Siehst Du den Splitter in deiner Zunge nicht?

Zwei Drittel der Deutschen glauben, dass Politiker ihre Sorgen nicht ernst nehmen. So eine Schlagzeile. Ich habe “Zwei Drittel der Deutschen” unter Google eingegeben. Demnach glauben auch zwei Drittel der Deutschen an Gott. Und ebenfalls zwei Drittel glauben, sie wären körperlich fit. Ebenso haben zwei Drittel der Deutschen beim Urlaubsarzt Angst vor einer Falschbehandlung. Gleichermaßen gehen zwei Drittel der Deutschen krank zur Arbeit. Gehen wir nun einmal davon aus, dass es sich dabei stets um dieselben zwei Drittel handelt, so ergibt sich folgendes Bild: Zwei Drittel der Deutschen werden trotz überdurchschnittlich guter Fitness im Urlaub krank, werden daraufhin vom Kanacken prompt falsch behandelt, müssen sich deswegen –  weil selbst auch alles Beten nichts half – krank auf Arbeit schleppen, und wen kümmert dies mal wieder nicht die Bohne: unsere Politiker! Ein scheinbares Trauerspiel, welches sich selbst ein Lessing oder Schiller hätte kaum leidvoller aus den Tränensäcken wringen können. Ich selbst glaube ja nicht an Gott. Und für übermäßig fit halte ich mich auch nicht. Doch wenn Politiker meine Sorgen nicht ernst genug nehmen, so denke ich, dass dies vor allem daran liegt, dass sie meine Sorgen im Detail ja auch gar nicht kennen. Hätte ich hingegen ans Bundeskanzleramt einen sorgenvollen Brief geschrieben, und wäre dieser Brief abschlägig oder gar garnicht beantwortet worden, dann, ja dann hätte auch ich gewiss Grund zur Klage. Und wäre somit Bestandteil jener zwei Drittel der Deutschen, die, da ich ja noch nie einen Brief ans Bundeskanzleramt geschrieben habe, mir nun so fremd sind wie Rinderklauenseuche und Mondgestein. Ich habe zwar schon davon gehört, habe aber beides noch nie an bzw. in Händen gehabt. Was hätte ich der Merkel auch schreiben sollen?

Werte Frau Merkel,

ich bin jetzt 52 und mein Haar ist schütter. Und gestern hat unser Kater zweimal gekotzt und beim letzten mal versucht, das heraus gewürgte Zeugs wieder zu fressen. Bitte nehmen Sie meine Sorgen ernst!

Es grüßt mit zitternden Augenlidern.

Lothar Peppel

PS: Der Kapitalismus nervt!

Natürlich hätte ich solch einen Brief schreiben und nach Berlin schicken können, wobei ich natürlich weiß, weder würde mein Haar nun voller, noch unser Kater alltagstauglicher, und der Kapitalismus, der schlägt weiterhin waidwund wütend um sich. Schließlich gibt es in Deutschland über 11 Millionen Katzen, die rein theoretisch alle auf einmal kotzen könnten. Da kann die Merkel sich den mehr als schulterbreiten Hintern noch so weit aufreißen wollen: mehr als zwei Brechtüten auf einmal kann selbst die nicht halten. Und an schütterem Haar beißt sich die Politik erfahrungsgemäß auch die Zähne aus. Siehe NSU-Prozess und Glatzen. Und was den Kapitalismus betrifft: Er befindet sich allen Anzeichen nach sowieso längst in Agonie. Sich darüber noch eine Rübe zu machen, wäre, als würde man im Hospiz versuchen, Aktienpakete mit drei Jahrzehnten Haltezeit an den abgemagerten Mann zu bringen. Da bleibt die Kanzlerin somit dementsprechend locker, macht ihre Raute und lässt den Brief auf Nimmerwiedersehen darin verschwinden.

