Der Arsch und sein Loch

Ich gehe tatsächlich davon aus, dass es gut ist, mich in einem Bereich arbeiten zu lassen, welcher von Sonnenlicht und Menschen weitgehend gemieden wird. Das “Loch”, wie ich die Abteilung nenne, ist ummantelt von dickem Beton; da bekommt man wirklich erst an Feierabend mit, ob es draußen geschneit hat, oder der Ort von Ungarischen Husaren überrannt wurde. In diese Abteilung verläuft sich nur, wer sich tatsächlich verlaufen hat. Und die acht Stunden, die ich aus Gründen der materialistischen Sicherstellung meines doch recht überschaubaren Lebens im “Loch” verbringe, sind ja auch acht Stunden, in denen ich meine Mitmenschen nicht mit meinen Theorien zum großen Ganzen kontaminiere. Meine Ideen sind nämlich per se nicht immer sozialverträglich. So machte ich in von Brotkrumen und Jammern erfüllter Frühstückspause mal den Vorschlag, uns, und auch alle anderen Einwohner des Ortes, am Sonntag um 08.00 Uhr in der Früh auf dem Marktplatz zu treffen, um gemeinschaftlich Suizid zu begehen. Denn auf einen Schlag 3000 Konsumenten und Steuerzahler weniger: das nenne ich in Sachen Systemkritik doch mal eine Hausmarke! Doch es folgten wie gewohnt und auch erwartet nur die üblichen Ausreden. Ich schlafe sonntags gern ein bisschen länger. Oder: Ich vertrage Gift immer so schlecht. Nun ja. Ich hab`s wenigstens versucht. Und nun bin ich ja im “Loch”. Da bleiben meine konstruktiven Gedanken spätestens am Beton hängen, fließen die Wand herunter und werden freitags mit all dem anderen Dreck einfach in den Gully gespült. Man bleibt unter sich, intellektuelle Quarantäne, Selbstgespräche um Gott und die Welt und Vollkornbrot. Ja, Vollkornbrot. Auch so ein Thema, welches justiziabel nach gründlicher Aufarbeitung schreit. Schließlich ist es doch so: Vollkornbrot ist im optimalen Fall nicht nur der Ästhetik wegen mit Sonnenblumenkernen, Kürbiskernen oder anderen Sämereien bestreut. Doch kaum greift man das Brot mit Händen um es in eine Tüte zu stecken, löst sich zum Großteil all das Körnige um als Streugut vor des Hungrigen Füße zu fallen. Und nimmt man das Brot zu Haus aus der Tüte, trennen sich Brot und ausgedünnter Zierrat endgültig und das Brot ist kahl wie die Scham einer Achtzigjährigen. Ich habe zwar noch nie die Scham einer Achtzigjährigen gesehen, kann mir aber vorstellen, sie sieht aus wie die entkörnte Oberfläche von einem in eine Tüte gesteckten Vollkornbrot. Jedenfalls werden Brot und deren knusprigen Zierelemente regelmäßig mit chirurgischer Präzision vorm Genuss wie Siamesische Zwillinge getrennt, und bleibt doch einmal ein Korn auf dem Brot kleben, so hebt es spätestens beim Schneiden mit dem Brotmesser ab, um in hohem Bogen einer Sackratte gleich unter beliebige Küchenmöbel zu springen. Manchmal, also fast immer, kippe ich mir die abgefallenen Sämereien aus der nun brotlosen Tüte direkt in den Mund. Was als Kritik am Bäckerhandwerk natürlich ein ganz klares Werfen hinter den Zug ist. Man geht ja auch nicht zum Mercedes-Händler, macht eine Probefahrt, während welcher sich Motorhaube, Stoßstangen und Sitzbezüge sich nacheinander lösen und in verschiedenen vegetativen Zonen landen, fährt zurück zum Händler und sagt, man nehme gerne gleich zwei. Da hätte der Autoverkäufer doch die Grünphase seines Lebens! Somit ist mir schon klar, dass ich mich, auch wenn ich der gesamten Bäckerinnung mit leerer Brottüte in der Hand Körner