Ein Einkaufswagen voller Panik

Ab und an suche ich ja im Internet nach allerneuesten wissenschaftlichen Studien in allgemein verständlichem Ton, denn immer nur Fett- und Bindegewebe auf Seiten anzustarren, deren Domains seit ein paar Jahren hinter dem Punkt mit einem verräterischen xxx enden: na ja. Und zwei dieser vermeintlich brandaktuellen und von mir gelesenen Studien verstanden es letztlich, mich leidlich zu verunsichern. Da wäre zum einen die wissenschaftlich geerdete Aussage, dass Alkohol schon in moderaten Mengen das Gehirn schädigen soll. Im Hippocampus gehen nämlich angeblich mit jedem Glas über den Durst stückweise Erinnerungs- und Orientierungsvermögen flöten. Und dann wäre noch die Studie, die besagt, dass der menschliche Darm durch viel Laufen geschwächt werde und dementsprechend gastrointestinale Symptome zeigt. Unfachmännisch ausgedrückt: mit jedem gelaufenen Kilometer steigt die Wahrscheinlichkeit, in der Unterhose Dinge vorzufinden, die sich beim Start eindeutig noch im Körperinneren befanden. Und da ich beide Studien innerhalb kürzester Zeit inhalierte, sah ich sofort einen Zusammenhang, welcher mich Fackel und Mistforke schwenken ließ, allerdings nur gedanklich, denn weder bin ich Ku-Klux-Klan-Mitglied, noch Genossenschaftsbauer, habe also weder eine Fackel, noch eine Forke im Haus. Was als Behauptung natürlich unter schwerem Muskelschwund leidet, denn nicht jeder, der eine Fackel und eine grobzinkige Forke zu seinem Hausrat zählt, ist automatisch ein zwischen Rüben  rackernder Rassist. Bei “Bauer sucht Frau” hat ja einer der notgeilen Ackersleute sogar eine Asiatin geheiratet. Aber vielleicht war es ja Nacht und er hatte – genau wie ich – nur keine Fackel im Haus. Doch warum ich selbst innerlich wie bekloppt fackelte und mistforkte ist der folgende Grund: Ich trinke. Seit frühester Jugend. Über Muttermilch, Fencheltee und Malzkaffee kam ich schlussendlich zum Alkohol. Und bei dem blieb ich. Auch wenn ich das Trinken mit den Jahren schon etwas eingeschränkt habe. Also Muttermilch geht gar nicht mehr. Fencheltee und Malzkaffee​ nur aus Höflichkeit. Und in kleinstmöglichen Dosen. Die Messlatte “moderat” reiße ich bei geistigen Getränken allerdings gewiss noch immer ohne groß Anlauf nehmen zu müssen. Und die Gesamtmenge aller in den letzten 40 Jahren von mir konsumierten Alkoholika würde wohl den einen oder anderen Freiwilligen Feuerwehrverein bis ins Gründungsjahr hinein in seinen Grundfeste​n erschüttern. Und nun ist es ja auch leider so, dass es mir seit einiger Zeit sehr wohl – und weit mehr als nur einmal – am nötigen Erinnerungsvermögen fehlte. Und an Orientierung sowieso. Fangen wir mit den Namen an. Die merke ich mir einfach nie. Die sind für mich nur Schall und Rauch. Doch fragt man mich auch nur fünf winzige Minuten später, was Namen für mich sind, so fällt es müd aus meinen Mund: Habe ich vergessen. Und was mein Orientierungsvermögen angeht: dreht man mich nur einmal im Kreis, dann beginne ich zu weinen, reibe mir mit den Fäusten die verheulten Augen und schreie, bis ein Beamter mich nach Hause bringt. Was in meinem Wohnort schon als recht bizarr gilt, denn hier wird man als über Fünfzigjähriger für gewöhnlich von Beamten nur abgeholt. Worauf ich aber hinaus will ist, dass man laut erster Studie schon nur des moderaten Saufens wegen – und der damit angeblich synchron einher kommenden mangelnden Orientierung  auch in nüchternem Zustand – auf dem Wege nach Sonstwo gezwungen ist, unter Umständen viele Extrarunden drehen zu müssen.  