Wenn die Zentrale Tag der Offenen Tür hat

Ich denke, eines unserer größeren Probleme ist, dass jeder Mensch glaubt, er wäre der beschissene Mittelpunkt der Welt. Auch ich glaube dieses, denn wache ich morgens auf, so schaue ich nach links, schaue nach rechts, schaue auch nach oben und unten und auch hinter mich und immer, immer stehe ich im Zentrum meiner Realität. Noch nie bin ich aufgewacht und habe gedacht ‘Ach du Scheiße, ich stehe ja am Rand! Jetzt kann ich den ganzen verdammten Weg zurück latschen!’ Und aus dem gedanklichen Missverständnis heraus, man sei der Knotenpunkt allen Seins, entsteht dann der weit verbreitet Unsinn, alles müsse sich dementsprechend nur um die eigene Person drehen. Das Universum sowieso, wie auch jegliche irdische Lebensform. Alles deformiert im Augenblick des Öffnens der Augen zum vermeintlichen Dienstleister. Und darin liegt die Kausalität aller Konflikte. Unter Ehepartnern. Unter Nachbarn. Unter Staaten. Natürlich ist dieses nur eine meiner vielen Hypothesen, produziert in den vielen Stunden innigster Freundschaft zwischen mir und meinem Sofa. Darauf liege ich nämlich in letzter Zeit weit mehr als nur weniger und lasse meine Gedanken schweifen, damit sich wenigsten mein inneres Ich etwas bewegt. Und zu meinen trägen Füßen liegt zumeist unser Kater und tut mir gleich. Also mit dem Denken wohl weniger. Aber im Liegen ist er ebenso Weltklasse, mir fast ebenbürtig, ein wirklich harter Konkurrent, wenn es denn für die Inaktivität von Körperlichem​ jemals einen Preis zu gewinnen gäbe. Sogar im gelegentlichen Schlagen des Schwanzes von links nach rechts und umgekehrt ist er der Meister und ich nur sein die biologischen Umstände betrauernder Schüler. Und doch, der Kater regt zum Denken an. Zum Beispiel wenn er im Putzmodus eifrig seinen Anus leckt, so dass ich meine, so zufrieden, wie der Kater dabei drein schaut, scheißt der doch bestimmt Schokolade. Was nun aber beim geistigen Durchforsten aller greifbaren Fakten nicht stimmen kann, denn noch nicht ein einziges Mal fand ich im Katzenklo einen Riegel Merci. Strenge Aromen, aber weitab vom sozialverträglichen Duft nigerianischer Kakaobohnen, strömen von dort aus gen Giebel. Nun gut, der Sarroti-Mohr – eine Schokoladenwerbefigur in Gestalt eines kleinwüchsigen farbigen Bediensteten, dessen Hautfarbe der Political Correctness wegen im Jahre 2004  vom Schwarzen ins Goldene kippte –  kackt ja bekanntlich auch keine Mokkabohnen. Und man sollte zudem bedenken: ganz normale Katzen sind ja schon der Alptraum vieler Allergiker, aber vor Schokolade scheißenden Katzen würden sogar Diabetiker die Beine samt faulenden Füßen in die Hand nehmen müssen. Insoweit bin ich froh, denn mein vom Belohnungszentrum gelenkter Lebenswandel sagt mir, dass auch mein Diabetikerbesteck schon längst geschmiedet sein wird. Und während sich der Kater weiterhin keine Schokolade vom Hintern leckt, verschränke ich die Arme auf dem Sofa, schließe meine Augen, worauf ich mit einem Schlag aus dem Mittelpunkt der Welt katapultiert werde, und wende mich gedanklich einem gänzlich anderen Thema zu.