kauend Mehltau an die primären Geschlechtsteile wünsche, mich keineswegs im Widerstand befinde. Gier schlägt halt Ratio. Die Kritik versumpft im Gelände der Naschhaftigkeit. Apropos ungezügelte Fresssucht. Da sah ich doch letztens tatsächlich einen Herrn gesetzten Alters, welcher im Schatten des Bushaltestellenhäuschens genüsslich Tomatenmark aus einer Tube sog. Und dies mit einer ins Gesicht gemeißelten Glückseligkeit, die unsereinem nur widerfährt, wenn wir Hummerschwänze lutschen oder Eierlikörreste aus mit Schokolade geteerten Waffelbechern lecken. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, im Tomatenmark mehr zu sehen, als ein Konzentrat zusammen gekehrter Reste aus Tomatengroßhandelsmarkthallen. Doch dieser Mann, der das Mark aus den roten Früchten eines Nachtschattengewächses genießerisch aus der Tube zwischen seine Lippen presste, der schien in jenem Gemüsekonzentrat seinen inneren Frieden gefunden zu haben. Solch einen zufriedenen Gesichtsausdruck sah ich bis zum heutigen Tage nur einmal, und zwar bei unserem Kater, als mir die offene Dose mit Leckerlies aus den Händen rutschte. Diesem das Bushaltestellenhäuschen angrinsenden Tomatenmarksuckler waren Brot und dessen sich lösenden Zutaten augenscheinlich scheissegal. Doch wenn im Tomatenmark also tatsächlich glückselig und somit unkritisch machende Substanzen stecken, so bleibt die Frage, ob sich aus vereinzelten debil wirkenden Tomatenmarkjunkies fürwahr schließen lässt, Tomatenmarken seien die neuen Chemtrails? Und ist Tomatenmarken überhaupt der korrekte Plural von Tomatenmark? Angesichts solcher Problematik beißen selbst gestandene Verschwörungstheoretiker verzweifelt in ihren Aluhut. Und vielleicht ist ja auch an all dem was dran, denn einem Volk, welchem man Teepackungen verkauft, auf denen Anleitungen zu lesen sind wie “Nehmen Sie einen Filterbeutel aus der Verpackung …”, dem muss man doch was ins Wasser bzw. in die Luft getan haben, denn naturgemäß kann doch kein Mensch so blöd sein, Tee in der Pappschachtel zu überbrühen. Das kriegen ja selbst Frauen hin. Was jetzt keineswegs diskriminierend gemeint war, denn Männer, die kriegen ja auch nicht alles hin. Wenn ich zu Haus per Hand das Geschirr spüle, sieht das Geschirr danach keinen Deut besser aus, als vorher. Es glänzt fettig und hat einen Nährwert, welcher Weight-Watchers-Leuten nach oben gezogene Augenbrauen macht. Und bügle ich, so sieht das Hemd danach aus, als hätten japanische Schulmädchen Origami geübt und ein auf unserem Planeten unbekanntes Tier gefaltet. Aber!!! (Und hier scheint mir nicht eines der drei angefügten Ausrufezeichen auch nur ansatzweise zu viel!) DIE MEISTEN FRAUEN UND MÄNNER WISSEN, DAS MAN DEN TEEBEUTEL AUS DER PACKUNG NIMMT, BEVOR MAN DIESEN ÜBERBRÜHT! Ja, dies ist eine jener Sätze, welche ich bisweilen im “Loch” laut heraus schreie, worauf der Satz sich an den Betonmauern bricht und mir als Echo endgültig den Rest gibt. Und die roten Flecken, die da und dort den Beton zieren, das sind die Stellen, an denen ich im Takt der im oberen Stockwerk stehenden Maschine mit der Stirne an die Wand schlage. Kein Sonnenlicht. Keine Menschen. Nur Gedanken, die sich im Kreise drehend an ihrer Schroffheit ums Vollkornbrot wund laufen. Meine wirklich allerletzte Hoffnung ist der Kerl an der Bushaltestelle, der mit der Tube in der Hand. Mit etwas Glück ist es nämlich ein Tomatenmarkspender.

