Die Wahl der Qual

Bevor ich mich der Problematik der diesjährigen Bundestagswahl kurz annehme, möchte ich anmerken, dass ich die Anwesenheit von circa 7,4 Milliarden weiteren Menschen auf diesem Planeten als äußerst massiven Eingriff in meine Privatsphäre betrachte, gemäß der Erkenntnis des großen Jean Paul Sartre, dass die Hölle stets die anderen sind. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass Daniel Defoes Robinson Crusoe ein zutiefst glücklicher Mensch war, jedenfalls bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an welchem ein gewisser Freitag in spe die Insel betrat, somit dem Crusoe das Wochenende versaute und die ehemals einsame Insel auf unbestimmte Zeit hin mit Zwischenmenschlichem kontaminierte. Und Zwischenmenschliches, das wissen wir aus der Tagesschau, ist das Schlimmste, was einem Menschen zwischen den beiden Polen dieser Erdkugel überhaupt passieren kann. Schauen wir beispielsweise mal auf eine neuzeitliche politische Demonstration. Dort hauen sich gewohnheitsgemäß weltweit die Anhänger verschiedener politischer Strömungen einander mit Fahnenstangen grün und blau, brüllen sich gegenseitig taub und stechen sich mit über Wochen bis zum Hartwerden gelagerten Baguetts die Augen aus. Und dann stehen sie abends im Badezimmer, starren mit dem verbliebenen Auge in die nun leere Augenhöhle und sagen zu sich: “Das hat sich aber gelohnt!” Und dann denke ich immer: Was wissen Die, was ich nicht weiß?! Denn wofür lohnt es sich schlussendlich zu streiten, wenn das Leben doch mit dem Tode endet, und es noch keinem noch so hellem Kopf bis zum heutigen Tage gelang, einen Sinn im Sein zu finden. Mir selbst geht es da wie dem Sokrates, der von sich sagte, er wisse nur, dass er nichts weiß. Und so stehe auch ich jeden Abend im Badezimmer, sehe mir im Spiegel in meine zwar kurzsichtigen, aber wenigstens noch vorhandenen Augen, verteile mit der Zahnbürste das Plaque auf den mir verbliebenen Zähnen, mache danach das Licht im Bad aus, schleiche ins Bett, aber immer mit dem wie von Säure in eine Platine eingebrannten Gedanken: Was wissen Die, was ich nicht weiß?! Das kann natürlich auf Dauer die Lebensqualität schon schwer schädigen. Und aus diesem Grunde tue ich des Weiteren kund: würde der Tod noch heute an meine Türe klopfen; ich würde nicht groß herum diskutieren, mich förmlich bei Nachbarn und Gattin und den Fleischfachverkäuferinnen von REWE verabschieden, meine Strümpfe ein allerletztes mal nach oben ziehen, und dann ab in die noch nie von Menschen aus Unkenntnis heraus exakt beschriebene Ewigkeit. Diese kleine Einleitung soll eine Art verbaler Teppich sein, ausgerollt, um die Herangehensweise an die folgende Gedanken auch für zufällige Leser zu erleichtern, Menschen, die vielleicht meinen, Nihilismus wäre eine vegetarische Verzweigung, oder eine vom Bürgertum verpönte sexuelle Entgleisung. Man könnte es in meinem speziellem Fall auch wie folgt zusammenfassen: Menschen, ja. Aber nicht zwischen Montag und Sonntag.

