Das Jahr der Arschlöcher

Bevor ich meine Meinung zum Jahr 2016 ungefragt geige: 700 Gramm habe ich über die Feiertage zugenommen. Nimmt man diese 0,7 Kilo nun als Durchschnitt und multipliziert diese mit meinen etwas über zweiundfünfzig Lebensjahren, so habe ich allein durch das alljährliche kulinarische Zelebrieren der Weihnachtsfeiertage insgesamt an die 36 Kilo an Körpergewicht zugelegt. Was aber auch bedeutet – bei ungefähr 1,70 Metern Körpergröße – nur 40 Kilogramm zu wiegen, hätte ich das Brimborium um einen angeblichen Heiland in jedem einzelnen meiner Lebensjahre unbeachtet links liegen lassen. Da hätte ich einen BMI von 13,8, womit ich selbst im Kongo als dünn gelten würde. Körperliche Arbeit könnte ich dann wohl vergessen, dürfte allenfalls für irgendeinen schwulen Modeschöpfer unpraktische Bekleidung und unübersichtlich geformte Accessoires über lichtgeflutete Laufstege schleppen. Längs gestreifte Kleidung dürfte ich dann natürlich nicht präsentieren, da Opferverbände ihre Anwälte sofort in die Spur schicken würden. Oder anders gesagt: Säße Oskar Schindler im Publikum, und ich auf dem Laufsteg in Gestreift und 40 Kilo: Der würde doch sofort versuchen, mich unverzüglich freizukaufen. Aber ich habe ja stets Weihnachten gefeiert, womit mein BMI kichernd ein leichtes Übergewicht verkündet und ich für Lagerfeld und Versace und Konsorten nur eine weitere Persona non grata bin. Die ließen mich mit einem BMI von 26 nicht mal Kartoffelsäcke vorführen. Selbst wenn alle Welt verrückt wäre nach Kartoffelsäcken. Die Kartoffelsäcke aus Lagerfelds Kollektion hätten alle eine Taille wie eine Salzstange und reinpassen würden nur Models die nie Weihnachten gefeiert haben und Gänse nur aus einem Zeichentrickfilm mit einem ebenfalls sehr dünnen Nils Holgersson kennen. Irgendwo habe ich mal den Gedanken aufgeschnappt, Models müssten so übernatürlich dünn sein, damit sie auf dem Laufsteg nicht von der getragenen Kleidung ablenken. Was ja als Prinzip in vielen Bereichen unseres angeblichen Miteinanders genutzt wird. An den Tankstellen steht “Super”, was man bei einem Preis ab 1,50 pro Liter aber gar nicht mehr denkt. Angebliche Patrioten schwenken zweitligastadiengroße Fahnen, nur damit man dahinter ihre in angstvoll durchwachten Nächten gewachsenen Hitlerbärtchen nicht sieht. Und Fernseher haben Hintergrundbeleuchtung, um so vom schwachen intellektuellen Glimmen auf dem Bildschirm abzulenken. Ich gebe zu, nach dem dritten oder vierten Gläschen Johannisbeerlikörchen stelle ich mit sanft taumelnden Gedanken hin und wieder Listen auf, in denen ich die positiven, wie auch die negativen Seiten eines Lebens mit maximal 40 Kilogramm Körpergewicht verzeichne. Unter Positiv steht dann unter anderem:

  • Ich kann die Sachen vom Geissenpeter auftragen.
  • Ich kann die neuen Fliesen im Bad von innen verfugen.
  • Ich habe nie wieder Rücken. Ich habe nur noch Wirbelsäule.

Und unter Negativ findet man beispielsweise Folgendes:

  • Ich kann die Sachen vom Geissenpeter auftragen.
  • Ich kriege kein Breitbandantibiotikum rein.
  • Wieder nur ein letzter Platz beim Turnier der Sumoringer.

