Das mexikanische Rätsel

Im Innersten bin ich wie die Jeans am Knie einer mit der Mode ihrer Tochter humpelnden Mittvierzigerin. Nämlich zerrissen. So kann ich sehr wohl mit angebissener Bratwurst in der Hand und mit fettigen Pfaden im Gesichtshaar lauthals wuchtige Brandreden gegen übermäßigen Fleischverzehr schwingen, dabei aber das nächste Stück Aas auf dem glühenden Edelstahlrost schon fest im gierigen Blick haben. Das kann ich. Auch kann ich wortreich gegen jedweden kapitalistischen Firmeneigner wettern, während ich die im Kern faulen Früchte meines auf diesem System bauenden Wohlergehens stillschweigend auf dem stets und ständig größer werdenden Müllhaufen meiner materiellen Existenz anhäufe. Das kann ich auch. Gegen besseres Wissen weist mein vom Handeln geprägter ökologischer Fußabtritt also immer und immer wieder in Richtung Untergang, was meinem bratwurstfressenden Gehirn zwar gleichfalls immer und immer wieder bewusst wird, doch standardgemäß verdrängt wird von der in Thüringen wohl ewigen Frage, wo denn zum Kuckuck nur der verfickte Born-Senf bloß hin sei. Vor mir das Paradies – hinter mir die Sintflut, und seitlich je eine prall gefüllte Plastikeinkaufstasche in der Hand. Ja, es beutelt mich und schmeißt mich wie besoff`ne Matrosen auf dem Deck eines in schwerer See gehenden Schoners her und hin, doch nicht nicht von Backbord nach Steuerbord, auch nicht von Heck zu Bug und umgekehrt, sondern immer nur von kurzem Lustgewinn hin zu drohender Verlustangst und auch nur einen einzigen winzigen Augenblick später auch gleich wieder volle Kraft zurück. Ein Kampf ohne Schiedsgericht und Regeln, tief im Dunkel meines Schädels, Teufel und Engel auf imaginäre linker wie auch rechter Schulter gleichmäßig verteilt, es folgt dem Einspruch steter Widerspruch, geistige Masturbation mit dem mageren Ergebnis intellektueller Inzucht. Die Evolution hat sich in mir unwiderruflich verzockt, mir ein übers Kilo schweres Hirn zugeteilt, aber eben unglücklicherweise mit einem Belohnungszentrum bestückt, welches von jeher – geplant oder ungeplant – als gnadenloser Selbstzerstörungsmechanismus funktioniert. Oder mit etwas weniger verbalem Rokoko: ich bin das Opfer meiner selbst. Ich fresse meine Umwelt kahl, kaufe den Planeten hohl, predige Wasser wie auch Wein, um beides bis zum wirklich letzten Tropfen auszusaufen, nehme selbst das größte Stück vom Kuchen, um dann dem Bäcker grinsend in die leere Auslage rein zu scheissen, und habe, um meinem mir doch immerzu bewussten Daseinsfrevel wohl die Krone in Form einer Narrenkappe aufzusetzen, der untergehenden Menschheit noch einen weiteren Totengräber in Form meiner Tochter gemacht. Ja, ich bin der Hufschmied der Apokalyptischen Reiter, Parasit am eignen Leib, eine üble Laune der Natur, und doch ist und bleibt all mein Tun und Handeln immer nur rein menschlich, denn ich bin nun einmal ein Teil dieser sich am eigenen Schopfe in den Sumpf ziehenden Spezies, die sich an besseren Tagen merkwürdig eigentümlich laut “Juchhei!” schreiend in jeden noch so gut ausgewiesenen Abgrund stürzt. Wobei ich selbst gewiss noch zur milderen Form existenziellen Wahnsinns einsortiert gehöre, was aber nicht in und an meinen Genen, als denn vielmehr daran liegen könnte, dass vor allem meine finanziellen Mittel ganz einfach zu unbedeutend sind, um ökodings und ökobums vollends an der auf Fünf vor Zwölf stehenden Uhr zu drehen. Aber es gibt durchaus eine Anzahl von Leuten – grob auf die Oberen Zehntausend geschätzt – die sind geldmengenmäßig und in Sachen gesellschaftlich breit geduldeten Wahnwitz so gut aufgestellt, dass sie ihre Berge von Kohle auch für Katzenkaffee rauswerfen können, also für Kaffeebohnen, welche von einer Art Schleichkatzen gefressen, bis auf die Bohne verdaut und irgendwann wieder ausgeschissen werden, auf dass im Darm der Katze eine Nassfermentation stattfindet, welche dem Kaffee ein ganz besonderes “Aroma” verleihen soll. Die Bohnen werden dann fern der Werbewelt allgemein zugänglicher Tchibo-Filialen aus der Scheiße geklaubt, in Tüten gefüllt und in die überkochenden Zentren des kapitalistischen Irrsinns geschickt und das Zeugs kostet dann so um bis zu 500 Euro pro Kilo. Mal ehrlich, Leute. Ich habe die Ausscheidungen unseres Katers überbrüht. Das kannste nicht saufen. Was aber bringt Menschen weit jenseits von Hunger und Durst dazu, in der Scheiße von Katzen vermeintlich edle Heißgetränke zu sehen? Ist es die Aussichtslosigkeit von stetiger Rendite und Zinseszins, die tagtäglich anwachsende Geldmenge, die Broker und Banker und an ähnlicher Einkommensadipositas Leidende geschmacklich die Grenzen ausloten lässt, an welche Gering- und Normalverdiener nicht mal pinkeln würden? Was bringt also Menschen dazu, für ein 65 mal 45 Zentimeter großes Gemälde von Leonardo da Vinci 381 Millionen Euro zu bezahlen, wo es doch bereits schon für 16,57 Euro auf Amazon ein ganzes Set “Malen nach Zahlen” inklusive 17 Farbtöpfen, 2 Pinseln, 7 Malkartonagen, 10 Buntstiften, einem Spitzer und einer einfachen, verständlichen Gebrauchsanleitung zu kaufen gibt?! Schließlich ließe sich mit 381 Millionen gewiss dass eine oder andere Elendsviertel dieser Welt von Grund auf durch tapezieren, neue Vorhänge inklusive. Hat sich die ungleiche Verteilung der Geldmenge also wie ein Schleier auf die Vernunft, also dem obersten Erkenntnisvermögen gelegt, so dass Herren – Potenz körperlicher wie auch finanzieller Art vorausgesetzt – lieber zum Callgirl gehen, um dort Dinge einzufordern, die sie daheim für ein paar nette Worte und eine Schachtel Mon Cherie quasi auch für lau bekämen, während nur drei Ecken weiter sich Männer im scheinbar besten Alter vor Hunger keinen mehr runter holen können? Und welche Rolle spiele ich selbst in dieser von sozialen Verwerfungen geprägten Welt, der ich mir doch locker einerseits ein Buch für 28 Euro bestelle, andererseits weiß, dass ich das Buch von vor informeller Übersättigung geprägter sinnlicher Unruhe wahrscheinlich niemals anrühren werde, so dass die 28 Euro bei einem Hilfsprojekt in der südlichen Hemisphäre weitaus besser aufgehoben wären, auch wenn so ein Ureinwohner schon von der Farbe her gar nicht in mein Bücherregal passt. Bin ich also nur weil mein den Konsum betreffendes Zerstörungspotential vom Kontostand her weit geringer ist, als jenes Derer, die wir höflich Oberschicht statt Schmarotzer nennen, ein besserer Mensch? Und würde es mein Karma hart und glänzend wie Kruppstahl machen, wenn ich allen mit der Mode ihrer Töchter humpelnden Müttern Nähzeug kaufen würde, damit sie ihre am Knie künstlich zerschlissenen Jeans nähen können? Und warum fuhr letztens ein Caddy vor mir her, auf dessen Heck “Hygiene-Schröder” stand, wo ich doch auch tagtäglich alle relevanten Körperteile wasche, ohne dieses aber groß auf den Straßen unseres Bundeslandes publik zu machen? Und wo zum Kuckuck ist der verfickte Born-Senf bloß hin? Mi esposa esta embarazada!, wie der Mexikaner so sagt. Keine Ahnung, was das heißt.