Und dass laut zweiter Studie wegen des ganzen Rumgelatsches  auch noch die Gefahr besteht, dass dann der Schließmuskel schon weit vor Dienstschluss nach Entspannung sucht. Doch habe ich auf den Etiketten von Krombacher noch nie einen dementsprechenden Warnhinweis gesehen. Da steht nur was von Perlen der Natur. Doch das sind doch keine Perlen, die man dann auf Grund der beschriebenen und eng verknüpften Problematiken​ eventuell in seiner Feinripp findet. Außerhalb der 0,5-Liter-Flasche greift das viel beschworene deutsche Reinheitsgebot scheinbar also bisweilen gar nicht mehr. Das hat mir mein Wirt aber nicht gesagt, als ich Muttermilch durch Fencheltee, Fencheltee durch Malzkaffee und Malzkaffee durch Bier ersetzte. Aber eventuell haben die Studien ja auch eine weit geringere Aussagekraft, als von mir in hausgemachter Panik heraus gelesen. Wenn man bedenkt, vor wenigen Jahren galt die Erde ja noch als Scheibe, heute als rund und wer weiß, vielleicht schon morgen erzählt uns das Max-Planck-Institut für Astronomie, man habe sich wieder mal geirrt und nach aktuellen Erkenntnissen sei unser Planet ein auf der Spitze stehendes und mit Lachgas gefülltes gleichschenkliges Dreieck. Wenn Wissenschaftler und Menschen mit alkoholnahem Lebensstil nämlich eins eint, dann, dass sie beide auch durchaus mal daneben liegen können. Der eine neben der Wahrheit. Der andere neben dem Bett. Und  mein Erinnerungsvermögen ist bei unkritischer Betrachtung ja nun auch gar nicht mal so schlecht, denn ich erinnere mich beispielsweise sehr wohl noch an meinen allerersten Schultag. Und daran, dass ich schon damals, also in meiner Malzkaffeephase – bevor ich also je ein Bier gekostet hatte, geschweige denn Bier auch nur freihändig buchstabieren konnte! – schon damals also echt große Probleme mit der Orientierung hatte. Mein Weg von zu Haus zur Schule ging nämlich schnurstracks geradeaus und ich brauchte nur einmal nach rechts abzubiegen. Heimwärts dementsprechend links und dann wieder nur wenige Hundert Meter pfeilgeradeaus. Doch mein erster Schultag war aus und ich bog nach rechts ab und fand erst wieder ins Elternhaus, als ich einen Vollbart und Schuhgröße 42 hatte. Meine Eltern wohnten längst in einer anderen Stadt und in meinem Kinderzimmer  saß ein Deutschtürke der 2.Generation auf einem mit Hakenkreuzen bestickten Kissen und lutschte an einem Honiggebäck. Und genau an dieser Stelle meines Niederschreibens bemerke ich, dass mein Gedächtnis eventuell doch den einen oder anderen kleineren Graubereich aufweist. Das tut weh, weshalb ich doch viel lieber mal eine Studie darüber lesen würde, warum alle Parkplätze eine minimale Schräge zu haben scheinen und sämtliche Einkaufswagen deswegen über kurz oder lang ins rollen geraten und wie von Geisterhand gelenkt stets mit ihren spitzesten Ecken in fremde Bleche streben. Werden Parkplätze also grundlegend von anliegenden KFZ-Werkstätten geplant und finanziert? Oder sind von Einkaufswagen verursachte Dellen in Autotüren und Kotblechen nichts weiter als der endgültige Beweis für eine kugelförmige Erde und der damit verbundenen Erdkrümmung? Aber was ist dann mit der noch ausstehenden Behauptung, unser Planet wäre ein auf der Spitze stehendes, mit Lachgas gefülltes gleichschenkeliges Dreieck? Hat sich das Max-Planck-Institut also schon morgen wieder mal geirrt? Ich öffne ein Bier, beende den Text und wähle im Browser eine Seite mit xxx hinter dem Punkt. Das Leben kann so einfach sein.

