Eine Rede! Eine Rede!

Da den Jugendweihevereinen des Weimarer Landes und auch in Erfurt im vergangenen Jahr wohl die Prominenten ausgingen, bat man mich Nobody eine Rede zu schreiben und auch zu halten. Was ich gerne tat. Ersteres einmal. Zweites mehrfach. Und da mir momentan der Sinn des Schreibens vollends entfallen ist, stelle ich im Folgenden die von mir verfasste Rede nun ersatzweise online. Man nennt es glaube Recycling. Viel Spaß!

 

Werte Jugendliche, werte Eltern, werte Gäste!

Hallo!

Da ich ab und an einen satirischen Text verfasse – und auch ansonsten nicht zum “Still sein” neige – hat man mich gebeten, heute und hier eine Rede zu halten. Der Anlass: Ihre Jugendweihe.

Reden halten ja in der Regel nur Leute, die es irgendwie “geschafft” haben. Erfolgreiche Menschen also. Also Menschen, die eventuell eine Schlacht gewonnen haben. Oder einen Nobelpreis erhalten. Oder zumindest im Fernsehen Karriere gemacht. Nun gut. Ich habe keine Schlacht gewonnen. Was aber auch bedeutet: ich habe keinen Krieg angezettelt. Auch einen Nobelpreis habe ich nie erhalten. Meine Forschungen gingen selten über Stift und ein leeres Blatt Papier hinaus. Und im Fernsehen habe ich auch nie Karriere gemacht. Wer mich sieht,  weiß warum. Was ich sagen will: ich spreche heute zu Ihnen als Person, welche Statistiken und Volksmund als “Otto Normal” auszeichnen. Durchschnittsgröße. Durchschnittseinkommen. Durchschnittsintelligenz. Vorteil des Letzteren: diese Rede enthält keine Fremdworte.

Werte Jugendliche,

Sie werden heute – wie es landläufig so heißt – in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Ob sich dies allerdings längerfristig für Sie lohnt, das weiß ich nicht. Ich will Ihnen auch keine falschen Versprechungen machen. Am Ende dieser Rede gebe ich Ihnen dennoch meine persönliche Antwort darauf.

In den unterschiedlichsten kulturellen Kreisen und Volksgruppen gibt es ebenso unterschiedliche Rituale, um den Übergang von Jugend zum Erwachsensein möglichst effektvoll zu vollziehen. Auf einer Insel im Südpazifik soll es Eingeborene geben, deren Heranwachsende sich Lianen an den Fußgelenken befestigen, um sich dann – so vage abgesichert – aus Baumkronen hinab in die Tiefe zu stürzen. In Deutschland undenkbar. Wir haben keine so hohen Bäume. Nein, hier in Thüringen ist es in aufgeklärten Familien üblich, die Jugendlichen, also die Erwachsenen in spe, zu beschenken, herzlich zu drücken, und was den Mut betrifft: sie müssen sich eine Rede anhören. Und genau in dieser Rede möchte ich nun kurz darauf eingehen, was es überhaupt bedeuten kann, etwas zu “schaffen”, es irgendwann “geschafft” zu haben. Ohne in eine Schlacht zu ziehen. Ohne Nobelpreis. Ohne vermeintliche mediale Ruhmestaten.

Werte Jugendliche,

Eltern wünschen sich natürlich sehnsüchtig für ihre Kinder, dass diese irgendwann, irgendwie, irgendetwas “schaffen”. Vielleicht wünschen sie es ja auch mehr nur für sich. Quasi als Rendite, damit man sich nicht ganz für umsonst durch die Pubertät seines Kindes gequält hat. Es zu “schaffen” heißt ja in heutigen Zeiten auch zumeist, großen beruflichen Erfolg zu haben, und somit möglichst ein Einkommen nah an der Grenze zum moralisch gerade noch Machbaren. Herzchirurg wäre da eine Option. Oder Manager bei der Deutschen Bank. Und für die Frauen vielleicht Supermodel. Oder, als Plan B: Frau eines Managers. Doch eine solche Welt, in der es nur erfolgreiche Chirurgen, ebensolche Manager und Supermodels gibt, möchte man sich nicht mal im Traume vorstellen. Millionen von Chirurgen, welche Millionen von Managern am Herzen operieren, weil diese ständig Herzprobleme kriegen, wenn ihre Millionen von Models beim abendlichen Ausführen stets und ständig durch Gullyritzen fallen. Wer mag, darf hier erkennen: es zu “schaffen” kann schon allein aus Gründen der Vernunft nicht nur am Beruf, oder am Einkommensstatus festgemacht werden.