12/2017 ©kolumnistenschwein.de

Advertisements

Der Arsch und sein Loch

Ich gehe tatsächlich davon aus, dass es gut ist, mich in einem Bereich arbeiten zu lassen, welcher von Sonnenlicht und Menschen weitgehend gemieden wird. Das “Loch”, wie ich die Abteilung nenne, ist ummantelt von dickem Beton; da bekommt man wirklich erst an Feierabend mit, ob es draußen geschneit hat, oder der Ort von Ungarischen Husaren überrannt wurde. In diese Abteilung verläuft sich nur, wer sich tatsächlich verlaufen hat. Und die acht Stunden, die ich aus Gründen der materialistischen Sicherstellung meines doch recht überschaubaren Lebens im “Loch” verbringe, sind ja auch acht Stunden, in denen ich meine Mitmenschen nicht mit meinen Theorien zum großen Ganzen kontaminiere. Meine Ideen sind nämlich per se nicht immer sozialverträglich. So machte ich in von Brotkrumen und Jammern erfüllter Frühstückspause mal den Vorschlag, uns, und auch alle anderen Einwohner des Ortes, am Sonntag um 08.00 Uhr in der Früh auf dem Marktplatz zu treffen, um gemeinschaftlich Suizid zu begehen. Denn auf einen Schlag 3000 Konsumenten und Steuerzahler weniger: das nenne ich in Sachen Systemkritik doch mal eine Hausmarke! Doch es folgten wie gewohnt und auch erwartet nur die üblichen Ausreden. Ich schlafe sonntags gern ein bisschen länger. Oder: Ich vertrage Gift immer so schlecht. Nun ja. Ich hab`s wenigstens versucht. Und nun bin ich ja im “Loch”. Da bleiben meine konstruktiven Gedanken spätestens am Beton hängen, fließen die Wand herunter und werden freitags mit all dem anderen Dreck einfach in den Gully gespült. Man bleibt unter sich, intellektuelle Quarantäne, Selbstgespräche um Gott und die Welt und Vollkornbrot. Ja, Vollkornbrot. Auch so ein Thema, welches justiziabel nach gründlicher Aufarbeitung schreit. Schließlich ist es doch so: Vollkornbrot ist im optimalen Fall nicht nur der Ästhetik wegen mit Sonnenblumenkernen, Kürbiskernen oder anderen Sämereien bestreut. Doch kaum greift man das Brot mit Händen um es in eine Tüte zu stecken, löst sich zum Großteil all das Körnige um als Streugut vor des Hungrigen Füße zu fallen. Und nimmt man das Brot zu Haus aus der Tüte, trennen sich Brot und ausgedünnter Zierrat endgültig und das Brot ist kahl wie die Scham einer Achtzigjährigen. Ich habe zwar noch nie die Scham einer Achtzigjährigen gesehen, kann mir aber vorstellen, sie sieht aus wie die entkörnte Oberfläche von einem in eine Tüte gesteckten Vollkornbrot. Jedenfalls werden Brot und deren knusprigen Zierelemente regelmäßig mit chirurgischer Präzision vorm Genuss wie Siamesische Zwillinge getrennt, und bleibt doch einmal ein Korn auf dem Brot kleben, so hebt es spätestens beim Schneiden mit dem Brotmesser ab, um in hohem Bogen einer Sackratte gleich unter beliebige Küchenmöbel zu springen. Manchmal, also fast immer, kippe ich mir die abgefallenen Sämereien aus der nun brotlosen Tüte direkt in den Mund. Was als Kritik am Bäckerhandwerk natürlich ein ganz klares Werfen hinter den Zug ist. Man geht ja auch nicht zum Mercedes-Händler, macht eine Probefahrt, während welcher sich Motorhaube, Stoßstangen und Sitzbezüge sich nacheinander lösen und in verschiedenen vegetativen Zonen landen, fährt zurück zum Händler und sagt, man nehme gerne gleich zwei. Da hätte der Autoverkäufer doch die Grünphase seines Lebens! Somit ist mir schon klar, dass ich mich, auch wenn ich der gesamten Bäckerinnung mit leerer Brottüte in der