Am Anfang war das Wort

Ich denke, also bin ich. Ich bin also und werde sterben. Irgendwann. Bis dahin ist es mir oft langweilig. Deshalb gehe ich manchmal in Geschäfte und frage da nach so Sachen, die selbst Verkäufer mit Fachabitur nach dem Abteilungsleiter rufen lassen. Letztens war ich bei SATURN und habe zwischen den Regalen mit dem  ganzen Multimediazeugs einen möglichst nervös wirkenden Berater gesucht. Den habe ich dann gefragt, was sie momentan an Chinesischem Battle Rap haben. Da hat er mit Schwitzen angefangen und nach seinem Vorgesetzten verlangt. Wir haben dann als Trio kurz über die mangelnde Verfügbarkeit von Ostasiatischem Kampfsprechgesang diskutiert und uns in Folge dessen abwechselnd in den Haufen mit im Preis gesenkten Andrea-Berg-CDs geschubst. Worauf ich das Geschäft verließ, ins Erdgeschoß wechselte, um am Obst- und Gemüsestand einen Smoothie zu trinken. Smoothies trinke ich an sich gar nicht. Nur wenn mir langweilig ist. Ich habe mir dann also einen Smoothie bestellt. Ich habe gesagt: Ich hä-hä-hä-hätte gern einen Smoo-Smoo-Smoothie mit Ra-Ra-Ra-Ra-Ra… . Worauf die hinterm Tresen und angesichts des Kundenandrangs wohl auch unter Druck stehenden Verkäuferin genervt vollendete: Mit Radicchio! Und sie drehte sich um, warf Radicchio, Birne, Trauben, Dattel und Zimt in einen Mixer, gab Limettensaft und Wasser dazu, schaltete den Mixer ein, goß die graugrüne Brühe in ein hohes Glas, steckte einen Strohhalm hinein, dazu eine Kiwischeibe auf den Rand und stellte das Glas vor mich hin. Bitteschön, sagte sie. Ich schaute auf den Smoothie. Dann schaute ich zwischen die Augen der überreifem Obst ähnelnden Fachfrau: Nicht Ra-Ra-Ra-Radicchio! Ra-Ra-Radieschen! Wie gesagt. An sich trinke ich ja gar keinen Smoothie. Nur wenn mir langweilig ist. Und mir ist oft langweilig. Eigentlich immer. Meine Ärztin riet mir deswegen, ich solle mir unbedingt ein Hobby suchen. Nun sammle ich Hausverbote. Doch ich weiß schon jetzt, bald wird mich auch dieser an sich sehr abwechslungsreiche Zeitvertreib zu Tode langweilen.

