Riechkolben und andere Probleme

Ich esse ja ganz gern mal einen kräftigen Käse. Alter Schwede zum Beispiel. Ein Käse, bei welchem der Kühlschrank durch eine Spezialfirma – unter Begleitung einer 12fköpfigen Polizeieskorte! – zur nächstgelegenen NATO-Kampfstoffentsorgungsanlage verbracht und dort verbrannt werden muss, sofern man nur den Käse unversiegelt und länger als 2 Minuten darin ruhen lässt. Und esse ich diesen überaus muskulösen Käse öffentlichkeitswirksam, so kommt es innerhalb meiner kleinen Familie prompt zu folgenden Äußerungen: “Iiihhh! Hat der Kater etwa gefurzt!?” So meine Tochter. “Abartig! Wer das isst, der isst auch kleine Kinder!” So meine Gattin. Ja, liegt bei mir eine Scheibe Alter Schwede auf Butter und Brot, dann ist bei uns zu Haus zu zwei Dritteln die Integration nicht mehr als eine lose Aneinanderreihung von Buchstaben. Junge Spanier. Da würden Weib und Tochter schwitzige Hände bekommen. Aber alte Schweden: da wird ihr Herz hart und ihre Nasen machen Sit-ups. Also irgendwas mit Rümpfen. Gleiches gilt für Tilsiter, dem genetisch nächsten Verwandten alter Schweden. Auch mit diesem sitze ich stets allein in der Küche und denke kauend über die Disharmonien unserer Welt nach. Mein Kollege sagt beispielsweise des öfteren, dass Altwerden nichts für Feiglinge sei. Und dass er einen Weber-Grill hat. Und beides oft in unmittelbarer zeitlicher Nähe, doch ohne, dass sich mir ein ebenso unmittelbarer Zusammenhang erschließen will. In wenigen Tagen habe ich wieder mal Geburtstag, werde also wieder ein Jahr älter, nur denke ich nicht, dazu eine außergewöhnliche Portion Mut nötig zu haben. Ich werde mir an diesem Tage frei nehmen, gemütlich frühstücken, danach ein wenig Geld ausgeben und mich dann mäßig und legal berauschen. Dass mir dafür die Von der Leyen das Ehrenkreuz für Tapferkeit verleiht, halte ich allerdings für sehr abwegig. Altwerden ist nämlich gar nicht so schwer, man braucht dazu nur etwas Geduld und ein sicheres Händchen, was angemessene Bekleidung betrifft. Wen der Tod in auf dem Polenmarkt gekauften und durch übermäßiges Tragen ausgebeulten Adidas-Plagiaten erwischt, der wird zurecht nur wenige Gäste auf seiner Trauerfeier haben. Selbst wenn er einen Weber-Grill vererbt. So denke ich also vielmehr, nicht das altwerden, sondern das alt bleiben ist das eigentliche Problem. Meinem Kollegen ist nämlich entgangen, dass der Weg zum alt sein oft fröhlich und ohne Argwohn gegangen wird, da das Ziel ja  scheinbar immer noch in ach so weiter Ferne liegt. Doch eines Tages wacht man auf, trägt Windeln und steckt sich seine Zahnbürste ins Ohr. Dies ist dann der Zustand, den es mutig auszuhalten gilt! Aber der Weg dahin, der kann durchaus angenehm sein. Es ist wie bei einem Verkehrsunfall: man fährt hunderte von Kilometern bei herrlichstem Wetter und praktisch fast leeren Straßen und erst am Ende ist man tot. Und ersetzen wir im vorherigen Satz “Straßen” durch “Leben” und ”tot” durch “blöd” – und stellen zudem grammatikalisch und inhaltlich einiges um bzw. neu auf – so haben wir in Nullkommanichts einen wunderschönen Merksatz, durchaus geeignet, ihn meinem Kollegen mit Edding hinter die Ohren zu schreiben. Natürlich in Spiegelschrift, damit er sich schon morgens beim Rasieren weiterbilden kann. Er muss halt nur vorher die Zahnbürste aus dem Ohr ziehen.