Dresden. Wir waren in Dresden. Mal wieder. Aber auch diesmal nicht zum montäglichen kollektiven Zähnefletschen. Gegen Religionen zu demonstrieren halte ich nämlich für genauso sinnvoll, wie gegen die Märchen der Gebrüder Grimm auf die Straße zu gehen. Denn wo der Drang nach in faulem Geist begründeter Vereinfachung in einer Mehrheit übermächtig wird, da lässt sich ein solches doch nicht durch Gesetze regulieren. Natürlich könnte man im Grundgesetz einbringen, dass Aberglaube mit sofortiger Wirkung auf der Roten Liste der bedrohten Denkarten zu finden sei. Dennoch wird der Müller oder Meier oder Schulze weiterhin mit Glanz in den Augen sofort in die nächste Lottoannahmestelle rennen, sobald er auf der großen Wiese des Stadtparks neben einem der vielen Hundescheißhaufen ein vierblättriges Kleeblatt findet. Gegen​ dieses ungestüme Verlangen in Dresden Runde um Runde zu drehen: dafür sind mir meine wenigen Schuhe echt zu schade. Die Dummheiten wechseln, und die Dummheit bleibt. So Erich Kästner. Und mein Demonstrationsrecht hebe ich mir auf, wenn es gegen Diktaturen im Allgemeinen geht. Dass hierbei religiöse inbegriffen sind, versteht sich von selbst. Und “Merkel muss weg!” zu rufen halte ich auch für wenig hilfreich, wenn man bedenkt, dass auch der gemeine Querulant nur die Marionetten ausgetauscht sehen will, das Kasperleheater an sich aber nicht anrühren. Soll heißen: Ausbeutung ja bitte, aber nur für die anderen. Dazu kam ich nach einer kaum der Rede werten Überlegung wiederum zu der Erkenntnis: mir wurde ja nicht nur die Gnade der späten Geburt zuteil,  nein, ich wurde auch geografisch recht günstig in diese Welt geworfen. Es gab und gibt nämlich Zeiten und Orte, wo das Mensch sein schon immer weit beschwerlicher war und immernoch ist. Hier empfiehlt sich der zurecht kleinliche Blick in Geschichtsbücher, aktuelle Reisereportagen oder auch auf museale Kupferstiche. Und die gute alte Zeit ist schließlich immer genau jetzt und sieht man mal vom Vorabendprogramm deutscher Fernsehsender ab, so lässt es sich hier doch ganz annehmlich leben. Dass es wirtschaftliche und politische Sachverhalte gibt, die es dringend zu verbessern gilt (an dieser Stelle darf die jeweils subjektive Mängelliste eingefügt werden!), streite ich nicht ab. Allein aber, solch einen Gedanken äußern zu können, macht mir mein deutsches Heimatland doch schon recht wohnlich. Dass man hier zudem eher an Adipositas als an Hunger stirbt, rundet die Sache wahrlich ab. Eine Aussage, die sich auch schwerlich widerlegen lässt, denn das alle Welt in die starken deutschen Arme flüchten will, legt beinhartes Zeugnis von ihrer Möglichkeit ab. Kein Schwein flieht nach Burundi. Und da sind eventuell hochwertigere Vorabendprogramme als Sturm der Liebe und Das perfekte Dinner noch nicht einmal mit berücksichtigt. Dass selbstverständlich nicht alle Welt kommen kann ist allein mathematisch, also rein vernunftgemäß, erkennbar, bedarf somit doch keiner verbal in den öffentlichen Raum gestellter  Emotionen. Ein Quadratmeter ist ein Quadratmeter ist ein Quadratmeter. Und ein Euro ist ein Euro ist ein Euro. Natürlich kann man beides teilen. Aber eben nur soweit, dass der einmal errungene durchschnittliche Lebensstandard nicht stranguliert wird. Denn dann wird die Luft für den Eingeborenen gefüllt dünn und in dünner Luft neigt der Mensch zu Hyperventilation, bei stetem Klettern in Gebirgen soll sogar das Hirn unwiderruflich schrumpfen. Und so wie Reinhold Messner in großer Höhe den Yeti zu finden glaubte, findet der eine oder andere Dresdner dann sogar schon in Bodenhöhe allerlei Bedrohungen. Und dann wedelt man ihm schnell Luft zu von rechts, die aber gar nicht frisch, sondern modrig und abgestanden ist, weil aus dem vorherigen Jahrtausend. Man verkauft sie ihm nur als frischen Wind. Auch hier gilt es in Geschichtsbücher nicht nur zu blättern und man sollte schnell erkennen: gegen diesen Mief ist ein Yetifurz ein Gemisch aus Meeresbrise und dem, was aus offen stehenden Sauerstoffzelten strömt. Fragen Sie Reinhold Messner. Aber schlussendlich kenne ich Leute, die würden sich sogar im Schlaraffenland über nicht aushängende Nährwerttabellen beschweren. Doch solcherart Mitbürger liefen uns in Dresden nicht über den Weg. Allesamt waren sie freundlich und sehr bemüht, ihren sprachlichen Makel nicht überzubetonen. Selbst die in unserem Hotel tätigen Servicekräfte aus Osteuropa sächselten kaum.

