutionen alles ändern, bloß eben den Menschen nicht. Wer also unbedingt Schultern klopfen und “Bleib so wie du bist!“ sagen will, der sollte zu den nächsten Paralympics fahren. Mal sehen, wie groß das Loch ist, welches sich der Sechstplazierte im Brustschwimmen, der übrigens ohne Arme und Beine geboren wurde, sich darüber zusätzlich in den Arsch freut.

Natürlich kann man sich dennoch Tag für Tag ändern. Aber eben nur im Rahmen seiner eigenen Unfähigkeit. Streng gesehen bleibt da nur sehr wenig Raum. Man kann dagegen oder dafür sein. Man kann sich hinter etwas stellen oder auch davor. Man kann Hammer oder Amboss sein. Doch im Hintergrund grinst sich König Stammhirn eins und lacht über unsere Illusion, wir könnten über unseren eigenen Schatten springen. Dazu kommt unsere geistig arg begrenzte Sichtweise. Beispiel Widerstand gegen Stuttgart 21. Damals, als man in den Nachrichten sah, wie dem einen Typen per Wasserwerfer fast die Augen raus geschossen wurden. Klar, man kann denken: Scheißbullenschweine! Aber man kann auch sagen: Die haben in Stuttgart gar kein Problem mit überzogener Polizeigewalt. Die haben ein Problem mit zu hartem Wasser! Ob man Antwort A) oder Antwort B) favorisiert, ist aber bei Weitem kein Akt einer wie immer auch beschriebenen individuellen Freiheit. Man ist nämlich geprägt wurden in seiner Kindheit und dieses nun ändern zu wollen, grenzt haarscharf an Falschmünzerei. Natürlich gab es Linke, die wurden rechts. Und Rechte liefen über zum Marxismus. Doch im Kern, und das ist, was ich selbst für einen großen Applaus niemals textlich revidieren werde, bleibt ein Arschloch ein Arschloch. Also ein Mensch.

Ein 6.Platz. Bei sechs Teilnehmern. Man muss es aber auch sportlich sehen. Wäre ich nicht auf die Bühne gegangen, wäre der Fünfte Letzter geworden und wer weiß, ob der es verkraftet hätte. Die Praxen der Psychotherapeuten sind voll mit Letzten, nur weil die Allgemeinheit ihnen verstand einzureden, sie wären Loser. Doch in jedem Ranking gibt es kein Oben ohne ein Unten. Ja, klar. Man kann Gutmensch spielen und verlangen, die Ränge, statt untereinander, nebeneinander zu visualisieren. In der ersten Zeile stehen dann drei, vier Namen, was aber nichts weiter als ein hilfloser Versuch ist, den Status Quo weinerlich zu verschleiern. Deshalb werde ich noch heute einen Brief an den Vorletzten schreiben, um höflich aber bestimmt Dank einzufordern, da ich ihm half, nicht in des Psychotherapeuten Praxis Platz nehmen zu müssen. Bei meinem Opa hing an der Laube morschen Wand der Spruch:

Mann der Arbeit aufgewacht

und erkenne deine Macht

alle Räder stehen still

wenn dein starker Arm es will!

War halt ein alter Sozi. Bei mir hängt ab heute folgender Text überm Klo:

Letzplazierter aufgewacht

und erkenne deine Macht

alle Slams, die bleiben still

wenn dein schlechter Text es will!

Resümee: Alles fließt. Panta Rhei. Oder auch: Alles ist im Fluß. Bullshit. Ich stand an der Oder. Der Elbe. Der Ilm. Tote Fische. Zerbeulte Coffee-To-Go-Becher. Wenn man Glück hat, mal ein abgetrennter Arm. Da ist nicht alles im Fluss. Und besonders selten eine gute Idee, für einen ebensolchen Text. Denn beim nächsten Poetry Slam will ich unbedingt Fünfter werden. Aber ich habe ein verdammt gutes Gefühl. Vorausgesetzt, es nehmen nur Fünf teil.

10/2016 ©kolumnistenschwein.de

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