10/2017 ©kolumnistenschwein.de

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Herr Ober! Die Rechnung bitte!

Ich träumte, ich wäre tot. Also noch nicht ganz, aber doch schon mittig im Prozeß des Sterbens stehend liegend. Und man flößte mir dabei so ein Zeugs ein, um mich zu plastifizieren, mich also für die Nachwelt zu konservieren, aus Gründen, die ich leider nicht mit träumte. Und ich spürte im Sterben, wie die Flüssigkeit in mich eindrang, in meine Beine sackte, von den Füßen an erst gallertartig war, dann fest und starr und immer fester wurde, und wie dieses Gefühl von Beton langsam aber stetig in mir hoch kroch. Kurz bevor es am Sack war, wachte ich auf. Nicht schweißgebadet, aber doch froh, denn Träume, in denen einem die Eier versteinern, lassen einen über viele Stunden mental wenig belastbar zurück. Und ich komme frühs sowieso kaum zu Potte, da die Ausschüttung von Grinshormonen – namentlich Serotonin und Dopamin – bei mir irgendwie gehemmt ist, was dazu führt, dass ich bis zum Frühstück allein mit den verschiedensten Möglichkeiten von Suizid kopfseitig voll ausgelastet bin. Und wenn ich dann schon im Geiste in der Garage hänge, sind Hoden aus Beton, die nun unterhalb der knapp überm Boden baumelnden Füße mit ihren Haaren den Garagenboden kehren, nicht unbedingt stimmungsaufhellend. In Würde sterben sieht nämlich anders anders. Aber wie gesagt: umbringen will ich mich immer nur bis zum Frühstück. Danach geht’s emotional bergab.

Nun ist der Tod als Gesprächsthema nicht unbedingt ein gern gesehener Gast. Denn wenn wir doch auch alle ins Gras beißen müssen, so sieht man im Allgemeinen doch zu, dieses Gras kommunikativ stets recht kurz zu halten. Verdrängung pur, dabei ist es mit dem Sterben wie mit dem Morgenschiss: wir kommen allesamt nicht drumrum. Rein rechnerisch gesehen ist man ja weitaus länger tot als lebendig, so dass man sagen muß, die übermäßige Konzentration aufs kaum bemerkenswerte Diesseits lässt uns die Vorbereitung aufs wahnsinnig große Jenseits leider sträflich vernachlässigen. Nur die Alten wissen noch, stets mit sauberer Unterhose auf die Straße zu gehen, denn der Tod, der lauert an jeder Kreuzung, jedem Zebrastreifen, jeder übersehenen Ampel. Mit Tigerslip in die Ewigkeit einzugehen ist zwar prinzipiell möglich, doch liegen zwischen Ableben und Walhalla etliche Stationen, bestückt mit Rettungssanitäter, Notarzt und Bestatter, denen Angehörige, trotz aller Krokodilstränen, noch mit festem Blick in die Augen schauen wollen. Ob es sich allerdings in frischer Unterwäsche besser stirbt, darüber schweigen sich die meisten Meinungsforschungsinstitute ungefragt aus. Ich selbst denke, auf mein weltliches Ausscheiden gut vorbereitet zu sein. Kind gebaut. Haus gepflanzt. Baum gemacht. Meine To-do-Liste ist leer. Sogar auf einem Poetry Slam bin ich aufgetreten. Und zwar mit folgendem Text.