Und genau an dieser Stelle meines Gedankenflusses öffnete ich meine Augen und sah, wie der Kater zu meinen Füßen gähnte und seinen Schwanz von links nach rechts warf. Ich tat ihm gleich und rief in Richtung Gattin nach Kaffee. Schließlich bin ich der beschissene Mittelpunkt der Welt.

05/2017 ©kolumnistenschwein.de

Advertisements

Gedanken. Gebündelt. Ohne Goldschnitt.

Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert. Den hält zwar momentan noch irgendein anderer Bekloppter für dich warm, einer, der sich vielleicht für Jesus oder Napoleon hält, oder, als Härtefall, gar für alle beide. Und dies nicht mal abwechselnd. Muss man sich mal vorstellen: Jesus am Kreuz mit so ‘nem Riesenapparat von Zweispitz auf der Birne! Gegen so was muss man doch was tun! Mit Tabletten. Ans Bett fesseln. Oder/und Elektroschocks. Schließlich wäre es dem Baguettefresser doch bestimmt peinlich gewesen, mit dem gottgepuderten Judenbalg in Verbindung gebracht zu werden. Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen umzubringen. Soll Napoleon gesagt haben. Und da hat er ja so Unrecht nicht. Du sollst nicht töten. So steht es geschrieben, was aber in bisheriger Auslegung stets so zu verstehen war, dass du vor allen deinem Ausbeuter nicht den Scheitel ziehst. Gegen Mitglieder  deiner sozialen Kaste in den Krieg ziehen, da gab und gibt der Pfaffe gern mal seinen Segen. Ich selbst bin ja nun nicht so übermäßig religiös. Eher weniger. Also mehr gar nicht. Glauben. Dementsprechend nicht wissen. Das ist halt nicht so mein Ding. Wobei das mit dem Wissen ja bei mir jetzt auch nicht so stark ausgeprägt ist. Durch meine Wissenslücken kann ein Schwertransporter brettern, ohne auch nur ansatzweise irgendwo anzuecken. Und zwar Quer. Und mit hinten weit heraus hängender Ladung. Doch alles kein Problem. Wo doch ein kurzer Blick in TV und Zeitung zeigt: Blöd sein ist das neue Master. Doktorhut adé! Willkommen Narrenhut! Keine Sau interessiert sich noch für Fucking Fakten, Hauptsache das Maul aufgerissen und das, was man nicht weiß heraus geblökt, so dass man über die per Grundgesetz jedermann eingeräumte Meinungsfreiheit vor allem sagen muss, sie ist der Acker, auf welchem Idioten fett und raumgreifend in robuster Blüte stehen. Und vor allem: die düngen sich gegenseitig. Scheiße wurde ja schon von jeher in breitem Strahl in die Furchen geschmissen. Heute also der perfekte Kreislauf: Scheiße reden – Scheiße konsumieren – Scheiße reden. Und am Rande des Ackers stehen Akademiker und Journalisten und aus dem, was ihnen auf die Schuhe spritzt, versuchen sie den Zustand unserer Gesellschaft heraus zu lesen. Klar, könnte ich glauben, so wäre mir dieses bis zum Hals in Kot stehende Diesseits allemal nur ein Lächeln wert. Über die Sinnlosigkeit des Seins könnte ich eine aus Angst und Unterwürfigkeit gestrickte Mütze ziehen, auf dass auf der Kahlköpfigkeit des Hier und Heute fetttriefende Locken aus hohlen Versprechungen wachsen. Kann ich aber drauf verzichten. Selbst wenn mir ein Glauben – ganz gleich mit welcher Fantasiegestalt – mir meinen Irdischen Weg glätten würde, wie die Geisteskranken beim Curling mit ihrem Besen das Eis für olympisch geschleuderten Granit.  Was soll denn aber auch bitteschön schlecht sein an einem Leben ohne Sinn? Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Ich war in Behandlung wegen Depression. Böse Sache. Doch im Nachhinein muss ich sagen, es war die verdammte Suche nach einem ganz gleich wie gearteten Sinn, die mich in dieses dunkle, vermeintlich leiterlose Loch stieß. In der Lebensmitte, wenn du denkst, dass kann doch jetzt wirklich nicht Alles gewesen sein. Dieses ziellose Wanken und Wirken, dieses Trudeln und Treten auf der Stelle, bis der Boden darunter so dünn wird, dass er bricht und du zu Grabe gehst. Heute geht es mir besser. Wenn man mal von den Tagen absieht, an denen das Serotonin und das Dopamin und das ganze grinsrübenmachende Zeugs sich im Hirne irgendwie dünne macht. Drüsendüsen verstopft. Oder so. Kommt ab und an halt vor, was als Ursache dann aber doch eher in einer Panne im feststofflichen System zu suchen ist. Dass es hingegen keinen Sinn gibt, rüttelt heute an mir nicht mehr, als ein Steinbock an den Alpen. Im Jahr 2020, so las ich, wird Depression die zweithäufigste Todesursache sein. Verrückt. Dabei geht es uns – also den meisten Menschen – existenziell gut. Fressen satt. Frieden auch. Playstation sowieso. Vielleicht geht es uns ja auch zu gut. Überfressen. Überfriedet. Überplaystationt. Zu DDR-Zeiten, da wussten wir, es kann nur besser werden. Jetzt ist es besser, doch steht nun die Frage im Raum: Was kann es da eigentlich noch werden? Noch besser? Damit im Jahre 2030 Depression endlich den ersten Platz im Ranking der Todesursachen für sich beanspruchen kann? Oder ist es vielleicht so, dass unser Leben von uns erst als lebenswert befunden wird, wenn man darum kämpfen muss? Soziales Elend von Hartz4 auf Hartz8 gesteigert. Krieg in jedem ungeraden Jahr. Und in geraden Jahren einen schönen Hirntumor. Damit wir endlich wieder etwas positiv in die Zukunft blicken! Ganz frei nach dem Philosophen Camus, nach dem Sisyphos nur ein glücklicher Mensch war, weil er Tag für Tag den selben doofen Stein nach oben rollen musste. Liegt der Grund für die allgemeine große Depression aber dagegen allein in der allgegenwärtigen sozialen Schieflage, so zweifle ich stark am Tun und Lassen unserer Schulmedizin. Denn die verschreiben gegen durchs System ausgehobene Stimmunggräben allein nur Pillen und stundenweise Liegenschaft beim Seelenklempner. Müssten sie hingegen nicht beidhändig mit Rezepten um sich werfen, auf denen ärztlich angeordnet steht: 3 mal täglich eine Börse anzünden! Und: Morgens auf nüchternen Magen einem Finanzspekulateur schwungvoll in selbigen schlagen! Da kannst du aber zusehen, wie die Depression sich winselnd vom oben angesprochenen Acker macht! Natürlich würde es die Sinnfrage nicht gegenstandslos, aber wenigsten doch gehörig Spaß machen. Und eventuell ist die Sinnlosigkeit ja auch gar nicht im Großen und Ganzen, sondern vielmehr in uns selbst begründet. Die von mir in längeren Denkprozessen entwickelte Formel

Tier+Gier=Wir

kann zur Klärung dieser Frage nicht nur Grundlage sein, sondern hat zudem das Zeug dazu, Einsteins

E=m mal schlagmichtot

endgültig an intellektueller Durchschlagskraft den Rang abzulaufen.

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch nur auf der Welt ist, um diese in ihrer Existenz zu bestätigen, könnte man mit einem Selbstmord die gesamte Welt auslöschen. Irgendwie, das gebe ich zu, ein sehr verlockender Gedanke. Sinn. Der Sinn. Der Sinn des Lebens. Wenn du dir über den erst Gedanken machst, dann ist der Platz in der Geschlossenen für dich schon so gut wie reserviert.

11/2016 ©kolumnistenschwein.de