06/2017 ©kolumnistenschwein.de

 

Riechkolben und andere Probleme

Ich esse ja ganz gern mal einen kräftigen Käse. Alter Schwede zum Beispiel. Ein Käse, bei welchem der Kühlschrank durch eine Spezialfirma – unter Begleitung einer 12fköpfigen Polizeieskorte! – zur nächstgelegenen NATO-Kampfstoffentsorgungsanlage verbracht und dort verbrannt werden muss, sofern man nur den Käse unversiegelt und länger als 2 Minuten darin ruhen lässt. Und esse ich diesen überaus muskulösen Käse öffentlichkeitswirksam, so kommt es innerhalb meiner kleinen Familie prompt zu folgenden Äußerungen: “Iiihhh! Hat der Kater etwa gefurzt!?” So meine Tochter. “Abartig! Wer das isst, der isst auch kleine Kinder!” So meine Gattin. Ja, liegt bei mir eine Scheibe Alter Schwede auf Butter und Brot, dann ist bei uns zu Haus zu zwei Dritteln die Integration nicht mehr als eine lose Aneinanderreihung von Buchstaben. Junge Spanier. Da würden Weib und Tochter schwitzige Hände bekommen. Aber alte Schweden: da wird ihr Herz hart und ihre Nasen machen Sit-ups. Also irgendwas mit Rümpfen. Gleiches gilt für Tilsiter, dem genetisch nächsten Verwandten alter Schweden. Auch mit diesem sitze ich stets allein in der Küche und denke kauend über die Disharmonien unserer Welt nach. Mein Kollege sagt beispielsweise des öfteren, dass Altwerden nichts für Feiglinge sei. Und dass er einen Weber-Grill hat. Und beides oft in unmittelbarer zeitlicher Nähe, doch ohne, dass sich mir ein ebenso unmittelbarer Zusammenhang erschließen will. In wenigen Tagen habe ich wieder mal Geburtstag, werde also wieder ein Jahr älter, nur denke ich nicht, dazu eine außergewöhnliche Portion Mut nötig zu haben. Ich werde mir an diesem Tage frei nehmen, gemütlich frühstücken, danach ein wenig Geld ausgeben und mich dann mäßig und legal berauschen. Dass mir dafür die Von der Leyen das Ehrenkreuz für Tapferkeit verleiht, halte ich allerdings für sehr abwegig. Altwerden ist nämlich gar nicht so schwer, man braucht dazu nur etwas Geduld und ein sicheres Händchen, was angemessene Bekleidung betrifft. Wen der Tod in auf dem Polenmarkt gekauften und durch übermäßiges Tragen ausgebeulten Adidas-Plagiaten erwischt, der wird zurecht nur wenige Gäste auf seiner Trauerfeier haben. Selbst wenn er einen Weber-Grill vererbt. So denke ich also vielmehr, nicht das altwerden, sondern das alt bleiben ist das eigentliche Problem. Meinem Kollegen ist nämlich entgangen, dass der Weg zum alt sein oft fröhlich und ohne Argwohn gegangen wird, da das Ziel ja  scheinbar immer noch in ach so weiter Ferne liegt. Doch eines Tages wacht man auf, trägt Windeln und steckt sich seine Zahnbürste ins Ohr. Dies ist dann der Zustand, den es mutig auszuhalten gilt! Aber der Weg dahin, der kann durchaus angenehm sein. Es ist wie bei einem Verkehrsunfall: man fährt hunderte von Kilometern bei herrlichstem Wetter und praktisch fast leeren Straßen und erst am Ende ist man tot. Und ersetzen wir im vorherigen Satz “Straßen” durch “Leben” und ”tot” durch “blöd” – und stellen zudem grammatikalisch und inhaltlich einiges um bzw. neu auf – so haben wir in Nullkommanichts einen wunderschönen Merksatz, durchaus geeignet, ihn meinem Kollegen mit Edding hinter die Ohren zu schreiben. Natürlich in Spiegelschrift, damit er sich schon morgens beim Rasieren weiterbilden kann. Er muss halt nur vorher die Zahnbürste aus dem Ohr ziehen.

