Gedanken. Gebündelt. Ohne Goldschnitt.

Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert. Den hält zwar momentan noch irgendein anderer Bekloppter für dich warm, einer, der sich vielleicht für Jesus oder Napoleon hält, oder, als Härtefall, gar für alle beide. Und dies nicht mal abwechselnd. Muss man sich mal vorstellen: Jesus am Kreuz mit so ‘nem Riesenapparat von Zweispitz auf der Birne! Gegen so was muss man doch was tun! Mit Tabletten. Ans Bett fesseln. Oder/und Elektroschocks. Schließlich wäre es dem Baguettefresser doch bestimmt peinlich gewesen, mit dem gottgepuderten Judenbalg in Verbindung gebracht zu werden. Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen umzubringen. Soll Napoleon gesagt haben. Und da hat er ja so Unrecht nicht. Du sollst nicht töten. So steht es geschrieben, was aber in bisheriger Auslegung stets so zu verstehen war, dass du vor allen deinem Ausbeuter nicht den Scheitel ziehst. Gegen Mitglieder  deiner sozialen Kaste in den Krieg ziehen, da gab und gibt der Pfaffe gern mal seinen Segen. Ich selbst bin ja nun nicht so übermäßig religiös. Eher weniger. Also mehr gar nicht. Glauben. Dementsprechend nicht wissen. Das ist halt nicht so mein Ding. Wobei das mit dem Wissen ja bei mir jetzt auch nicht so stark ausgeprägt ist. Durch meine Wissenslücken kann ein Schwertransporter brettern, ohne auch nur ansatzweise irgendwo anzuecken. Und zwar Quer. Und mit hinten weit heraus hängender Ladung. Doch alles kein Problem. Wo doch ein kurzer Blick in TV und Zeitung zeigt: Blöd sein ist das neue Master. Doktorhut adé! Willkommen Narrenhut! Keine Sau interessiert sich noch für Fucking Fakten, Hauptsache das Maul aufgerissen und das, was man nicht weiß heraus geblökt, so dass man über die per Grundgesetz jedermann eingeräumte Meinungsfreiheit vor allem sagen muss, sie ist der Acker, auf welchem Idioten fett und raumgreifend in robuster Blüte stehen. Und vor allem: die düngen sich gegenseitig. Scheiße wurde ja schon von jeher in breitem Strahl in die Furchen geschmissen. Heute also der perfekte Kreislauf: Scheiße reden – Scheiße konsumieren – Scheiße reden. Und am Rande des Ackers stehen Akademiker und Journalisten und aus dem, was ihnen auf die Schuhe spritzt, versuchen sie den Zustand unserer Gesellschaft heraus zu lesen. Klar, könnte ich glauben, so wäre mir dieses bis zum Hals in Kot stehende Diesseits allemal nur ein Lächeln wert. Über die Sinnlosigkeit des Seins könnte ich eine aus Angst und Unterwürfigkeit gestrickte Mütze ziehen, auf dass auf der Kahlköpfigkeit des Hier und Heute fetttriefende Locken aus hohlen Versprechungen wachsen. Kann ich aber drauf verzichten. Selbst wenn mir ein Glauben – ganz gleich mit welcher Fantasiegestalt – mir meinen Irdischen Weg glätten würde, wie die Geisteskranken beim Curling mit ihrem Besen das Eis für olympisch geschleuderten Granit.  Was soll denn aber auch bitteschön schlecht sein an einem Leben ohne Sinn? Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Ich war in Behandlung wegen Depression. Böse Sache. Doch im Nachhinein muss ich sagen, es war die verdammte Suche nach einem ganz gleich wie gearteten Sinn, die mich in dieses dunkle, vermeintlich leiterlose Loch stieß. In der Lebensmitte, wenn du denkst, dass kann doch jetzt wirklich nicht Alles gewesen sein. Dieses ziellose Wanken und Wirken, dieses Trudeln und Treten auf der Stelle, bis der Boden darunter so dünn wird, dass er bricht und du zu Grabe gehst. Heute geht es mir besser. Wenn man mal von den Tagen absieht, an denen das Serotonin und das Dopamin und das ganze grinsrübenmachende Zeugs sich im Hirne irgendwie dünne macht. Drüsendüsen verstopft. Oder so. Kommt ab und an halt vor, was als Ursache dann aber doch eher in einer Panne im feststofflichen System zu suchen ist. Dass es hingegen keinen Sinn gibt, rüttelt heute an mir nicht mehr, als ein Steinbock an den Alpen. Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Verrückt. Dabei geht es uns – also den meisten Menschen – existenziell gut. Fressen satt. Frieden auch. Playstation sowieso. Vielleicht geht es uns ja auch zu gut. Überfressen. Überfriedet. Überplaystationt. Zu DDR-Zeiten, da wussten wir, es kann nur besser werden. Jetzt ist es besser, doch steht nun die Frage im Raum: Was kann es da eigentlich noch werden? Noch besser? Damit im Jahre 2030 Depression endlich den ersten Platz im Ranking der Todesursachen für sich beanspruchen kann? Oder ist es vielleicht so, dass unser Leben von uns erst als lebenswert befunden wird, wenn man darum kämpfen muss? Soziales Elend von Hartz4 auf Hartz8 gesteigert. Krieg in jedem ungeraden Jahr. Und in geraden Jahren einen schönen Hirntumor. Damit wir endlich wieder etwas positiv in die Zukunft blicken! Ganz frei nach dem Philosophen Camus, nach dem Sisyphos nur ein glücklicher Mensch war, weil er Tag für Tag den selben doofen Stein nach oben rollen musste. Liegt der Grund für die allgemeine große Depression aber dagegen allein in der allgegenwärtigen sozialen Schieflage, so zweifle ich stark am Tun und Lassen unserer Schulmedizin. Denn die verschreiben gegen durchs System ausgehobene Stimmunggräben allein nur Pillen und stundenweise Liegenschaft beim Seelenklempner. Müssten sie hingegen nicht beidhändig mit Rezepten um sich werfen, auf denen ärztlich angeordnet steht: 3 mal täglich eine Börse anzünden! Und: Morgens auf nüchternen Magen einem Finanzspekulateur schwungvoll in selbigen schlagen! Da kannst du aber zusehen, wie die Depression sich winselnd vom oben angesprochenen Acker macht! Natürlich würde es die Sinnfrage nicht gegenstandslos, aber wenigsten doch gehörig Spaß machen. Und eventuell ist die Sinnlosigkeit ja auch gar nicht im Großen und Ganzen, sondern vielmehr in uns selbst begründet. Die von mir in längeren Denkprozessen entwickelte Formel

Tier+Gier=Wir

kann zur Klärung dieser Frage nicht nur Grundlage sein, sondern hat zudem das Zeug dazu, Einsteins

E=m mal schlagmichtot

endgültig an intellektueller Durchschlagskraft den Rang abzulaufen.

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch nur auf der Welt ist, um diese in ihrer Existenz zu bestätigen, könnte man mit einem Selbstmord die gesamte Welt auslöschen. Irgendwie, das gebe ich zu, ein sehr verlockender Gedanke. Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert.

11/2016 ©kolumnistenschwein.de

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