Manchmal ist es ja vom Käse zum Kartoffelbrei nur ein kleiner gedanklicher Schritt. Und so will ich nun davon berichten, wie ich letztlich ein Häufchen Kartoffelbrei in unserem Klosett vorfand. Also: ich öffnete den Klodeckel und sah, in der Schüssel lag ein ansehnlicher Klecks Kartoffelbrei. Welchen ich anfangs aber gar nicht als solchen erkannte. Mein erster Gedanke war nämlich `Alter Schwede!’ Wobei ich natürlich damit nicht den Käse meinte, denn bekanntermaßen gilt “Alter Schwede!” ja auch als Ausdruck großen Erstaunens. Ich sah also den Kartoffelbrei im Klo und dachte ‚Alter Schwede! Ein Albino hat in unser Scheißhaus gekackt!` Nach und nach kam aber Klarheit in die Sache, denn mir fiel ein, dass ja seit Generationen kein Albino mehr in unserer Familie Fuß gefasst hatte​. Und es zudem mittags Kartoffelbrei gab. Also landete wohl ein nicht verspeister Rest im Klosett. Nun bin ich ja absolut kein Freund von verschwendeten Lebensmitteln. Sage und schreibe 173 Kilogramm Lebensmittel werden laut Statistik pro EU-Bürger im Jahr weggeworfen, was man sich erstmal vorstellen muss. Meine Familie besteht aus drei Personen, doch einen Berg von 519 Kilogramm Kartoffelbrei kriege​ ich nicht mal gedanklich vors Haus gestellt. Und um solch einer innerfamiliären Verschwendung einen Riegel vorzuschieben, kontrolliere ich stets Kühlschrank und Keller und esse auf, was an Resten so anfällt. Gemäß der chinesischen Maxime, dass man alles essen kann, was nicht schneller läuft als man selbst, werden von mir alle Speisen verzehrt, denen demnächst Beine zu wachsen drohen. Als dieses dann wären: der Inhalt diverser offener Konservendosen, hartes Gebäck,  hinterm Joghurt vergessene Wurst und schrumpeliges Obst. Ich will es mal so sagen: mit Pfeffer und Salz und tolerantem Geschmackssinn ist das alles noch genießbar. Und nur, weil der Kater nicht mehr dran geht, ist es ja lange noch nicht schlecht. Katzen sind ja eh viel zu verwöhnt, seitdem die Idioten von Sheba ihnen eingeredet haben, auf jede Portion stinkendes Katzenfutter gehöre ein frisches Bund Petersilie. Ohne ein solches geht unser Kater ja nicht mal mehr an argentinisches Roastbeef. Ich jedoch bin nicht verwöhnt und lasse auch das Mindesthaltbarkeitsdatum das sein, was es von je her immer schon war: ein straflich leider nicht relevanter Anreiz zur Lebensmittelverschwendung. Ist das MHD nämlich abgelaufen, schmeißen die Leute das Zeug weg, dabei heißt ein abgelaufenes MHD ja nicht, dass das Schlechte jetzt noch schlechter wird. Nein, bis zum Ablauf des MHD garantiert der Produzent, dass Farbe, Konsistenz etc. erhalten bleiben. Danach kann es dann aber durchaus sein, dass das Lebensmittel genauso aussieht, was es gekostet hat. Trotzdem kann man diesen industriell hergestellten Nahrungsmittelersatz selbstverständlich noch essen. Ja, ich spreche von Ersatz, denn was heutzutage Discounter und Supermärkte als Nahrung anbieten, das hat mit dem, was unsere Vorfahren kräftig und drahtig werden ließ, nicht das Geringste zu tun.  Schließlich wäre Opa wohl kaum bis Stalingrad gekommen, wenn man ihn mit Lachgummis und Bionade groß gezogen hätte. Und trotz des augenscheinlichen Qualitätsgefälles unserer Nährmittel bleibe ich meiner Meinung treu: kein Lebensmittel sollte je verschwendet werden, denn selbst der Klecks Instantkartoffelbrei im Klo kann mit der wertvollsten Zutat der Welt zubereitet worden sein. Nämlich mit Liebe. Just in diesem Moment schließt sich der Kreis, denn hinter mir steht die Gattin, schielt über meine Schulter auf den Text und murmelt leis: “Alter Schwede!”

05/2017 ©kolumnistenschwein.de

 

 

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2 Gedanken zu “Riechkolben und andere Probleme

  1. Wenn altwerden bedeutet, auf solche Gedanken zu kommen und die auch dann noch in dieser Form niederzuschreiben, dann freue ich mich schon auf das Testament, welches ich noch schreibe.
    Sollen sie doch zuerst über einen erfreulichen Text lachen können, wenn sich später dann die Tränen einstellen, die bei dem Blick auf meine Kontoauszüge (bei meiner Bank übrigens seit jeher schon auf Zweiebelhaut gedruckt!) entstehen werden…

    Der Begriff alter Schwede ist in nächster Zeit in meinem Wortschatz wieder geläufiger als ein Käse in der Sonne!
    Danke für die Heiterkeit, die du mir/uns bescherst 🙂

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