Nun ist es ja auch so, der Deutsche bohrt in punkto Sorgen ja auch immer gleich die ganz dicken Bretter. Schütteres Haar und kotzende Katzen sind der Allgemeinheit als Problem viel zu gering, als dass deswegen an Montagen in Dresden im Kreis gelatscht wird. Da muss schon mindestens Überfremdung und Islamismus her. Unter dem bewegt sich der Dödel doch nicht vom Stammtisch auf die Straße. Nun ist die Angst vor Überfremdung als Paranoia ja ein alter, aber immer wieder gern getragener Hut. Als ich vor über drei Jahrzehnten aus der Stadt aufs “Dorf” zog, war ich dort auch nur ein Fremder, ein Überfremder quasi, den es zu wamsen und dessen stahlgraue Augen es aus nicht ausgesprochenen Gründen mit blauen Ringen zu verzieren galt. Was ich allerdings auf Dauer mit einer respektablen Sprachgewandheit abwenden konnte. Sätze mit einer Länge von über fünf Worten war man dort einfach nicht gewohnt. Es gab im “Dorf” vielleicht 1200 Einwohner. Also eine einzige Familie. Und alle hatten schiefe Zähne und einen Damenbart. Auch die Männer. Die mit dem gepflegtesten Bart habe ich dann geheiratet. Wobei da weniger Romantik und Gefühlsduselei rein spielten, als vielmehr mein altruistischer Gedanke, den dortigen Genpool aufzufrischen, auf das die Zähne wieder gerade und die Bärte dort wuchsen, wo sie hingehören. Trotz dieses selbstlosen Engagements blieb ich stets ein Fremder. Man tuschelt hinterm Rücken durch die schiefen Zähne und schielt mir misstrauisch hinterher. Selbst wenn ich Hosen an habe.

Dazu fällt mir noch ein, letzten Sommer in der Hauptstadt an einer Baustelle vorbeigekommen zu sein, an welcher genau drei Bauarbeiter in Blaumann und Gelb behelmt ihrer gewiss körperlich sehr anstrengenden Tätigkeit nachgingen. Genauer gesagt: ein Kollege schwitzte in der Grube, um allen Anschein nach den nach gängiger Meinung wohl eisernen Erdkern frei zu legen. Seine beiden Kollegen indes standen am Rande der Baugrube, lehnten mit in den Nacken geschobenen Arbeitsschutzhelmen auf ihren Schaufeln und starrten paffend in die Grube. Ohne nun gedanklich Klimmzüge machen zu müssen, darf man faktisch gefestigt davon ausgehen, dass diese beiden Tiefbauer Teil jener zwei Drittel waren, welche durchaus berechtigt in der Furcht leben, Fremde könnten ihnen den Arbeitsplatz wegnehmen. Schließlich gehört Paffend-Auf-Dem-Schaufelstiel-Lehnen weltweit zu den begehrtesten beruflichen Einkommensquellen überhaupt! Wer daran zweifelt, der sollte mal in einer der bundesweit breit gestreuten Behindertenwerkstätten nachfragen. Dort kommt man nämlich seit Jahren mit Schaufelstielrundlutschen kaum noch hinterher.

Zur Thematik Islamisierung möchte ich mich gar nicht erst groß auslassen, denn seit Menschengedenken war es doch so, dass verschiedenste Religionen und Gesellschaftsordnungen in regelmäßiger Unregelmäßigkeit wie Seuchen über unseren Erdball zogen. Hier empfehle ich eine grundsolide Resistenz infolge des Gebrauches von Geschichtsbüchern aufzubauen. Ökonomische wie religiöse Heilsversprechen  kommen und gehen und allen ist gemein, dass sie nur insoweit funktionieren, allein ihre Elite fettbäuchig und fettköpfig werden zu lassen. Bezahlen tut wie immer die Allgemeinheit, in der Fachliteratur auch Plebs genannt. Und wenn Politiker unsere Probleme nicht ernst nehmen, so liegt es doch oft auch an deren Komplexität, oder, weil korrekter, an deren Unlösbarkeit. Es ist nämlich so, dass nicht nur zwei Drittel der Deutschen glauben, Politiker nehmen ihre Probleme nicht ernst, zwei Drittel der Deutschen haben auch einen IQ, der irgendwo zwischen 85 und 110 liegt. Mit solch einem IQ bekommt man zwar hin, die Reihenfolge von Hose-Runter-Lassen und Scheißen nicht ständig durcheinander zu bringen, aber um die Welt um uns herum komplett und folgerichtig zu erfassen, also zu erkennen, dass nicht die Probleme das Problem sind, sondern der Mensch an sich: dies wäre von unserer Spezies eindeutig zu viel verlangt. Denn vom Standpunkt der Evolution aus betrachtet, steckt unser Denken in einer Vorstufe zu Kinderschuhen. Es reicht bestenfalls zum Schaufelstiele  rund lutschen.