Was nun die diesjährige Bundestagswahl betrifft; da halte ich es wie einst Winston Churchill, der sagte, Demokratie sei die schlechteste aller Regierungsformen, aber nur, wenn man die anderen weg lässt. Und schaut man in die Geschichtsbücher, so sieht man da so allerhand kuriose Gesellschaftsordnungen wie Feudalismus, Sozialismus, Monarchien, und eben auch Demokratien, welche allesamt in der Zeit mehr oder weniger blutig untergingen. Meiner bescheidenen Meinung nach ist es ja auch nicht wirklich das politische System, sondern immer die wirtschaftliche Komponente, die über allem ihr gewaltiges Zepter schwingt und jedweder Politik ihren Stempel auf die Stirne haut. Der Kapitalismus bleibt nun einmal kapitalistisch, ganz gleich, ob nun ein König oder das Volk angeblich regiert. Hier in Thüringen haben wir zum Beispiel momentan einen linken Ministerpräsidenten, trotzdem macht die Butter was sie will: sie schwankt im Preis, ist gerade um diese Tage auf wunderliche Weise teurer geworden, und ganz zum Schluß, da wird sie ranzig. Ich aber nehme dies alles hin und gehe auch diesmal mein Kreuz machen, dennoch in der Gewissheit, dass auch dieses System irgendwann den Bach runter geht. Allein ärgern tun mich die vielen Wahlplakate, die nun schon seit Wochen an Bäumen und Laternen vergammeln. Teilweise fünf übereinander und bis zu einer Höhe, dass man sich schon fragt, wo genau jetzt der Wahlkämpfer bleibt, um einem ein Fernglas zu reichen, damit man auch das oberste Verbrechen, Entschuldigung, Versprechen auf sich einwirken lassen kann. Ich selbst halte ja Wahlplakate für eine äußerst sinnlose Verschwendung von Ressourcen. Ich klicke sie genau so schnell aus meiner Realität, wie online Werbung für jedweden anderen Scheißdreck. Dann hing auch noch ein in der Nähe gastierender Zirkus seine großflächigen Anzeigen dazwischen und versprach “nie gesehene Sensationen!” Wer soll das bitteschön noch auseinander halten? Und was sollte mir ein Satz wie “Für ein Deutschland, indem wir gut und gerne leben” auch sagen?! Ist so eine Aussage, die an Flachheit eigentlich nur von gewissen Regionen in Küstennähe übertroffen wird, nicht jeder der nach Mandaten gierenden Parteien anzudenken? Ich habe jedenfalls noch nie ein Wahlplakat gelesen, auf welchem stand “Für ein Deutschland, indem es nur noch Haferschleim zu essen gibt und an jedem dritten Dienstag des Monats mit rostigen Pinzetten die Schamhaare ausgerissen werden”. Das wäre zwar auch politischer Selbstmord, würde aber auch endlich mal aus dem politischen und wirtschaftlichen Einheitsbrei hervorstechen. Ebenso beschweren möchte ich mich über das Plakat, auf dem ich lesen musste “Für unsere Region”. Denn Region halte ich – siehe dazu meine Aussagen in der Einleitung – für viel zu weit gefasst. Den Menschen allein motiviert seine Gier und so ist das Maximum seiner Sichtweise der eigene Tellerrand. Klingelt also ein Wahlkämpfer an meiner Haustür und verspricht mir, nur in meinem Hause wird bei seiner Wahl Wein aus dem Wasserhahn fließen und ja, auch die Spülung im Scheißhaus spült ab dann nur mit ausgewähltem Chardonnay, und einmal im Monat gibt’s zudem für den wahlberechtigten Hausbesitzer eine gratis Prostatamassage: ich würde ihn wählen! Schließlich hatte ich noch nie eine Prostatamassage, habe aber schon viel Gutes darüber gehört. Und über das Plakat mit der Aussage “Hol Dir dein Land zurück!” zu schwadronieren, bin ich mir angesichts der gedanklichen Substanzlosigkeit fast zu schade. Man sollte doch schließlich nur mal kurz darüber meditieren, dass Länder, Erdteile, ja der ganze Planet schon weit vor dem ersten Menschen entstanden. Und nur, weil irgendwer seine Fahne irgendwo in den Dreck steckte, kann das nicht heißen, dass dies nun sein Land wäre. Wer’s nicht glaubt, sollte einfach mal zu einem guten Konditor gehen, dort sein Deutschlandfähnchen in eine Sachertorte hauen und behaupten, die wäre nun sein. Dann gibt es mit der groben Mehlschaufel. Die Torte war nämlich eindeutig zuerst da. Und überhaupt: die Merkel wird`s ja doch wieder. Die ist einfach mit zu vielen Wassern gewaschen. Nehmen wir das Thema Antisemitismus. Die Kinogänger unter den älteren Lesern werden sich gewiss noch an den faschistoiden Propagandafilm “Jud Süß” erinnern. Und was macht die Merkel? Liiert mit einem Sauer! An der bleibt wirklich nichts hängen. Nicht mal ein Wahlplakat.