Hand Körner kauend Mehltau an die primären Geschlechtsteile wünsche, mich keineswegs im Widerstand befinde. Gier schlägt halt Ratio. Die Kritik versumpft im Gelände der Naschhaftigkeit. Apropos ungezügelte Fresssucht. Da sah ich doch letztens tatsächlich einen Herrn gesetzten Alters, welcher im Schatten des Bushaltestellenhäuschens genüsslich Tomatenmark aus einer Tube sog. Und dies mit einer ins Gesicht gemeißelten Glückseligkeit, die unsereinem nur widerfährt, wenn wir Hummerschwänze lutschen oder Eierlikörreste aus mit Schokolade geteerten Waffelbechern lecken. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, im Tomatenmark mehr zu sehen, als ein Konzentrat zusammen gekehrter Reste aus Tomatengroßhandelsmarkthallen. Doch dieser Mann, der das Mark aus den roten Früchten eines Nachtschattengewächses genießerisch aus der Tube zwischen seine Lippen presste, der schien in jenem Gemüsekonzentrat seinen inneren Frieden gefunden zu haben. Solch einen zufriedenen Gesichtsausdruck sah ich bis zum heutigen Tage nur einmal, und zwar bei unserem Kater, als mir die offene Dose mit Leckerlies aus den Händen rutschte. Diesem das Bushaltestellenhäuschen angrinsenden Tomatenmarksuckler waren Brot und dessen sich lösenden Zutaten augenscheinlich scheissegal. Doch wenn im Tomatenmark also tatsächlich glückselig und somit unkritisch machende Substanzen stecken, so bleibt die Frage, ob sich aus vereinzelten debil wirkenden Tomatenmarkjunkies fürwahr schließen lässt, Tomatenmarken seien die neuen Chemtrails? Und ist Tomatenmarken überhaupt der korrekte Plural von Tomatenmark? Angesichts solcher Problematik beißen selbst gestandene Verschwörungstheoretiker verzweifelt in ihren Aluhut. Und vielleicht ist ja auch an all dem was dran, denn einem Volk, welchem man Teepackungen verkauft, auf denen Anleitungen zu lesen sind wie “Nehmen Sie einen Filterbeutel aus der Verpackung …”, dem muss man doch was ins Wasser bzw. in die Luft getan haben, denn naturgemäß kann doch kein Mensch so blöd sein, Tee in der Pappschachtel zu überbrühen. Das kriegen ja selbst Frauen hin. Was jetzt keineswegs diskriminierend gemeint war, denn Männer, die kriegen ja auch nicht alles hin. Wenn ich zu Haus per Hand das Geschirr spüle, sieht das Geschirr danach keinen Deut besser aus, als vorher. Es glänzt fettig und hat einen Nährwert, welcher Weight-Watchers-Leuten nach oben gezogene Augenbrauen macht. Und bügle ich, so sieht das Hemd danach aus, als hätten japanische Schulmädchen Origami geübt und ein auf unserem Planeten unbekanntes Tier gefaltet. Aber!!! (Und hier scheint mir nicht eines der drei angefügten Ausrufezeichen auch nur ansatzweise zu viel!) DIE MEISTEN FRAUEN UND MÄNNER WISSEN, DAS MAN DEN TEEBEUTEL AUS DER PACKUNG NIMMT, BEVOR MAN DIESEN ÜBERBRÜHT! Ja, dies ist eine jener Sätze, welche ich bisweilen im “Loch” laut heraus schreie, worauf der Satz sich an den Betonmauern bricht und mir als Echo endgültig den Rest gibt. Und die roten Flecken, die da und dort den Beton zieren, das sind die Stellen, an denen ich im Takt der im oberen Stockwerk stehenden Maschine mit der Stirne an die Wand schlage. Kein Sonnenlicht. Keine Menschen. Nur Gedanken, die sich im Kreise drehend an ihrer Schroffheit ums Vollkornbrot wund laufen. Meine wirklich allerletzte Hoffnung ist der Kerl an der Bushaltestelle, der mit der Tube in der Hand. Mit etwas Glück ist es nämlich ein Tomatenmarkspender.

10/2017 ©kolumnistenschwein.de