Über solch Gedankenspiele können aber allenfalls von Fülle geplagte Mitteleuropäer lächeln. Schließlich hungern weltweit noch ungefähr 800 Millionen Menschen, was sich unsereins aber viel schlechter vorstellen kann, als im Johannisbeerlikörrausch aufgestellte Listen. Wir selbst glauben ja Hunger zu haben, wenn zwischen 13-Uhr-Mittagessen und 15-Uhr-Tortenschlacht der 14-Uhr-Snack auf der Couch verschlafen wird. Darum schnell zu einem anderen Thema gewechselt. Und zwar zum Thema Bauchnabelfuseln. Mein Nabel liegt nämlich ziemlich tief, was eventuell ja daran liegen kann, dass mein Vater die Nabelschnur im Blutrausch unfachmännisch abgebissen hat. Jedenfalls liegt mein Nabel wie gesagt sehr tief, was, trage ich qualitativ ebenfalls tief angesiedelte Wäsche, zu der Tatsache führt, im Nabel abends Wollknäuel vorzufinden, die man auf Grund ihrer Größe auch in Western durch verlassene Goldgräberstädte wehen lassen könnte. “Anrauen” ist glaube der Fachbegriff dafür, wenn Textilien auf der Innenseite so einen Flaum haben, der wohl einen erhöhten Tragekomfort simulieren soll. Wobei Rauheit und Wohlfühlen doch an sich Gegensätze darstellen, die, wollte man mit ihnen eine Medaille prägen, einem vor sehr große Probleme stellen. Da müsste man mindestens eine dritte Seite einfügen. Neben Menschen, die in Denken und Aussprache rau sind, fühlt man sich ja auch nur wohl, wenn zwischen diesen und einem selbst mindestens ein Bundesland und dazu zwei Wochen liegen. Diese “Anrauen” von Textilien führt ja nun in erster Linie nicht dazu, dass ich in solch einem Pullover vor lauter Hochgefühl mein Haus für Fremde öffne und im Getränkeshop Runde auf Runde schmeisse. Denn tatsächlich ist es doch so, der Pullover ist schon nach der ersten Wäsche mit lauter kleinen Knötchen übersät, was, wie ich aufwendig recherchiert habe, an einer mangelnden Qualität des Stoffes liegt. Unter kundigen Hausfrauen auch Pilling genannt. Und dann bleibt die Frage: Was bringt mir ein Oberbekleidungsstück, welches innen zwar sanft ist wie hin gehauchte Küsse, außen aber aussieht, als hätte ich es über einen Zeitraum von einem Jahr voll gepopelt!? Denn die Flauschigkeit führt emotional ins Nichts, nur der Bauchnabel frisst sich an ihr satt. Und Abend für Abend leere ich diesen und bin wirklich gespannt, wann er den Pullover komplett verschnabuliert hat. Anfangs habe ich ja mit dem Gedanken gespielt, die Bauchnabelfuseln aufzuheben, zu sammeln, und, sollte der Pullover endgültig in Tausenden von hausgemachten Bonanzakugeln* zerbröselt sein, diese ins Textilfachgeschäft zu tragen und an dessen Kulanz zu rütteln. Sollte die Verkaufskraft Pullover zerfasernde Bauchnabel aber nicht als einen Grund zu einer meiner Meinung nach durchaus berechtigten Reklamation anerkennen, so nehme ich den Sack mit Fuseln, klettere damit auf die Turmspitze unseres Rathauses und leere ihn in die kühle Nachtluft aus. Diese Aktion mag als Akt kompletter Verblödung angesehen werden, doch weise ich ausdrücklich darauf hin: Ich bin kein Mitglied irgendeiner sogenannten Identitären Bewegung! Denn so viel Johannislikör kann ich ja nun auch nicht saufen. Schlussendlich hat Alkohol ja auch nicht nur Prozente, sondern auch Kalorien. Und mehr als 700 Gramm Zunahme sind für mich pro Jahr einfach nicht drin. Denn an noch größeren Pullovern würde sich selbst mein Bauchnabel eindeutig überfressen.

Und was das Jahr 2016 betrifft: Da ist einiges schief gelaufen. Doch wer ist, unter Berücksichtigung der Tatsache, wieder einmal unter allen Möglichkeiten gehandelt zu haben, daran schuld? Genau. Wir. Die Arschlöcher.

*Irgendwo in den Weiten des Netzes fand ich den Hinweis, die durch Westernkulissen treibenden Büschen würden auch Bonanzakugeln genannt. Dieses übernehme ich unkommentiert, bin aber diesbezüglich sehr kritisch, da ich im Internet auch las, wir würden das schaffen. Und ich kenne “wir” persönlich!

12/2016 ©kolumnistenschwein.de

 

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2 Gedanken zu “Das Jahr der Arschlöcher

  1. Jedes Jahr das Gleiche, jedes Jahr daselbe,
    man kann sich vor Arschlöchern kaum retten.
    Wir suchen immer noch das Gelbe
    vom Ei oder auch von anderen Dingen,
    die man getrost vergessen kann,
    da können viele ein Lied davon singen.
    Alle Jahre wieder sind es Geschichten, die das Leben schreiben
    und die Arschlöcher werden immer Arschlöcher bleiben.

    In diesem Sinne:
    Möge das neue Jahr ein besseres werden als das alte gewesen ist!

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