Letzte Nacht erwachte ich bereits kurz nach Zwei Uhr und konnte nicht wieder einschlafen. Ich versuchte es mit Atemübungen und Schafe zählen. Zwecklos. Schon nach kurzer Zeit brachte ich das dreimal tief Einatmen und das dreimal noch tiefer Ausatmen durcheinander und die Schafe begannen unkontrolliert herumzubumsen. Ich schlug die Augen auf. Mondlicht stolperte über eine auf dem Boden liegende, mir völlig unbekannte Herrenunterhose. Wahrscheinlich stand der Wind wieder ungünstig. Und seitdem wir diesen Altkleidercontainer in der Nähe haben… . Na ja. Eine lange Geschichte. Ich stand auf und schloss das Fenster. Doch was tun um die nächtliche Zeit? Ich könnte ein Buch lesen. Oder auf dem Sportkanal Schlampen  gucken. Oder auch einen Ring schmieden, um sie alle zu knechten. Von Letzterem sah ich dann aber doch ab, weil die Gattin erst kürzlich meinte, sie bekäme im Schlafzimmer bei offenem Feuer kein Auge zu. Seitdem gibt es bei mir nach Mitternacht keinen Stockkuchen mehr. Gegen halb Drei beschloss ich, in der Küche etwas nachzudenken. Zum Beispiel darüber, warum man überhaupt schlafen muss. Selbst wenn man es verfickt nochmal nicht kann. Laut Eierköpfen ist Schlaf ein Relikt aus der Zeit, in welcher unsere Vorfahren noch wechselwarm waren. Da war nachts der Ofen aus. Man lag schockgefrostet in seiner Höhle, träumte von elektrischen Heizdecken und Feuerzangenbowle, bis die Sonne missgelaunt wieder zur Frühschicht antrat. Irgendwann bekam die Natur dann aber den Bogen heraus. Und erfand eine Wärmeregulierung, die es zwielichtigen Säugetieren ermöglichte, auch nachts um die Ecken zu ziehen. Aber irgendwie hat die dafür zuständige Hirnregion gepennt und dies nicht mitbekommen. Also blieb es beim über Millionen von Jahren verfestigten Ritual:  Tagesschau. Wichsen. Schlafen gehen. Tagesschau bekam ich gestern hin. Danach begannen die Probleme. Man ist halt keine Fünfzig mehr. Die Konzentration lässt nach, wie die Vergesslichkeit zunimmt. Und dann guckt man verdutzt an sich herunter und weiß gar nicht mehr, warum man seinen Schwanz überhaupt in der Hand hält. Dann glitten die sexuellen Fantasien vollends ab in die Welt von Schlagerparaden, Stützstrümpfen und Kukident. Und die Erektion fiel zusammen, wie eine von Wohlstandswänstern an Maltes 5.Geburtstag ramponierte Hüpfburg. Das war das Signal, die Feinripp wieder hochzuziehen und in Richtung Sofa zu schlurfen. Mit Fünfzig sollte man eh keine Kinder mehr machen. Da kommt doch nur noch Grobzeug bei raus. Ich habe eine Bekannte, die bekam ihren Sohn erst mit Vierundvierzig. Der ist so Scheiße, dass ich mich oft frage, ob sie den bei seiner Geburt überhaupt durchs richtige Loch gepresst hat. An Verkaufsoffenen Sonntagen sieht man ja auch, einen Mangel an Menschen haben wir nicht. Und jetzt auch noch die Asylanten. Ich denke, es war ein großer Fehler, all die Farbigen ins Land zu holen, bevor man verblüfft feststellte, dass wir in Deutschland gar keine Baumwollfelder haben. Inzwischen war auch unser Kater erwacht und tatzte mir interessiert zwischen die Beine. Verdammter Jagdtrieb, dachte ich, ging zurück ins Schlafzimmer, hob die Unterhose auf und zog sie über meine Feinripp. Dann begann ich der Postbotin aufzulauern, um des Nachbarn Zeitung gegen eine von letzter Woche auszutauschen. Das mache ich seit Monaten. Und ich wusste, wie sehr der Mann unter dieser medialen Zeitverschiebung litt. Der hatte richtigen Jetlag. Doch ich fühlte mich noch nie berufen, diese Welt zu retten. 04.45 Uhr. Todmüde stieg ich vorm Haus ins Auto ein. Todmüde stieg ich vor der Firma aus. Sekundenschlaf wird eindeutig überbewertet.

Damit ist der Drops für mich gelutscht. Wer mag, darf mir mein Leichenhemd aufbügeln. Ich habe fertig.

02/2017 ©kolumnistenschwein.de