09/2017 ©kolumnistenschwein.de

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Das Jahr der Arschlöcher

Bevor ich meine Meinung zum Jahr 2016 ungefragt geige: 700 Gramm habe ich über die Feiertage zugenommen. Nimmt man diese 0,7 Kilo nun als Durchschnitt und multipliziert diese mit meinen etwas über zweiundfünfzig Lebensjahren, so habe ich allein durch das alljährliche kulinarische Zelebrieren der Weihnachtsfeiertage insgesamt an die 36 Kilo an Körpergewicht zugelegt. Was aber auch bedeutet – bei ungefähr 1,70 Metern Körpergröße – nur 40 Kilogramm zu wiegen, hätte ich das Brimborium um einen angeblichen Heiland in jedem einzelnen meiner Lebensjahre unbeachtet links liegen lassen. Da hätte ich einen BMI von 13,8, womit ich selbst im Kongo als dünn gelten würde. Körperliche Arbeit könnte ich dann wohl vergessen, dürfte allenfalls für irgendeinen schwulen Modeschöpfer unpraktische Bekleidung und unübersichtlich geformte Accessoires über lichtgeflutete Laufstege schleppen. Längs gestreifte Kleidung dürfte ich dann natürlich nicht präsentieren, da Opferverbände ihre Anwälte sofort in die Spur schicken würden. Oder anders gesagt: Säße Oskar Schindler im Publikum, und ich auf dem Laufsteg in Gestreift und 40 Kilo: Der würde doch sofort versuchen, mich unverzüglich freizukaufen. Aber ich habe ja stets Weihnachten gefeiert, womit mein BMI kichernd ein leichtes Übergewicht verkündet und ich für Lagerfeld und Versace und Konsorten nur eine weitere Persona non grata bin. Die ließen mich mit einem BMI von 26 nicht mal Kartoffelsäcke vorführen. Selbst wenn alle Welt verrückt wäre nach Kartoffelsäcken. Die Kartoffelsäcke aus Lagerfelds Kollektion hätten alle eine Taille wie eine Salzstange und reinpassen würden nur Models die nie Weihnachten gefeiert haben und Gänse nur aus einem Zeichentrickfilm mit einem ebenfalls sehr dünnen Nils Holgersson kennen. Irgendwo habe ich mal den Gedanken aufgeschnappt, Models müssten so übernatürlich dünn sein, damit sie auf dem Laufsteg nicht von der getragenen Kleidung ablenken. Was ja als Prinzip in vielen Bereichen unseres angeblichen Miteinanders genutzt wird. An den Tankstellen steht “Super”, was man bei einem Preis ab 1,50 pro Liter aber gar nicht mehr denkt. Angebliche Patrioten schwenken zweitligastadiengroße Fahnen, nur damit man dahinter ihre in angstvoll durchwachten Nächten gewachsenen Hitlerbärtchen nicht sieht. Und Fernseher haben Hintergrundbeleuchtung, um so vom schwachen intellektuellen Glimmen auf dem Bildschirm abzulenken. Ich gebe zu, nach dem dritten oder vierten Gläschen Johannisbeerlikörchen stelle ich mit sanft taumelnden Gedanken hin und wieder Listen auf, in denen ich die positiven, wie auch die negativen Seiten eines Lebens mit maximal 40 Kilogramm Körpergewicht verzeichne. Unter Positiv steht dann unter anderem:

  • Ich kann die Sachen vom Geissenpeter auftragen.
  • Ich kann die neuen Fliesen im Bad von innen verfugen.
  • Ich habe nie wieder Rücken. Ich habe nur noch Wirbelsäule.

Und unter Negativ findet man beispielsweise Folgendes:

  • Ich kann die Sachen vom Geissenpeter auftragen.
  • Ich kriege kein Breitbandantibiotikum rein.
  • Wieder nur ein letzter Platz beim Turnier der Sumoringer.