Und selbstverständlich wünsche ich Ihnen beruflichen Erfolg. Denn sollte mein Gehalt jemals unter den bereits schon erwähnten Durchschnitt fallen, so wäre es bestimmt nicht verkehrt, mich an Ihren beruflichen Werdegang zu erinnern, um Sie hoffentlich ebenso erfolgreich finanziell anzuzapfen. Doch wenn Sie in wenigen Jahren – und dies gehört zum Erwachsensein unweigerlich dazu – auf eigenen Beinen stehen wollen und sollen, so wird die Arbeitswelt wiederum eine andere sein, als noch heute. “Die Welt ist im Wandel, ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, ich spüre es in der Luft”. Soweit der Schriftsteller Tolkien im “Herrn der Ringe”. Würde er das Buch heute schreiben, so hieße das Zitat wohl eher wie folgt: “Die Welt ist im Wandel, ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde, ich spüre es in der Luft. Und in der Firma spüre ich es auch.”

Dieser Wandel wird aber nicht nur am Namen “Industrie 4.0” erkennbar sein, sondern auch daran, dass es gar nicht mehr genug Arbeit für alle Menschen geben wird. Also im konservativen Sinne. Computer und Roboter sind nämlich die Arbeitnehmer von Morgen. Auch wenn sich heute noch nicht jeder vorstellen kann, dass der Terminator höchstpersönlich im Altenheim Oma und Opa mit pürierten Erbsen füttert. Und dies, ohne die mürrischen Senioren dabei mit einer geladenen Pumpgun zu animieren. Japan ist uns da schon weit voraus. Dort gibt es in Pflegeheimen kleine Roboter in Tierform, welche den pflegebedürftigen Rentner trösten und vom Rentner dafür wund gestreichelt werden. Hier in Deutschland verheizen wir für so etwas noch unsere Enkel.

Wenn nun aber also auf Grund des technologischen Fortschritts Arbeit weg fällt, so muss dieses aber dennoch niemanden hier im Saal erschrecken. Denn zwischen der Aussage des Buddhisten, die da lautet “Lerne möglichst viel nicht zu tun”, und der Deutschen Maxime “Müßiggang ist aller Laster Anfang”, da ist noch jede Menge Platz. Und warum nicht genau in dieser gesellschaftlichen Lücke Platz nehmen? Natürlich soll das keineswegs heißen, der Mensch solle nun situationsbedingt auf der “Faulen Haut” liegen bleiben. Wobei es die “Faule Haut” ja auch gar nicht gibt. Die einzige “Faule Haut”, die ich je sah, bekam ich in der Zombie-TV-Serie “The Walking Dead” zu sehen. “Faule Haut” hin – “Faule Haut” her: jeder Mensch soll und muss tätig sein dürfen, denn dieses scheidet uns – neben der Verwendung von Regenschirmen – vom gemeinen Tier. Doch um etwas zu “schaffen”, da bedarf es doch keiner Fabrikshalle. Womit ich wieder beim Thema wäre.

Werte Jugendliche,

Ihr zukünftiges Schaffen können und werden Sie an zwei Dingen fest machen müssen: a) Ihrem persönlichen Wohl. Und b) dem Wohl der Gesellschaft. Und beides ist miteinander verknüpft, so unlösbar, so dass, wenn sie tätig sind, dieses die Gesellschaft verändert. Und ändert sich die Gesellschaft, so hat dies wiederum Einfluss auf Sie. Mensch und Gesellschaft können sich demnach also gegenseitig auf die höchsten Gipfel helfen, aber auch in tiefste Abgründe stürzen. Und glauben Sie mir: Lianen gibt’s für Sie dann nicht!

Dies klingt sehr hypothetisch, darum lassen Sie mich, uns, ein Bild, ein Gleichnis zum besseren Verständnis schaffen. Ich gehe davon aus, einige von Ihnen – junge Männer wie auch junge Frauen – spielen gewiss Fußball. Da wären Sie, die Spieler. Da wären die gewiss notwendigen Schiedsrichter. Und da wären die Zuschauer. Und Sie, der Akteur auf dem Rasen, spielen das Spiel Ihres Lebens. Sie geben Pässe, für die ein Toni Kroos Joachim Löw in der Umkleidekabine würgen würde. Jeder Schuss aufs gegnerische Tor ein Schuss für die Ewigkeit. Und selbst, wenn Ihre Mannschaft das Spiel nicht gewinnen kann: das Publikum feiert jeden Ihrer Spielzüge frenetisch. Was wiederum zur Folge hat, dass genau dieser Jubel Sie zu den erwähnten Glanzleistungen hochpeitscht.