Als Heranwachsender hatte ich als Hobby noch das Lesen. Ständig war ich in der Bibliothek und lieh aus, was die Regale hergaben. Während die Klassenkameraden dem Ball hinterher rannten, oder sich auf Meiers Dachboden gegenseitig an ihren ersten Erektionen herum spielten, lag ich bei meinen Großeltern auf dem Teppich und las. Mich luden sie übrigens nie zum Fußball spielen ein. Auch nie auf Dachböden. Was ich aber bis heute nicht bereue. Denn so habe ich auf Klassentreffen die qualitativ hochwertige Gelegenheit, quer durch den Saal zu fragen: Hey, Martin, weißt Du noch, wie der Joachim Dir auf Eurem Wäscheboden einen runter geholt hat? Da hörst du die nächsten drei Minuten die Schaumblasen auf den Bieren platzen. Plöpp. Plöpp. Plöpp. Ich las alles. Lem. Scholochow. Wolkow. Marx. Drei von den Wichsern sind schon tot. Also nicht von den Autoren. Klar, die sind auch schon tot, doch meine ich drei jener Klassenkameraden, die sich auf dem Dachboden einander weitgehend Unbekanntes aus dem Handgelenk schüttelten. Einer verunfallte, einer fiel aus dem Fenster und der Dritte soll wohl auch irgendwie alkoholbedingt vorfristig eingeäschert worden sein. Was aus dem Dachboden geworden ist, weiß ich nicht. Vielleicht wachsen da ja jetzt pickelige 12jährige mit unnatürlich nach innen gebogenen Händen aus den grob behauenen fleckigen Bohlen. Und vielleicht kann man die ja ernten, wie Champignons, einfach mit dem Pilzmesser ganz weit unten abschneiden. Ich las alles. Auch nach der Wende. Satré. Steinbeck. Einstein. Bis sie mich langweilten. Nicht, weil ich alles schon gelesen, alles davon begriffen, alles verstanden hätte. Einen gekrümmten Raum kann man sich nicht vorstellen, nicht mal mit den Händen von Martin oder Joachim vor Augen. Und ja: Lesen bildet. Und dann hat man ein Riesenproblem. Denn dann weiß man was. Eine an sich verrückte Sache, denn ich kenne Leute, die Lesen nie, glauben aber nichtsdestotrotz zu wissen. Und zwar alles. Mehr als der Chef. Mehr als die Regierung. Mehr als Günther Jauch. Die kennen wahrscheinlich sogar Chinesischen Battle Rap. Doch dieses Wissen beziehen sie eben nicht aus Büchern. Ihre Quelle heißt “Ich habe gehört,.. .” Oder sie haben es auf Pro7 bei Galileo gesehen. Ich habe gehört, man könne Hodenkrebs durch Handauflegen heilen. Ich habe gesehen, wie so ein Typ einen Hohlblockstein mit seiner Stirn zerschlagen hat. Und ich antworte: Werte Dame, Werter Herr, Sie müssen sich verhört, bzw. versehen haben. Denn ich bin belesen und kann Ihnen versichern, Hohlblocksteine werden seit Jahrtausenden von Bhuddistischen Mönchen durch Handauflegen geteilt. Und Hodenkrebs heilt man alternativ, indem der Onkologe seine Stirn auf den Sack des Patienten haut. Ich habe gehört, man könne Hodenkrebs durch Handauflegen heilen. Ich habe gesehen, wie so ein Typ einen Hohlblockstein mit seiner Stirn zerschlagen hat. Und ich antworte: Werte Dame, Werter Herr, Sie müssen sich verhört, bzw. versehen haben. Denn ich bin belesen und kann Ihnen versichern, Hohlblocksteine werden seit Jahrtausenden von Bhuddistischen Mönchen durch Handauflegen geteilt. Und Hodenkrebs heilt man alternativ, indem der Onkologe seine Stirn auf den Sack des Patienten haut. Und schon nach nur zwei Gesprächen dieser Art überfällt mich wieder tödliche Langeweile. Weil mich nichts, aber auch rein gar nichts über einen längeren Zeitraum fesseln kann. Ich habe etliche Bücher zu schreiben begonnen. Ich habe unzählige Sportarten ausprobiert. Ich bin der Erfinder des Koitus interruptus. Nichts bringe ich zu Ende. Ich lege den Stift zur Seite, hänge die Boxhandschuhe an den Nagel, steige von der Gattin und gähne. Und bin ich auch kein Freund von aus intellektuell  sehr dünnen Fingern gesaugten Verschwörungstheorien, so verfalle ich dennoch auf Grund meiner Neigung, alles halb fertig liegen zu lassen, zwei- bis dreimal pro Woche dem Glauben, ich hätte auch Beethovens Unvollendete geschrieben.

Die Schriftstellerin Ebner-Eschenbach meinte, die Langeweile sei die Halbschwester der Verzweiflung. Und ich weiß, da liegt viel Wahrheit drin, denn ich, ich bin das Epizentrum der Verzweiflung. Dies ist sicherlich zum Großteil genetisch bedingt, teils gewiss auch angelesen und zu einem guten Teil ist kindliche Prägung die Basis. Ich erinnere mich nämlich leider zu gut an die erste Stunde nach meiner Entbindung, wie mein Vater mich in den Händen hielt und immer schrie: WARUM IST ER WEIß?! WARUM IST ER WEIß?! Viel später erfuhr ich dann, dass es gar nicht mein Vater war, sondern ein kubanischen Gastarbeiter, und der hatte sich nur im Zimmer geirrt.

Ich denke, da ist irgendwas in mir zerbrochen.

01/07 ©kolumnistenschwein.de

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2 Gedanken zu “Am Anfang war das Wort

  1. Die Langeweile könntest du mit etwas mehr schreiben vertreiben.
    Und deine Leser, denen es dann und wann ebenfalls langweilig ist, würden sich freuen über diese Zeilen, die ganz und gar nicht langweilig sind!
    Für meinen Teil – der ich (fast) täglich hierher komme, bin immer froh, wenn es etwas neues gibt.
    Und wenn der Ausdruck dann in unserer Kaffee-ecke am Aushang hängt, dann ist in der Firma auch vorbei mit Langeweile.
    Meine Kollegen lassen dir einen schönen Gruß ausrichten: die monatlichen Worte sorgen für so manche schöne Zeit und auch Gesprächsstoff 😉

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