Manchmal ist es ja vom Käse zum Kartoffelbrei nur ein kleiner gedanklicher Schritt. Und so will ich nun davon berichten, wie ich letztlich ein Häufchen Kartoffelbrei in unserem Klosett vorfand. Also: ich öffnete den Klodeckel und sah, in der Schüssel lag ein ansehnlicher Klecks Kartoffelbrei. Welchen ich anfangs aber gar nicht als solchen erkannte. Mein erster Gedanke war nämlich `Alter Schwede!’ Wobei ich natürlich damit nicht den Käse meinte, denn bekanntermaßen gilt “Alter Schwede!” ja auch als Ausdruck großen Erstaunens. Ich sah also den Kartoffelbrei im Klo und dachte ‚Alter Schwede! Ein Albino hat in unser Scheißhaus gekackt!` Nach und nach kam aber Klarheit in die Sache, denn mir fiel ein, dass ja seit Generationen kein Albino mehr in unserer Familie Fuß gefasst hatte​. Und es zudem mittags Kartoffelbrei gab. Also landete wohl ein nicht verspeister Rest im Klosett. Nun bin ich ja absolut kein Freund von verschwendeten Lebensmitteln. Sage und schreibe 173 Kilogramm Lebensmittel werden laut Statistik pro EU-Bürger im Jahr weggeworfen, was man sich erstmal vorstellen muss. Meine Familie besteht aus drei Personen, doch einen Berg von 519 Kilogramm Kartoffelbrei kriege​ ich nicht mal gedanklich vors Haus gestellt. Und um solch einer innerfamiliären Verschwendung einen Riegel vorzuschieben, kontrolliere ich stets Kühlschrank und Keller und esse auf, was an Resten so anfällt. Gemäß der chinesischen Maxime, dass man alles essen kann, was nicht schneller läuft als man selbst, werden von mir alle Speisen verzehrt, denen demnächst Beine zu wachsen drohen. Als dieses dann wären: der Inhalt diverser offener Konservendosen, hartes Gebäck,  hinterm Joghurt vergessene Wurst und schrumpeliges Obst. Ich will es mal so sagen: mit Pfeffer und Salz und tolerantem Geschmackssinn ist das alles noch genießbar. Und nur, weil der Kater nicht mehr dran geht, ist es ja lange noch nicht schlecht. Katzen sind ja eh viel zu verwöhnt, seitdem die Idioten von Sheba ihnen eingeredet haben, auf jede Portion stinkendes Katzenfutter gehöre ein frisches Bund Petersilie. Ohne ein solches geht unser Kater ja nicht mal mehr an argentinisches Roastbeef. Ich jedoch bin nicht verwöhnt und lasse auch das Mindesthaltbarkeitsdatum das sein, was es von je her immer schon war: ein straflich leider nicht relevanter Anreiz zur Lebensmittelverschwendung. Ist das MHD nämlich abgelaufen, schmeißen die Leute das Zeug weg, dabei heißt ein abgelaufenes MHD ja nicht, dass das Schlechte jetzt noch schlechter wird. Nein, bis zum Ablauf des MHD garantiert der Produzent, dass Farbe, Konsistenz etc. erhalten bleiben. Danach kann es dann aber durchaus sein, dass das Lebensmittel genauso aussieht, was es gekostet hat. Trotzdem kann man diesen industriell hergestellten Nahrungsmittelersatz selbstverständlich noch essen. Ja, ich spreche von Ersatz, denn was heutzutage Discounter und Supermärkte als Nahrung anbieten, das hat mit dem, was unsere Vorfahren kräftig und drahtig werden ließ, nicht das Geringste zu tun.  Schließlich wäre Opa wohl kaum bis Stalingrad gekommen, wenn man ihn mit Lachgummis und Bionade groß gezogen hätte. Und trotz des augenscheinlichen Qualitätsgefälles unserer Nährmittel bleibe ich meiner Meinung treu: kein Lebensmittel sollte je verschwendet werden, denn selbst der Klecks Instantkartoffelbrei im Klo kann mit der wertvollsten Zutat der Welt zubereitet worden sein. Nämlich mit Liebe. Just in diesem Moment schließt sich der Kreis, denn hinter mir steht die Gattin, schielt über meine Schulter auf den Text und murmelt leis: “Alter Schwede!”

05/2017 ©kolumnistenschwein.de