Fallen Sie hingegen nur durch Apathie auf, und wenn Sie fallen, dann nur der unglaubwürdigen “Schwalben” wegen, so buhen die Zuschauer Sie gnadenlos aus. Was an Ihrem Selbstbewusstsein nagen wird, bis von diesem nicht mehr als ein mageres Germans-Next-Topmodel-Skelett übrig ist. Sie schleichen mit hängendem Kopf vom Rasen, zeigen dem Publikum den Mittelfinger, was dieses vom Buhen zum Bierbüchsen-Werfen übergehen lässt. Dieses Nehmen und Geben und Geben und Nehmen nennt man Wechselwirkung. Wechselwirkungen. Und die gibt es überall. Ganz gleich ob auf dem Fußballplatz, oder auch im gesellschaftlichen System. Und das ist gut so. Denn in diesen Wechselwirkungen steckt eine ungeheure Kraft, die – auch wenn uns das nicht immer bewusst ist – auch in unseren, Ihren und meinen Händen liegt.

Werte Jugendliche,

ich hatte schon angedeutet, die Arbeitswelt, die Sie erwartet – und die Sie erwarten – kennt scheinbar nur wenige Gewinner. Sie wissen schon: Chirurgen. Manager. Supermodels. Doch all die anderen, die müssen deswegen keineswegs Verlierer sein. Sie alle können es nämlich “schaffen”, sofern man dieses “schaffen” so interpretiert, dass es Möglichkeiten in sich trägt, die es erlauben, auf vielfältigen Wegen erfolgreich zu sein.

Falls der Rote Faden nun etwas dünn geworden sein sollte: Es geht um Folgendes: Die Voraussetzungen, um im Leben erfolgreich zu sein, liegen nämlich nicht nur bei Ihnen. Obwohl in jedem Menschen durchaus die Saat zu Großem schlummern kann. Natürlich, ich kenne da den Einen oder Anderen, dem ich, sollte er mich jemals am offenen Herzen operieren wollen, dass OP-Besteck mit den Worten “Lass mal, ich mach das mal lieber selber!” aus Gründen besser aus den Händen nehme. Doch jetzt mal von den persönlichen Fähigkeiten abgesehen, da gibt es noch etwas, was einen ungeheuer großen Einfluss auf Ihren zukünftigen Werdegang haben wird, aber selten deutlich genug benannt wird: die Umstände.

Gehen wir doch noch einmal des besseren Verständnis wegen gedanklich zum Fußball zurück. Ihre Eltern können Michael Ballack und Birgit Prinz heißen und in Ihren Genen ist der Weltmeisterpokal somit quasi schon eingemeißelt. Doch nützt Ihnen das gar nichts, wenn Ihnen der Platzwart stets und ständig zu kleine Schuhe hinstellt. Und Ihre Mannschaftskameraden Sie nicht einmal anspielen, wenn Sie denen quasi schon auf den Füßen stehen. Und Sie der Löw sowieso nicht aufstellt, weil Sie dem Kroos beim Würgen halfen. Unter diesen Umständen halten Sie den Weltmeisterpokal höchstens mal in den Händen, wenn Sie ihn aus dem Kicker ausgeschnitten haben. Die Umstände lassen einfach nichts anderes zu.

Und in einer Gesellschaft – ganz gleich ob kapitalistisch oder kommunistisch verdorben – ist es nicht anders. Wie soll der Mensch denn auch etwas “schaffen”, wenn die Umstände, die Bedingungen, dem Menschen die Hände auf den Rücken binden? Ihm die Luft nehmen. Ihm nicht die Möglichkeit einräumen, sein gewiss vorhandenes Potential zur Selbstverwirklichung, und hoffentlich auch zum Wohle der Allgemeinheit auszuspielen. Doch wenn die Umstände nun so ungünstig sind, an wem ist es dann eigentlich, diese zu ändern? Achtung!: Hier kommen nun die schon benannten Wechselwirkungen wieder ins Spiel. Denn die Umstände kann nur einer ändern, und das sind Sie. Mich selbst nehme ich aus, gemäß des verschiedenen Autoren zugeordneten Zitats “Wer mit Zwanzig kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit Vierzig noch Revolutionär ist, der hat keinen Verstand.“ Und noch ein anderes Zitat kommt mir in den Sinn. Es stammt von der zurecht unter- wie auch zurecht überschätzten deutschsprachigen Band namens Böhse Onkelz. Und es lautet wie folgt:

“Dies ist ein dunkler Ort, weil du ihn dazu machst. Dies ist ein dunkler Ort, und du hast in erdacht.“

Wenn man diese pessimistische Aussage als gegebene Grundlage nimmt, so bleibt einem zum einen, sich anzupassen. Also aufzugeben. Sich. Die Gesellschaft. Doch verdammt, warum denn diesen dunklen Ort akzeptieren? Denn wenn wir ihn schon selbst erschaffen haben, so können wir doch auch wiederum Licht in diesen bringen. Es gibt einen Satz, der, sobald er in meiner Nähe fällt, mich jedesmal innerlich lynchen lässt. Dieser Satz lautet: Dies finde ich ungerecht! Doch es ist nicht der Satz, welcher mich mittelschwer rasend macht. Es ist die Person, die solcherart jammert, aber keine Hand rührt, um diese angebliche Ungerechtigkeit zu beseitigen. Denn es gibt doch schließlich nur die Ungerechtigkeiten, die wir zulassen. Es wird also in wenigen Jahren an Ihnen liegen, die Umstände so zu gestalten, dass sie es Ihnen erlauben – und auch Ihrem Sitznachbarn – etwas zu “schaffen”. Ihr Leben frei zu gestalten. Zu Ihrem Wohle. Und zum Wohle der Gesellschaft. Ganz gleich ob als Arbeiter. Als Künstler. Oder auch als Frau eines Managers. Schaffen Sie Umstände, die jedermann – egal wie hoch er auch steigt, egal wie tief er auch fallen mag – nie das Gefühl geben, hoffnungslos zu fallen. Und diese Umstände heißen Gerechtigkeit und Freiheit. Seien Sie dafür der Hammer, nie der Amboss. Treten Sie uns Alten, den Das-War-Doch-Schon-Immer-So-Sagern, in den trägen Hintern. Formen Sie die Gesellschaft so, dass jeder Mensch – und hier schließe ich alle Geschlechter, Hautfarben und Intelligenzquotienten ein – vor allem Mensch sein darf. Auch wenn schon Generationen an den großen Zielen weltweiter Gerechtigkeit und Freiheit gescheitert scheinen:  Sie wollen wie ein Mensch behandelt sein, also tun Sie was dafür!

Sollten sie das schaffen, so können Sie leichten Herzens von sich sagen, sie haben es “geschafft”. Ohne in eine Schlacht zu ziehen. Ohne Nobelpreis. Ohne mediale Ruhmestaten. Auch wenn die Anzahl derjenigen, welche Ihnen nun auf die Schulter klopfen werden, sehr übersichtlich sein wird.

Werte Jugendliche, oder besser gesagt, werte Auf-dem-Weg-Zum-Erwachsenen,

Sie haben heute Jugendweihe. Und ich beglückwünsche Sie dazu. Sie werden heute feiern. Sie werden heute beschenkt. Doch nicht nur mit morgen bereits schon wieder veralteter Technik oder Geld. Nein, wir schenken Ihnen heute etwas viel Wertvolleres. Wir schenken Ihnen heute die Zukunft. Auch ich habe die Zukunft, als ich so jung war wie Sie, geschenkt bekommen. Sie war damals schon nicht in bester Verfassung. Doch ich habe wirklich versucht, sie nicht weiter kaputt zu machen. Ob meine Generation dies geschafft hat, obliegt Ihrer Generation, dies zu beurteilen. Sollte diese Beurteilung negativ ausfallen, so lernen Sie bitte aus unserer intellektuellen Minderleistung. Und setzen Sie Ihre eigenen Ziele ruhig verdammt hoch an. Denn der Weg wird das Ziel sein. Und diesen Weg zu gehen, der lohnt. Denn er ist Ihr Leben.

Ich behalte Sie im Auge!

Danke.

03/2016 ©kolumnistenschwein.de

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2 Gedanken zu “Eine Rede! Eine Rede!

  1. Schön, wieder mal was zu lesen hier – dachte schon, du schreibst an deiner Grabsteininschrift…

    Schöner Text, schön zu lesen und hoffnungserweckend, daß er angekommen ist!

    Gefällt mir

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