Über solch Gedankenspiele können aber allenfalls von Fülle geplagte Mitteleuropäer lächeln. Schließlich hungern weltweit noch ungefähr 800 Millionen Menschen, was sich unsereins aber viel schlechter vorstellen kann, als im Johannisbeerlikörrausch aufgestellte Listen. Wir selbst glauben ja Hunger zu haben, wenn zwischen 13-Uhr-Mittagessen und 15-Uhr-Tortenschlacht der 14-Uhr-Snack auf der Couch verschlafen wird. Darum schnell zu einem anderen Thema gewechselt. Und zwar zum Thema Bauchnabelfuseln. Mein Nabel liegt nämlich ziemlich tief, was eventuell ja daran liegen kann, dass mein Vater die Nabelschnur im Blutrausch unfachmännisch abgebissen hat. Jedenfalls liegt mein Nabel wie gesagt sehr tief, was, trage ich qualitativ ebenfalls tief angesiedelte Wäsche, zu der Tatsache führt, im Nabel abends Wollknäuel vorzufinden, die man auf Grund ihrer Größe auch in Western durch verlassene Goldgräberstädte wehen lassen könnte. “Anrauen” ist glaube der Fachbegriff dafür, wenn Textilien auf der Innenseite so einen Flaum haben, der wohl einen erhöhten Tragekomfort simulieren soll. Wobei Rauheit und Wohlfühlen doch an sich Gegensätze darstellen, die, wollte man mit ihnen eine Medaille prägen, einem vor sehr große Probleme stellen. Da müsste man mindestens eine dritte Seite einfügen. Neben Menschen, die in Denken und Aussprache rau sind, fühlt man sich ja auch nur wohl, wenn zwischen diesen und einem selbst mindestens ein Bundesland und dazu zwei Wochen liegen. Diese “Anrauen” von Textilien führt ja nun in erster Linie nicht dazu, dass ich in solch einem Pullover vor lauter Hochgefühl mein Haus für Fremde öffne und im Getränkeshop Runde auf Runde schmeisse. Denn tatsächlich ist es doch so, der Pullover ist schon nach der ersten Wäsche mit lauter kleinen Knötchen übersät, was, wie ich aufwendig recherchiert habe, an einer mangelnden Qualität des Stoffes liegt. Unter kundigen Hausfrauen auch Pilling genannt. Und dann bleibt die Frage: Was bringt mir ein Oberbekleidungsstück, welches innen zwar sanft ist wie hin gehauchte Küsse, außen aber aussieht, als hätte ich es über einen Zeitraum von einem Jahr voll gepopelt!? Denn die Flauschigkeit führt emotional ins Nichts, nur der Bauchnabel frisst sich an ihr satt. Und Abend für Abend leere ich diesen und bin wirklich gespannt, wann er den Pullover komplett verschnabuliert hat. Anfangs habe ich ja mit dem Gedanken gespielt, die Bauchnabelfuseln aufzuheben, zu sammeln, und, sollte der Pullover endgültig in Tausenden von hausgemachten Bonanzakugeln* zerbröselt sein, diese ins Textilfachgeschäft zu tragen und an dessen Kulanz zu rütteln. Sollte die Verkaufskraft Pullover zerfasernde Bauchnabel aber nicht als einen Grund zu einer meiner Meinung nach durchaus berechtigten Reklamation anerkennen, so nehme ich den Sack mit Fuseln, klettere damit auf die Turmspitze unseres Rathauses und leere ihn in die kühle Nachtluft aus. Diese Aktion mag als Akt kompletter Verblödung angesehen werden, doch weise ich ausdrücklich darauf hin: Ich bin kein Mitglied irgendeiner sogenannten Identitären Bewegung! Denn so viel Johannislikör kann ich ja nun auch nicht saufen. Schlussendlich hat Alkohol ja auch nicht nur Prozente, sondern auch Kalorien. Und mehr als 700 Gramm Zunahme sind für mich pro Jahr einfach nicht drin. Denn an noch größeren Pullovern würde sich selbst mein Bauchnabel eindeutig überfressen.

Und was das Jahr 2016 betrifft: Da ist einiges schief gelaufen. Doch wer ist, unter Berücksichtigung der Tatsache, wieder einmal unter allen Möglichkeiten gehandelt zu haben, daran schuld? Genau. Wir. Die Arschlöcher.

*Irgendwo in den Weiten des Netzes fand ich den Hinweis, die durch Westernkulissen treibenden Büschen würden auch Bonanzakugeln genannt. Dieses übernehme ich unkommentiert, bin aber diesbezüglich sehr kritisch, da ich im Internet auch las, wir würden das schaffen. Und ich kenne “wir” persönlich!

12/2016 ©kolumnistenschwein.de