11/2016 ©kolumnistenschwein.de

Gedanken. Gebündelt. Ohne Goldschnitt.

Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert. Den hält zwar momentan noch irgendein anderer Bekloppter für dich warm, einer, der sich vielleicht für Jesus oder Napoleon hält, oder, als Härtefall, gar für alle beide. Und dies nicht mal abwechselnd. Muss man sich mal vorstellen: Jesus am Kreuz mit so ‘nem Riesenapparat von Zweispitz auf der Birne! Gegen so was muss man doch was tun! Mit Tabletten. Ans Bett fesseln. Oder/und Elektroschocks. Schließlich wäre es dem Baguettefresser doch bestimmt peinlich gewesen, mit dem gottgepuderten Judenbalg in Verbindung gebracht zu werden. Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen umzubringen. Soll Napoleon gesagt haben. Und da hat er ja so Unrecht nicht. Du sollst nicht töten. So steht es geschrieben, was aber in bisheriger Auslegung stets so zu verstehen war, dass du vor allen deinem Ausbeuter nicht den Scheitel ziehst. Gegen Mitglieder  deiner sozialen Kaste in den Krieg ziehen, da gab und gibt der Pfaffe gern mal seinen Segen. Ich selbst bin ja nun nicht so übermäßig religiös. Eher weniger. Also mehr gar nicht. Glauben. Dementsprechend nicht wissen. Das ist halt nicht so mein Ding. Wobei das mit dem Wissen ja bei mir jetzt auch nicht so stark ausgeprägt ist. Durch meine Wissenslücken kann ein Schwertransporter brettern, ohne auch nur ansatzweise irgendwo anzuecken. Und zwar Quer. Und mit hinten weit heraus hängender Ladung. Doch alles kein Problem. Wo doch ein kurzer Blick in TV und Zeitung zeigt: Blöd sein ist das neue Master. Doktorhut adé! Willkommen Narrenhut! Keine Sau interessiert sich noch für Fucking Fakten, Hauptsache das Maul aufgerissen und das, was man nicht weiß heraus geblökt, so dass man über die per Grundgesetz jedermann eingeräumte Meinungsfreiheit vor allem sagen muss, sie ist der Acker, auf welchem Idioten fett und raumgreifend in robuster Blüte stehen. Und vor allem: die düngen sich gegenseitig. Scheiße wurde ja schon von jeher in breitem Strahl in die Furchen geschmissen. Heute also der perfekte Kreislauf: Scheiße reden – Scheiße konsumieren – Scheiße reden. Und am Rande des Ackers stehen Akademiker und Journalisten und aus dem, was ihnen auf die Schuhe spritzt, versuchen sie den Zustand unserer Gesellschaft heraus zu lesen. Klar, könnte ich glauben, so wäre mir dieses bis zum Hals in Kot stehende Diesseits allemal nur ein Lächeln wert. Über die Sinnlosigkeit des Seins könnte ich eine aus Angst und Unterwürfigkeit gestrickte Mütze ziehen, auf dass auf der Kahlköpfigkeit des Hier und Heute fetttriefende Locken aus hohlen Versprechungen wachsen. Kann ich aber drauf verzichten. Selbst wenn mir ein Glauben – ganz gleich mit welcher Fantasiegestalt – mir meinen Irdischen Weg glätten würde, wie die Geisteskranken beim Curling mit ihrem Besen das Eis für olympisch geschleuderten Granit.  Was soll denn aber auch bitteschön schlecht sein an einem Leben ohne Sinn? Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Ich war in Behandlung wegen Depression. Böse Sache. Doch im Nachhinein muss ich sagen, es war die verdammte Suche nach einem ganz gleich wie gearteten Sinn, die mich in dieses dunkle, vermeintlich leiterlose Loch stieß. In der Lebensmitte, wenn du denkst, dass kann doch jetzt wirklich nicht Alles gewesen sein. Dieses ziellose Wanken und Wirken, dieses Trudeln und Treten auf der Stelle, bis der Boden darunter so dünn wird, dass er bricht und du zu Grabe gehst. Heute geht es mir besser. Wenn man mal von den Tagen absieht, an denen das Serotonin und das Dopamin und das ganze grinsrübenmachende Zeugs sich im Hirne irgendwie dünne macht. Drüsendüsen verstopft. Oder so. Kommt ab und an halt vor, was als Ursache dann aber doch eher in einer Panne im feststofflichen System zu suchen ist. Dass es hingegen keinen Sinn gibt, rüttelt heute an mir nicht mehr, als ein Steinbock an den Alpen. Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Verrückt. Dabei geht es uns – also den meisten Menschen – existenziell gut. Fressen satt. Frieden auch. Playstation sowieso. Vielleicht geht es uns ja auch zu gut. Überfressen. Überfriedet. Überplaystationt. Zu DDR-Zeiten, da wussten wir, es kann nur besser werden. Jetzt ist es besser, doch steht nun die Frage im Raum: Was kann es da eigentlich noch werden? Noch besser? Damit im Jahre 2030 Depression endlich den ersten Platz im Ranking der Todesursachen für sich beanspruchen kann? Oder ist es vielleicht so, dass unser Leben von uns erst als lebenswert befunden wird, wenn man darum kämpfen muss? Soziales Elend von Hartz4 auf Hartz8 gesteigert. Krieg in jedem ungeraden Jahr. Und in geraden Jahren einen schönen Hirntumor. Damit wir endlich wieder etwas positiv in die Zukunft blicken! Ganz frei nach dem Philosophen Camus, nach dem Sisyphos nur ein glücklicher Mensch war, weil er Tag für Tag den selben doofen Stein nach oben rollen musste. Liegt der Grund für die allgemeine große Depression aber dagegen allein in der allgegenwärtigen sozialen Schieflage, so zweifle ich stark am Tun und Lassen unserer Schulmedizin. Denn die verschreiben gegen durchs System ausgehobene Stimmunggräben allein nur Pillen und stundenweise Liegenschaft beim Seelenklempner. Müssten sie hingegen nicht beidhändig mit Rezepten um sich werfen, auf denen ärztlich angeordnet steht: 3 mal täglich eine Börse anzünden! Und: Morgens auf nüchternen Magen einem Finanzspekulateur schwungvoll in selbigen schlagen! Da kannst du aber zusehen, wie die Depression sich winselnd vom oben angesprochenen Acker macht! Natürlich würde es die Sinnfrage nicht gegenstandslos, aber wenigsten doch gehörig Spaß machen. Und eventuell ist die Sinnlosigkeit ja auch gar nicht im Großen und Ganzen, sondern vielmehr in uns selbst begründet. Die von mir in längeren Denkprozessen entwickelte Formel

Tier+Gier=Wir

kann zur Klärung dieser Frage nicht nur Grundlage sein, sondern hat zudem das Zeug dazu, Einsteins

E=m mal schlagmichtot

endgültig an intellektueller Durchschlagskraft den Rang abzulaufen.

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch nur auf der Welt ist, um diese in ihrer Existenz zu bestätigen, könnte man mit einem Selbstmord die gesamte Welt auslöschen. Irgendwie, das gebe ich zu, ein sehr verlockender Gedanke. Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert.

11/2016 ©kolumnistenschwein.de